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Neue Nationalzeitung · 1909-03-26 · Heft 7 (26.3.1909) · p. Seite 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 7 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 7. „Neue National -Zeitung" Seite 7. Mehr Bedeutung haben nach diesen die Salon iker Juden, auch Seriten oder Döunis genannt, von denen sich einige Tausend in Konstantinopel heimisch gemacht haben. Das sind wieder Semiten, die scheinbar zum Islam übergetreten sind und ihre Religionsübungen in den Moscheen, aber nicht an dem den Mohammedanern geheiligten Freitag, sondern an ihrem Sabbat verrichten und im geheimen nach wie vor ihre Gebete an Jehov.ih anstatt an Allahs Adresse senden. Diese Döu s leben und heiraten nur untereinander. Ihre unbequeme Zwitterstellung haben sie ihrem Stammesbruder Sabatai Zevi zu danken, der im 17. Jahrhundert in Saloniki lebte und sich berufen fühlte, als zweiter Messias mit neuen Lehren und Verheißungen hervorzutreten, sich jedoch samt seinen zahlreichen Anhängern schnell zum Islam bekehrte. Die übrigen Juden im Orient sondern sich in zwei große Lager, in das der Spagniolen und der L e c h I e r. Beide sind Semiten und gehören derselben Religionsgemeinschaft an, unterschei Jen sich aber sonst in jeder Weise, sogar durch die Sprache voneinander und stehen sich durchaus nicht freundschaftlich gegenüber. Mit „L e c h 1 e r" bezeichnete man in altrussischer Zeit einige slawische Stämme und dieser Ausdruck ist vom Onent für diejenigen Juden übernommen worden, die sich aus Polen, Rußland, üaliz en und den Balkanländern hier zusammengefunden haben. Unter „Spagniolen" versteht man dagegen die Nachkommen der Juden, die sich nach den großen Verfolgungen Ende des 15. Jahrhunderts aus Spanien unter den Schutz des Halbmonds begaben, und die bis heute ihrer ehemaligen Landessprache treu geblieben sind. Sie sprechen noch immer ein mit hebräischen und verdorbenen italienischen Worten vermischtes Spanisch, während die Lechler als, allerdings sehr fragwürdige, Verbreiter der deutschen Sprache gelten müssen, weil sie sich durchwegs der deutschen Sprache bedienen, die in ihrem Jargon indessen wenig anheimelnd klingt. Viel irdische Glücksgüter sollen aber beide Parteien in Konstantinopel nicht gesammelt haben. Sie leben sogar vielfach in den ärmlichsten Verhältnissen, die ärmsten von ihnen in Holzhäusern, die jeder Beschreibung spotten, in besonderen Judenvierteln der elendesten Vororte. Die Spagniolen blicken tiotzdem auf ihre Glaubensgenossen polnisch-russischer Herkunft mit ebensoviel Stolz herab. Bei all ihrer Armut sind sie in ihren Schlupfwinkeln ganz zufrieden und glücklich, denn der Türke ist tolerant und läßt sie ruhig gewähren. Aber an ihrem Sabbat wollen sie ihre Ruhe haben. An diesem Tage fühlen sich alle diese armseligen Lastträger, Holzhacker, Fenster- und Stiefelputzer, die ihr hartes Tagewerk für den geringsten Lohn vollführen, und die das Kunststück fertigbringen, die Bedürfnisse ihrer meis recht zahlreichen Familien mit 2-3 Piastern (35—55 Pfg.) zu befriedigen, als Herren, die auch um den zehnfachen Gewinn nicht die Hände zur Arbeit rühren würden. Die Frauen dieser Klasse sind schon durch ihre Kleidung kenntlich. Drüben, in Kleinasien, tragen sie barettartige, mit silbernen Schnallen und hängenden Bändern geschmückte Kopfbedeckungen, die sie in Konstantinopel gern mit schwarzen Tüchern vertauschen, und dazu Jacken mit gelbem Pelzwerk verbrämt, während sich die Männer äußerlich durch nichts von ihren Genossen ande er Nationen unterscheiden. Die Juden bilden eben auch eine Nation für sich und wollen gar nichts anderes sein als Juden. Sie werden wohl türkische Untertanen, um einen Schutz zu haben, können sich aber nicht Türken nennen, selbst wenn sie es wollten, aa jeder Türke unbedingt Mohammedaner sein muß. Der Fremde ist daher nicht wenig überrascht, von seinem schwarzhaarigen, deutschsprechenden Gegenüber auf die Frage nach seiner Nationalität die lakonische Antwort zu erhalten: „Ich bin Israelit!" Seit jüngster Zeit maci.t sich unter jungtürkischer Einmischung allerdings e ne türkischnationale Strömung unter den Juden geltend, die sich besonders auf die gebildeten