Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 7 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 „Neue National-Zeitung" Seite Q volle Gleichberechtigung und betätigen sich hervorragend auf dem Handelsgebiete, insbesondere befindet sich der Manufakturhandel fast ausschliesslich in ihren Händen. Dagegen bieten die bucharisch-sephardischen Juden in geistiger Hinsicht ein wenig erfreuliches Bild. Sie sind zwar fromm und gesetzestreu, kennen aber die Gesetzesquellen wenig, und ihre Frömmigkeit trägt den Charakter der Aeusserlichkeit. Von einer inneren Anhänglichkeit an das Judentum und zum jüdischen Volk merkt man bei ihnen nichts Die Jugenderziehung befindet sich in einem verwahrlosten Zustand. Das „Cheder-System" in seiner ganzen unhygienischen und verderblichen Art herrscht in allen bucharisch-sephardischen Oemeinden vor, wobei je 50 bis 60 Knaben in einem „Cheder" von einem rohen, ungebildeten „Melamed" (Lehrer) der Siddur (Gebetbuch) eingedrillt wird. Noch schlimmer steht es mit den Mädchen, die überhaupt keine Erziehung erhalten und zu 12—13 Jahren, ohne befragt zu werden, an einem Mann verkauft werden. Bei der Geburt eines Mädchens, das man als ein Unglück betrachtet, wird den Eltern kein „Masel tauw" (Glück) gewünscht. Das Verhältnis der Bucharen zu den russischen Juden ist ein mehr als indifferentes. Was sind „Chuetas"? Anlässlich einer Diskussion über „die Juden am alt-osmanischen Hofe" in der „Frankfurter Zeitung" ist auch von den „Chuetas" die Rede. Diese „Chuetas" sind analog zu den Marannen, die auf Mallorca wohnenden Abstämmlinge der ludenchristen, d. h. derjenigen Juden, die unter der Herrschaft der spanischen Inquisition zum Schein das Christentum annahmen. Auch der jetzige spanische Minister-Präsident M a u r a wird zu dieser Klasse von „Judenstämmlingen" gerechnet. Denn Maura stammt von der Insel Mallorca, wo, wie auf den Balearen überhaupt, noch heute die Familien, deren Abstammung sich von den Judenchristen herleitet, von derührigen Bevölkerung „Chuetas" genannt werden (eine Abwandlung der mallorquinischen Dialektform „jueu" für das spanische „judio"). Diese eigenartige Rassenscheidung spielt heute noch im sozialen Leben der Balearenhewohner eine bedeutende Rolle. Der bekannte Romanschriftsteller Blasco Jbanez hat das „Chueta"-Problem in den Mittelpunkt seines soeben erschienenen Romans „Los muertos mandan" (Die Toten bestimmen) gestellt. Blasco Ibanez setzt sich mit der Frage unverzüglich auseinander, sobald er dem Leser seinen „Chueta"- Helden, den Schiffskapitän Pablo Valls präsentiert. Er sagt von ihm: „Er (Valls) war weit in der Welt herumgekommen. Er hatte lange Zeit in England und den Vereinigten Staaten gelebt und von dem Aufenthalt in enen Ländern der Freiheit, wo man unempfänglich ist für religiöse Hassempfindungen, einen kiegerischen Freimut mitgebracht, der ihn reizte, die überlieferten Vorurteile, in denen die Insel versumpft war herauszufordern. Die anderen „Chuetas" suchten, durch jahrhundertelange Verfolgung und Verachtung eingeschüchtert, ihren Ursprung zu verbergen oder ihn doch allmählich vergessen zumachen. Kapitän Valls aber benutzte jede Gelegenheit, um davon zu sprechen. Er brüstete sich damit wie mit e nem Ehrentitel und schleuderte das Thema wie einen Tusch in die allgemeine Enge des Vorurteil«. „Ich bin ein „Chueta"! Na und . , .? Jude von der jüdischsten Sorte. Alle aus meiner Familie stammen wir aus der „Gasse". In Spanien, fuhr er laut fort, gibt's keinen Christen, der sich was einbilden dürfte. Wir sind alle Enkel von Juden oder Arabern und wer es nicht ist, — na, wer es nicht ist,--der stammt vom Pfaffen ab." Theodor Reinach, der jüngste Bruder von Josef und Salomon R., ist zum Mitglied der Akademie der Inschriften und schönen Künste gewählt worden. Es gehören nunmehr der Gesamtakademie (Institut de France) zehn Juden an: vier, Michel Bräal, Salomon Reinach, Theodor Reinach und Henry Weil der Akademie der Inschriften etc.; drei, Michel Levy, Moritz Le"vy und Gabriel Lippmann der Akademie der Wissenschaften; zwei Lyon-Caen und Bergson der Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften; einer, Baron Edmund von Rothschild, der Akademie der schönen Künste. kiterafur. Salamon Dembitzer: Lebens-Klangen. (Jargon- Gedichte.) Bei