Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 7 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Neue National-Zeitung" Nr. 7 rEU LLETON. HERMANN MENKES: Der Liebesgarten. (Schluss). Der Gaon steht da, verwirrt und gelähmt von einem noch nie Oeschauten und einer ungeahnten Heiligkeit. Eva weiss nicht mehr, wer vor ihr jetzt mit schmerzlichem Gesicht und flehend erhobenen Armen hinkniet, weiss nicht, wem sie ihre zitternde Hand hinreicht und wer sie dahinführt. Est ist Jona. Und wie der Gaon seinen Sohn an der Seite des Weibes, das ihm wie die Sünde erscheint, sieht, bedeckt er sein Gesicht mit beiden Händen und geht. Jona aber tanzt mit Eva ganz allein während der tiefen Stille und Angst, die ringsum herrscht. Es ist ihm, als ob er über goldene Stufen emporsteigen würde. Und oben steht seine tote Mutter; sie presst das Gebetbuch an ihr Herz und wartet auf ihn, auf ihren Sohn, der mit seiner Braut über goldene Stufen emporsteigt. Baruchs Geige weint . . . Aber es war nicht die Mutter, die dort oben stand, sondern der Tod mit grinsendem Schädel und erhobener Hippe. Es hatte sich jemand in dem grausen Maskenscherz gefallen und kam in dieser schaurigen Verkleidung und wartete auf die Braut, um mit ihr zu tanzen. Und Eva fiel wie ein von der Sichel getroffener Halm hin, als sie ihn erblickte. Jona fing sie auf und trug sie mit einer letzten und starken Kraft durch Verzweifelte und Irrgewordene. Er trug sie fest in seinen Armen. Der Morgen begann zu grauen. * * * Es war der Tod in Josuas Haus eingekehrt und irgendwer hatte in aller Frühe über die Aussenwände mit einem langen Kohlenstrich das düstere Zeichen gezogen. Man kam zum Gaon, um ihn zu fragen: „Wo soll Josuas, des Sünders Tochter, bestattet werden, da wir ihr den »heiligen Ort'*) als Ruhestätte verweigern?w „im Garten, den ihr Vater der Sünde geweiht hat", sagte der Gaon. Man kam wieder nach Stunden und fragte ihn: „Wo soll dein Sohn Jona bestattet werden? „Ich habe ihn längst bestattet. Begrabt ihn dort, wo er von mir abfiel und sündigte", sagte wie mit einer fremden Stimme der Gaon und machte einen Riss in sein Gewand--- Als die beiden Hügel im Liebesgarten aufgeschichtet waren, da erhob sich Josua Heiman aus seiner Gebeugtheit und sagte: „Ihr beide, — so hatte ich es einmal gewollt! Und so hatte es auch Gott gewollt." * * * Josua wusste jedoch, dass er ein Werk der Vermessenheit vollbracht, das sein eigenes Leben zerbrach. Ihm hatte sich eine Macht entgegengestellt, die aus tiefern Quellen floss, aus alter Entsagung, aus altem Glauben und alter Tradition. Der Gaon hatte gegen ihn gehandelt und hatte seinen eigenen *) Judenfriedbof. Sohn, der in seine Welt nicht mehr passte, dargebracht. Das war die Gewalt und Willensgrösse eines schwachen und lebensarmen Mannes, der etwas Schreckliches, Grosses und Feindliches verkörperte als Diener jenes jüdischen Gottes, der da zürnt und rächt bis in späte Geschlechter. Josua Heiman aber fühlte in sich noch Kraft genug, jetzt, da so vieles vernichtet wurde, auch noch dieses Werkzeug zu zerbrechen. Die Rechnung hatte noch keinen Abschluss gefunden. Der Gaon hatte mit seinem Fluch sein Kind, seine Eva mitten in ihren wonnevollsten Stunden getroffen. Da galt es noch zu rächen und den Kampf auszukämpfen mit welchen Mitteln immer. Das war noch zu tun, und Josua begann Ordnung zu machen. Er schlug seine Warenvorräte zu Geld und schloss für immer die Tore seines Hauses. Er ging hin und verteilte Gaben an diejenigen, die in Not und Kummer waren und stand da und fragte auf offenem Markt: „Sagt, wessen Tränen noch ich verschuldet, wem ich wehgetan und wen ich mit ins Verderben gezogen? Ich gehe von euch - wessen Fluch wird den Einsamen auf seinem Weg begleiten?" Es herschte ein Schweigen, nachdem er die Worte gesprochen und Josua ging. Aber als er sich dann umwandte, sah er ein mächtiges Geleite von Weinenden hinter sich und er winkte in einem letzten süssen Gefühl, dass etwas an ihm doch geliebt wurde, das frohe lachende Leben, dem er gedient. Aber dieses aufkeimende Glücksgefühl eines empfangenen späten Dankes vermochte seinen Willen nicht zu schwächen. Als er in die Hauptstadt kam. ging er zum Wojewoden und sagte ihm nach einer würdevollen Verneigung: „In meiner Stadt gibt es einen, der ist vielleicht mächtiger als du. Es ist ein kleiner Jude, halb Teufel und halb Gott. Er verachtet das Leben und alle, die ihm dienen. Seine Lehre gebietet Demut vor Gott und Stolz und Trotz vor den Mächtigen der Erde. Eine deiner Städte, in die ich Reichtum und Leben gebracht, verarmt, weil der Gaon Leben und Genuss hasst. Die Menschen werden dahinsiechen in dem gefährlichen Wahn, den der Gaon verbreitet. Er war mächtiger als ich, der ich den Leuten Brot gab. Wojewode, kann er auch machtvoller sein als du?" „Er soll auf öffentlichem Markt gezüchtigt und gedemütigt werden", gebot der Wojewode. Nun ging Josua Heiman befriedigten Herzens und verliess sein Vaterland, um nie mehr dorthin zurückzukehren. Und als der Tag der Züchtigung kam, da hatten des Gaons Getreuen aus Fern und Nah sich um ihn versammelt und sassen in der Synagoge voll Kummer, betend und fastend. „Ein Bannfluch dem Josua Heiman" hatte einer unter den Versammelten fordernd gerufen. „Er sei ausgeschlossen von jeder jüdischen Gemeinschaft, sein Auge erblinde, sein Mund verstumme, da er dich und uns verleumdet!" Der Gaon aber wehrte ab: „Still, still. Er ist schwer durch mich getroffen worden, Gottes Wille geschehe", und stellte sich hin und sprach wundersame Worte wie einer, über den Gottes Geist gekommen. Er baute goldene Throne aus leuchtenden Worten und erhob so die Niedersten, die um sein Unglück weinten.