Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 7 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Neue NationaNZeitung" Nr. 7 des Abzulehnenden ist dabei fördersam, aber, wie die Begründung der Entscheidung erkennen lässt, nicht einmal unbedingt nötig. Eine neue Bibelübersetzung gedenkt die jüdische Gemeinde in Berlin zu veranstalten. Die Berliner Repräsentantenversammlung beschäftigte sich in einer ihrer letzten Sitzungen in längerer Debatte mit der geplanten Herausgabe einer deutschen Bibelübersetzung. Gelegentlich der Beratungen über die Ausgestaltung der Barmizwah-Feier war beschlossen worden, den Knaben eine deutsche Bibel als Geschenk zu überreichen. Die bestehenden Bibelübersetzungen jüdischer Autoren erwiesen sich nun aus verschiedenen Gründen für diesen Zweck als ungeeignet, so dass der Mangel eines geeigneten Werkes dem Gemeinde- Vorstand den Plan einer Neuausgabe nahelegte. Die Debatte führte zur Annahme der Vorlage des Vorstandes, welcher an die Repräsentantenversammlung das Ersuchen richtete: 1. Zur Herausgabe einer deutschen Bibelübersetzung die Genehmigung zu erteilen; 2. für diesen Zweck einen Betrag von 20.000 Mark zur Verfügung zu stellen, und 3. in gemischter Deputation, bestend aus zwei Gemeindeältesten und vier Repräsentanten, über die weitere Behandlung der Angelegenheit zu beraten. Die neue Strafgesetz-Novelle und das Schächten. Das deutsche Reichs-Justizamt hat soeben dem Reichstag den Entwurf einer Strafgesetz-Novelle vorgelegt, wodurch speziell gewisse strafgesetzliche Bestimmungen über die Tierquälerei sehr verschärft werden. Um jedoch zu verhüten, dass die Feinde des Schächten s* diese Novelle für sich agitatorisch ausnützen, wird in den Materialien zur Gesetzesvorlage ausdrücklich darauf Bezug genommen. Es heisst daher: „Insbesondere kann es bei Festhaltung dieser Merkmale keinem Zweifel unterliegen, dass die Vivisektion und das Schächten nicht unter die Strafvorschrift fallen. Denn der Forscher, der bei dem Tierexperiment im Dienste der Wissenschaft und des allgemeinen Wohles dem Tiere Qualen bereitet, oder der Strenggläubige, der bei der Befolgung der Schächtvorschriften religiösen Pflichten nachkommt, kann nicht als boshaft oder roh handelnd angesehen werden." Der neue Weltschachmeister, mit dem der bisherige Welt-Champion Dr. Lasker auf dem Petersburger Turnier den ersten und zweiten Preis teilen musste, ist der 27jährige Akiba Rubinstein aus Lodz. Er wurde im Jahre 1881 im Städtchen Staw i s k (Gouv. Lomza, Russ.-Polen), zwei Monate nach dem Tode seines Vaters, geboren. Im Hause seiner armen Mutter hat er nur Elend und Entbehrungen gekannt. Er genoss eine echte Ghetto- Erziehung, besuchte den „Cheder", lerntefleissigTalmud und Hebräisch, worin er grosse Kenntnisse erlangte. Seine Mutter übersiedelte später nach Bialystok, und dort hatte der junge Rubinstein Gelegenheit, in einem jüdischen Lokal das Schachspiel zu erlernen, worin er bald grosse Gewandtheit zeigte. Vor einigen Jahren begab er sich nach Lodz, wo er anfangs in schrecklicher Armut lebte und mit fünf Kopeken täglich sein Dasein fristen musste. Er arbeitete sich jedoch als glänzender Schachspieler empor. Voriges Jahr gewann er auch einen Match gegen den Weltmeister Marschall. Jetzt wird Rubinstein bereits als „Schachkönig" bezeichnet. Jüdische Einwanderung in New-York im Januar 1909. Im Monat Januar sind 3310 jüdische Einwanderer in New-York gegen 4889 im Januar 1908 gelandet. Es kamen Aus Russland....... 2235 „ Oesterreich......581 „ Ungarn........299 „ Rumänien....... 133 „ Deutschland...... 12 „ England ....... 