Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1909-03-26 · Heft 7 (26.3.1909) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 7 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425773-2425781--1286-2427633
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 7 Darmstadt erhielt er auch im Jahre 1871 den Titel ßarön, nachdem ihm der Zar die Erlaubnis zur Nobilitierung erteilt hatte. Bis in sein hohes Alter hinein wurde er regelmässig bei der Beratung von Finänzgesetzeri als Sachverständiger von der Regierung zugezogen. Der sechzigste Geburtstag des Barons Günzburg gestaltete sich zu einer Feier, an der die Judenheit in ganz Europa und auch an vielen Plätzen Amerikas herzlichst Anteil nahm. Damals erhielt er von der russischen Regierung den St. Annenorden I. Klasse. Der Verstorbene war nach seinen Kräften bemüht, seinen Brüdern zu helfen; der Erfolg ließ allerdings angesichts der politischen Verhältnisse viel zu wünschen übrig. ■■ 4 . Baron Horaz Günzburg. Wie beliebt der Verstorbene war, zeigte es sich anlässlich der Trauerfeier, die der Ueberführung der irdischen Reste nach Paris in der hiesigen Synagoge vorausging. Tausende und Abertausende waren gekommen, um dem Sarge in die Synagoge und von da zum Warschauer Bahnhof das letzte Geleite zu geben. Alle Strassen, die der Leichenwagen auf seinem Wege passierte, waren von dichten Spalieren eingezäumt; der Verkehr der Tramways und Wagen musste eingestellt werden, und so bewegte sich der ungeheuere Leichenzug in feierlicher Würde langsam vorwärts, ein Leichenzug, wie ihn Petersburg selten, die Petersburger Juden bei einem der Ihrem noch nie gesehen. Am: Sarge sprachen Rabbiner Temkin, Rechtsanwalt Winawer u. A. Sodann wurde nach einem kurzen Gebet der Sarg aus der Synagoge getragen und von der Menge, die sich mittlerweile noch bedeutend vergrössert hatte, vorbei an Spalieren von Tausenden christlicher Zuschauer, zum Bahnhof gebracht. Eine Deputation der Petersburger jüdischen Gemeinde begleitete die Leiche nach Paris, wo Baron Günzburg im Familiengrabe beigesetzt wurde. Die silbernen Kränze, die dem Andenken des Verstorbenen gestiftet wurden, werden zum fortdauernden Gedächtnis im Gemeindesaal aufgehängt werden. Die Jüdische Emigration in Russisch- Polen. (Eine Enquete des Warschauer Tagblattes „Dzien".) Warschau, im März. Im März 1907 wurde von einem Kreise unseier jüdischen Intelligenz das Informationsbureau für jüdische Emigranten gegründet, welches unter Leitung des Präsidenten Dr. G o 1 d f I a m m und der Sekretärin Dr. Marie S o k o I o w im Laufe der Jahre zu einer höchst nütrlichen soz»alen Einrichtung geworden ist Als nun der „Dzien" daran ging, eine Enquete über die Emigration durchzuführen, wurden die ersten Erhebungen beim jüdischen Informationsbureau eingeholt. Dieselben sind ungemein belehrend und schaffen uns einen tiefen Einblick in die Emigrationcbewegung des jüdischen Proletariates. Auf die Frage des Redakteurs: »Was halten Sie für die wesentlichste Ursache der Emigrationsbewegung«, erwiderte Dr. Gold flamm: »Die Tatsache, dass die Juden einem akuten Pogrom unterliegen, welcher ,Not* heisst«. Redakteur: »Welche Elemente emigrieren 1 auptsächlich?« Dr. G.: »Die heutigen Emigranten bilden durchaus nicht, wie einst Bismarck behauptet hatte, jenen spekulativen Teil der Bevölkerung, welcher eine Besserung seines Loses anstrebt. An der Hand der Statistik lässt sich leicht nachweisen, dass kaum 5% der Emigranten etwas mehr besitzen, als die blossen Reisespesen. Dabei muss bemerkt werden, dass der Emigrant vor seiner Abreise buchstäblich alles verkauft, was er besitzt: Betten, Bettzeug, Möbel, Kleider. Trotzdem bringen 25% nicht einmal die Reisespesen auf. Die Emigranten rekrutieren sich dabei hauptsächlich aus den Kreisen der arbeitenden Bevölkerung, unter 35 Jahren.t Redakteur: »Welchem Berufe gehören sie an?« Dr. G.: »Zumeist Gewerbetreibende«. Redakteur: „Mit welchen Gesellschaften steht Ihr Informationsbureau in Verbindung?" Dr. G.: „In erster Linie mit der Ica, die in Paris aus dem Fonds des Baron Hirsch begründet wurde". Redakteur:„Wenden sich denn die jüdischen Emigranten gegenwärtig ausschliesslich nach Amerika? Dr. G.: „Anfangs strebten sie hauptsäch nach dem gelobten Lande, nach Palästina; es zeigte sich aber, dass sie dort keine Existenz fanden." Redakteur: „Wie geht es denn sonst den Emigranten in ihren Ansiedlungsoiten?" Dr. G.: „Den Emigranten, die ein bestimmtes Ziel vor Augen haben, geht es nicht schlecht, wenn sie auch anfangs Schwierigkeiten zu überwinden haben. Sie sind ja doch ungeschult, physisch schwach und der Landessprache nicht mächtig."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.