Kreise erstreckt. So haben es sich vor allen die jüdischen Studenten zur Aufgabe gestellt, nach Kräften zur Verbreitung der türkischen Sprache unter ihren Stammesgenossen beizutragen. Sie selbst sprechen nur noch türkisch miteinander und halten es füt ihre Ehrenpflicht, jüdische Kinder im Türkischen unentgeltlich zu unterweisen. Die Z i o n i s t e n, die nur in ganz geringer Zahl in Konstantinopel vertreten sind, werden daher aus politischen Gründen nach Möglichkeit von den anderen Juden gemieden. (!) Es hat sich in jüngster Zeit sogar ereignet, daß zwei deutsche Zionisten, die in einem jüdischen Verein Propaganda machen wollten, aus ihm ausgeschlossen wurden. Bei der großen Menge der Juden ist es natürlich, daß die Gebildeten unter ihnen, die viel Lebensklugheit und Geschmeidigkeit besitzen, einen großen Einfluß auf den verschiedensten Gebieten errungen haben. Dieser Einfluß ist so groß, daß sämtliche Bankinstitute Konstantir.opels an den hohen jüdischen Feiertagen geschlossen werden müssen, und bei den Wahldemonstrationen, die vor Eröffnung des jungen Parlaments die Stadt durchkreuzten und durchquerten, konnte man neben dem Scheich Uel Islam, den Patriarchen und hohen türkischen Offizieren auch den Oberrabbiner erblicken. GEMEiNU5uns VSft&NSNftlRftUrctN Wien. (Hilfsverein für die notleidende Bevölkerung in Galizien.) Sonntag, den 28. d. M., genau um 10 Uhr vormittags, findet in den Räumlichkeiten des Isr. Humanitätsvereines „Wien" B'nai B'rith, IX, Universitätsstrasse 4, die ordentliche Generalversammlung dieses Vereines statt. Wien. (Wiener Bet-ha Midrasch-Verein.) Montag, 29. März 1909, 1 ,8 Uhr Abends, Vortrag des Herrn Rabbiners Dr. D. Feuchtwang über: „Der Midrasch zu Schirath ha Jam". Eintritt frei. Czernowitz. (Jüd.-akademischer Leseverein „Emunah".) Das Ergebnis der Chargenwahlen für das laufende XIII. (Sommer-) Semester war folgendes: cand. jur. Josef Landwehr (Präses), cand. jur. Theodor Weisselberger (Vizepräses), stud. phil. Julian Silberbusch (Schriftführer.) flllBN WElttCiLCN Eine Jüdin — als Universitäts - Professorin. Die Privatdozentin für Philosophie an der Universität in Bern, Fräulein Dr. Anna Tumarkin, die in Kischineff geboren wurde, i. J. 1892 in Bern promovierte und 1898 sich dort habilitierte, wurde von der Berner Regierung zum ausserordentlichen Professor ernannt. Ein Antisemit — gegen einen jüdischen Sechverständigen. Eine überaus merkwürdige Entschefdung hat sich, wie erst jetzt bekannt wird, am 29. Oktober v. J. das Bayerische Oberlandesgericht Bamberg geleistet. Es hat das Gesuch, durch das ein »überzeugter Antisemit« einen jüdischen Sachverständigen als ^mutmasslich befangen« ablehnte, um deswillen gebilligt, weil der Antisemit »in den 90er Jahren bei einer Gerichts-Verhandlung mit diesem Sachverständigen einen heftigen Zusammenstoss gehabt und dabei das damalige Gutachten des Sachverständigen als einen Judenschmus bezeichnet hatte*. Das Landesgericht hatte dem Ablehnungs-Antrage des Antisemiten ncht stattgegeben; das Oberlandes-Gericht dagegen erklärte, der Sachverständige sei der Gehilfe des Richters und solle daher den Parteien ebenso intakt und unanfechtbar gegenüberstehen, wie dieser. Ein überzeugter und eifriger Antisemit könne kein uneingeschränktes Vertrauen in die Unparteilichkeit eines israelitischen Sachverständigen haben, dies umso weniger, wenn er mit dem in Frage stehenden Israeliten noch einen persönlichen — wenn auch mehrere Jahre zurückliegenden — Zusammenstoss gehabt habe! Diese Entscheidung wird von der * Frankfurter Zeitung« sehr scharf angegriffen. Die angegebenen tatsächlichen Vorgänge beweisen nichts, als dass der ablehnende Teil sich früher einmal pöbelhaft benommen hat; er ist, wie aus einer Wendung der Gründe erhellt, damals auch in Strafe genommen worden. Das Oberlandesgericht Bamberg aber leistet sich eine ergötzliche Begriffsverwirrung, indem es aus dem unanständigen Verhalten des Ablehnenden einen Schluss auf die mindere Vertrauenswürdigkeit des Abgelehnten zieht. Mit der gleichen Begründung kann ein »überzeugter und eifriger Antisemit« jeden jüdischen Richter ablehnen; vorherige Anpöbelung

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