Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 7 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 7 Gegenstand den Gemeindevätern — Wurst ist. Es ist merkwürdig, mit welcher Konsequenz man das Volk täuscht, wie man Koscherwürste verkauft, die den Gesetzen des Ritus ebensowenig entsprechen wie dem der Reinlichkeit, und wie man diese sträfliche Irreführung zu Ostern noch verstärkt. Weiss man schon in normalen Zeiten nicht, was in einer Wurst alles enthalten ist, so wird dies in den Ostertagen zu einem unlösbaren Rätsel Allerdings, man ist auch human. Man schenkt dem armen Juden Mazzes yzwei Kilo pro Kopf, die Grösse des Magens kommt nicht in Betracht), aber man duldet, dass ihm Tag für Tag Nahrungsmittel vorgesetzt werden, die eine bewusste Täuschung seines religiösen Gefühles darstellen. Die jüdischen Wurstfabrikanten in Wien kämen in Verlegenheit, müssten sie die Ingredienzen der koscheren Osterwurst näher bezeichnen. Vorstand und Rabbinat sorgen aber dafür, sie vor solchen Verlegenheiten zu bewahren und so erscheint mit jedem Osterfest die Kompromissosterwurst: nicht so sehr koscher wie trefe, nicht so trefe wie die verpönte Wurst aus Schweinefleisch. seh. Dr. Rubin Bierer. Lemberg, 21. März. (Orig. Korr.) Morgen feiert Dr. Rubin Bierer seinen 70. Geburtstag. Es ist kein Jubeltag in Israel; denn Dr. Bierer ist kein Offizieller, er ist kein Kahal-Präsident, ja er ist auch kein „Führer". Er ist blos ein „guter Jude" und dies im besten Sinne des Wortes. Ihm genügts ja, daß er dies ist, und wir freuen uns darüber, weil sein Namen nicht verquickt ist mit den verschiedenen Parteiintriguen und Parteigeschäften, wie sie jetzt selbst in der zionistischen Partei gang und gäbe sind. Die zionistische Bewegung hat dem Jubilar sehr viel zu verdanken. Er war einer der Gründer der „Kadimah" und wenn daraus statt eines geistgen Hortes der jüdischen Studentenschaft eine „Bude" voll Säbelgerassel und geistlosen Schwefels geworden ist, so ist es sicher nicht seine Schuld. Er stand auch an der Wiege der ersten Palästina-Kolonisations- Vereines in Wien und der ersten jüdischen Organisationsbestrebungen in Galizien, welche vom „Schomer Israel" ausgingen. Ein Mann von idealer Begeisterung für die nationalen und geistigen Güter des Judentums hat sich Dr. Bierer keiner Partei angeschlossen; er will, er erstrebt ja nichts. Daß er jetzt isoliert dasteht, ehrt ihn. Dr. Bierer betreibt neben seiner ärztlichen Praxis mit Eifer auch den schriftstellerischen Beruf, der ihm Gelegenheit gibt, seine Erfahrungen in den Dienst der jüdischen Oeffentlichkeit zu stellen. Wir wünschen dem Jubilar, daß es ihm vergönnt sei, noch recht viele Jahre in voller geistiger Rüstigkeit seine Ideale publizistisch zu vertreten. Deutsches Reich« Dr. Hirsch Hildesheimer. Berlin, Mitte März. (Orig. Korr.) In diesem Monate feiert Dr. Hirsch Hildesheimer sein 25-jähr. Jubiläum als Herausgeber der „Jüdischen Presse". Aus diesem Anlasse hat sich ein Komitee gebildet, das dem in allen Lagern der Judenschaft beliebten Manne im Rahmen einer intimen Feier den Ausdruck der Dankbarkeit und Anerkennung vermittelte, Neben bekannten Männern des Berliner jüdischen Lebens wie Dr. Gustav Karpeles, Justizrath: Horwitz u. A. sprachen auch ,,Dr. J. Landau, Chefredakteur des „Berliner Börsen-Courier" und Dr. J. Kastan, vom „Berliner Tageblatt", deren Toaste in den Wunsch gipfelten, den verdienten Jubilar noch viele Jahre an der Leitung der „Jüdischen Presse" zu sehen. Konferenz des zionistischen A. C. Köln. Vom 15. bis 17. März fanden hier Sitzungen des Grossen Zionistischen Aktions-Komitees statt, an denen ausser dem Präsiden.en David Wolffsohn und den Herren Prof Dr. O. Marburg, Berlin, und Jacobus Kann, Haag, welche drei das Engere Aktions- Komitee bilden, eine grosse Anzahl von Vertretern fast aller Länder, in denen die zionistische Organisation ihre Anhänger hat, teilnahmen. Der Bericht des Engeren Aktionskomitees gibt Aufschluss über die Tätigkeit der verschiedenen Institutionen der Partei, vor allem des 1907 neu gegründeten Palästina- Amtes in Jaffa, dessen Tätigkeit natürlich durch die Neuordnung der politischen Verhältnisse in der Türkei ganz bedeutend beeinflusst wurde. Das Palästina- Amt vertritt alle diejenigen Institutionen der zionistischen Bewegung, die in Palästina selbst arbeiten, und die sowohl an Zahl wie an Umfang ihrer Tätigkeit ständig zunehmen. — Ueber den Bericht des Präsidenten Wolffsohn über die Zustände und Beziehungen im ottomanischen Reiche fand in vier geheimen Sitzungen eine erschöpfende Debatte statt. Der Bericht des Vorsitzenden des Palästina- Ressorts, Prof. Dr. Warburg, gab näheren Aufschluss über die Tätigkeit des Vereins Oelbaumspende, der die Wiederaufforstung Palästinas mit Oelbaumwäldern betreibt, des Pflanzungsvereins Palästina, der Palestine Land Development Company, die ihre Tätigkeit auf ihrem ersten Stammgut Kineretli (am Tiberias-See) bereits begonnen hat, und die bis 1. Januar über ein Kapital von 4000 Pfund (80.000 Mk.) verfügte. Weiter berichtet Prof. Warburg über die Tätigkeit des Palästina-Industriesyndikates, das die Vorarbeiten für ein grösseres Transport-Unternehmen erledigte. Ui ter einigen weiteren Punkten nahm vor allem das Informationswesen in Palästina die Versammlung längere Zeit in Anspruch, da die Organisierung eines guten Informationsdienstes natürlich für die zionistische Bewegung von ausserordentlicher Bedeutung ist. Es wurde schliesslich beschlossen, den Informationsdienst in Verbindung mit den anderen jüdischen Organisationen die in Palästina arbeiten, durchzuführen. Bezüglich des im Sommer 1909 abzuhaltenden neunten Zionistenkongresses wurde beschlossen, dem Engeren Aktions-Komitee die Bestimmung von Oft und Zeit des Kongresses zu übe lassen. Türkei. Die Juden in Konstantinopel. Konstantinopel. Ueber die hiesigen Juden veröffentlicht die „Neue Gesellschaftliche Korrespondenz" einen sehr interessanten Artikel, der allerdings stark antizionistisch gefärbt ist. In demselben lesen wir u. a.: Eine enge Zusammengehörigkeit kann man merkwürdigerweise bei den Konstantinopeler Juden nicht finden Den geringsten Einfluß hat die kleinste dieser Judengruppen, die der K a r a i t e n; diese sind nicht semitischer Abstammung, sondern auf die Chasaren, einen kriegerischen Volksstamm der Krim, zurückzuführen. Sie sind daher zwar jüdischen Glaubens, bekennen sich aber nicht zu den Lehren des Talmuds, sondern nur zur Bibel,