25 etc. etc. Von den Neueingewanderten blieben 2417 in New- York, während 893 sich nach anderen Plätzen der Vereinigten Staaten begaben. Der verstorbene Julius von Gomperz hat für jüdische Zwecke 92.000 Kronen testiert und zwar 50.000 der Kultusgemeinde, 20.0o0 dem mähr, jüdischen Waisenvereine, 20.000 dem Frauenvereine und 2000 Kronen für die Armen. Handelsminister Oskar Strauß ist in das Kabinet des Präsidenten Taft nicht mehr berufen worden. Es bewahrheitet sich auch nicht, daß von Taft ein Jude zum Marineminister ernannt wurde. Dagegen wollte Taft den aus Galizien stammenden Juden H am e r 1 i n g zum amerikanischen Botschafter in Wien ernennen. Das Ministerium des Aeussern hat zart — abgewinkt. Das fehlte noch? Ein jüdischer Botschafter in — Wien! . . . . Bereits vor mehreren Jahren fungirte der in Krakau geborene Jude Louis Judd (früher Judkiewicz) als amerikanischer Generalkonsul in Wien. Der Strohsack im Franz Josefs-Spital — ein antisemitisches Symbol. Ueber die Mission, die ein so unentbehrliches Ding wie der Strohsack im Haushalt des Durchschnittsmenschen zu erüllen hat, lesen wir im Wiener „Forum", herrscht nur eine Ansicht: der Strohsack hat vornehmlich den Zweck, dem bürgerlichen Bett, oder sagen wir — dem Bettzeug als Unterlage zu dienen. Damit genügt er seiner Daseinspflicht. Seit kurzem aber hat sich der Strohsack zu einer schier unglaublich hohen Position emporgeschwungen. Man höre und staune. Der Strohsack hat nunmehr den erhabenen Beruf, zwei Welten zu scheiden —- die arische und die semitische od r die christliche und die jüdische. Die glückliche Idee eines so billigen Auseinanderhaltens der beiden Gruppen von Weltbürgern verdankt die Menschheit einer Wiener-Krankenanstalt. Das Franz Josefs-Spital darf mit Stolz den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, zuerst auf den genialen Einfall gekommen zu sein, sozusagen über Nacht, eine, allerdings mit Stroh gefüllte Scheidewand zwischen Juden und Christen aufgerichtet zu haben. Die Sache ging i'i einfachster Weise vor sich. Früher gab es dort ein einziges Speisezimmer für die Ärzte, in dem die Bekenner beider Konfessionen ihre resp. Mahlzeiten einnahmen, jetzt gibt es deren zwei. Früher kannte man in dem Krankenhause nur ein Billiardzimmer, das den christlichen und jüdischen Ärzten gemeinsam zur Verfügung stand, jetzt *ind dort deren zwei. Was aber das Bemerkenswerteste an der Geschichte ist, dass die Tür, die die beiden Speisesäle verbindet, mit dem vielerwähnten Strohsack genauestens ausgefüllt wurde, damit zwischen den beiden Mitgliedern desselben Standes wenigstens beim Speisen keine Berührung mehr stattfindet und die einen nicht hören, was die anderen sagen. Schuld an dieser Scheidung von Tisch durch Bettzeug trägt eine Kegelbahn. Die christlichsoziale Majorität hatte sich da zur Schonung der Patienten ein solches Spielzeug errichtet und daran die inhaltschwere Aufschrift angebracht: „Juden ist der Eintritt verboten!" Das gab den Anlass, dass sich die jüdischen Ärzte von den gemeinsamen Mahlzeiten zurückzogen, „und der Schluss war die vollständige Trennung der beiden Ärztegruppen. Soweit das „Forum". Sonst dürfte ja wohl ein grosser Teil der Wiener „Glaubensgenossen" darauf schwören, da^s es doch „heutzutage", in dem Wien, dem Ritter von Taussig Darlehen vermittelt, keinen Antisemitismus mehr gibt Die Juden in Turkestan. Die etwa 20.000 Seelen zählende bucharische judenheit leitet ihre Herkunft von den aus Babylonien nach Turkestan eingewanderten Juden ab. Ihre ökonomische Lage ist im allgemeinen befriedigend; sie. haben