Eckert & Jesnitzer in Cassel, 1909. Unsere;ung-jüdischen Dichter kranken Gott sei Dank nicht alle an dem Fehler, in den Salamon Dembitzer in seinen uns vorliegenden kleinen Bändchen lyrischer Gedichte verfällt: pessimistische Melancholie, melancholischer Pessimismus. Wenn dieser 20jährige Krakauer |üngling schreibt: „'Ch bin vun Elend, Not a Dichter, 'Ch hob mich schon genug geplogt .... oder: ,,'Ch bin alt un krank, un müd un matt, 'Ch hob' ausgelebt die Johren . . . ." so möchte ich ihm mit seinen eigenen Worten zurufen: „Ach du lieber, kranker Singer, Hör schon auf, genüg dos Klagen." Morris Rosenfeld's ursprüngliche und vom schwarzen Schleier der Not und tiefsten Leides verhüllte Muse scheint dem jungen, sich so alt gebenden „Dichter" irgendwie vorgeschwebt zu haben. Aber welcher grenzenlose Unterschied! Dort tut sich uns eine Welt, eine Kulturwelt auf. Hier ist alles so eng bebesrenzt, bewusst dekadent, wenig ursprünglich und meistens nachempfunden. Diese Zeilen, die sich im Versmass fast immer gleich bleiben, wirken zumeist trivial. S^ in einem Liebesgedicht betitelt: „Der Tag." .....„Denn ich bin krank un arm un schwach, Un dein Täte is a Bankier." oder: „Die Sonn' is dumm un ohn' Verstand, Sie kenn nit viel die ganze Welt — —" oder: ,,Die Nacht, die Nacht is kalt un trüb, Sie hot doch kein Verstand." Abgesehen von dem übertrieben sentimentalen und larmoyanten Ton in vielen Gedichten ist es dem Dichter unstreitig in manchen gelungen, warme, ursprüngliche Töne zu treffen. So in dem Cyklus: Lieder I und Lieder II und in seinen „Jugend"- üedi Ilten. Ein frischer, freier und burschikoser Ton klingt aus den Strophen des Gedichtes „Die Welt" und man möchte dem Dichter wünschen, dass er sich die in diesem Gedichte gezeigte Lebenspliilosophie ein bischen zu eigen mache. . . . Denn wir brauchen keine Klageweiber! Wir sind allerdings jenes Volk, das die grösste Berechtigung zum Klagen hätte. Aber schöner ist es doch, stolz aufgerichtet und trotzigen Auges als immer klagebereit in die Welt zu schauen. Und wenn unsere Jugend schon zu klagen beginnt und sich in jenen Jahren der strotzenden Kräfte, die sich in Kampf betätigen sollen, niedergebrochen in die Weit hinausschreit: ,,'Ch bin alt un krank, un müd und matt" — dann kann mir diese Jugend nur leid tun. Der Dichter soll uns ja n'cht niederbeugen, sondern erheben. Er soll uns lehren und anfeuern, mit erhobenen Haupte und kampfbereiten Arm — würdig des alten Israel — dem unbarmherzigen Leben entgegenzuschreiten. Dazu gehört aber eine voll ausgereifte Individualität Und diese fehlt noch dem jungen Dembitzer. Dies ist ihm ja auch nicht zu verargen, denn ein jeder muss sich erst zu ihr durchringen. Dies wünschen wir ihm. m. h. Persona! - Nachrichten. Herr Jakob Zupnik, Sohn und Gesellschafter unseres Gesinnungsgenossen Herrn A. H. Zupnik, k. u. k. Hoflieferant, Buchdruckereibesitzer und Redakteur in Drohobycz (Galizien). hat sich mit Fräulein Sylvia Moscovici, Tochter des Herrn Isidor Moscovici, Bankier in Folticeni (Rumänien), verlobt. Todes-Nachrichten. Nach kurzem Leiden ist Herr Karl Seligmann, Mitglied des Kultusvorstandes und Obmann des Tempel-Vereins im X. Bezirk verschieden. Der Verstorbene erfreute sich im Kreise der Wiener Judenschaft allgemeiner Achtung, um die Gründung des Tempels im X. Bezirk hat er sich Verdienste erworben. Leider war es ihm nur sehr kurze Zeit vergönnt, im Kultusvorstande zu wirken. Ehre seinem Andenken! Notizen. Klösterle Sauerbrunn. Nachdem jetzt Aussicht auf ein bleibendes mildes Wetter besteht, hat die Firma Josef Weber mit dem Versandt des allseits hochaherkannten „Klösterle natürlichen alkalischen Lithion Sauerbrunn" wieder begonnen. „Klöslerle- Sauerbrunn" wird wegen seines nennenswerten hohen Lithiongehaltes von vielen medizinischen Autoritäten als hervorragendes Kur- und Tafelwasser bei Gicht-, Rheuma-, Zuckerharnruhr-, Harn-, Nieren- und Blasenleiden, also ganz besonders zu einer mehrwöchentlichen Frühlingskur empfohlen. Der Schluss des Artikels „Statistik im Dienste der Hilfsaktion" musste wegen des aktuelleren Stoffes für die nächste Nummer zurückbleiben.! Wir bitten unsere geehrten Leser, sich bei 1 allen Anfragen und Bestellungen auf die „fleue national Zettung"; zu berufen.!