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Neue Nationalzeitung · 1909-03-26 · Heft 7 (26.3.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 7 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Mr. 1 „Neue Nati'onai-Zeitung" Seite 3 Lesen unseres Buches, und die lichte Gegenwart grüsst uns mit ihren Strebungen, Kämpfen und Wirrnissen. Aus dem Schutt soll neues Leben erblühen, aus den Ruinen der Vergangenheit ein neues Gebilde. Auf dem Boden der Väter wächst die Heimstätte für ihre Kinder empor. Als Kaufmann . durchreiste vor zwei Jahren ein Volksgenosse aus den europäischen Niederlanden, J. H. Kann, das alte „Niederland", Kanaan. Und. was er gesehen, was er gehört, hat ein diesem Buche, das er mit den alten, trauten Worten „Erez Israel" nennt, niedergelegt. Endlich eine jüdische Schilderung des Landes df>r Väter. Die hat kein Geistlicher geschrieben, der zur Grabeskirche wallt, und uns mit seiner theologischen Schwärmerei belästigt. Kein »frommer" Pilger hat uns hier eine Reisebeschreibung geliefert, die darauf ausgeht Seelen zu gewinnen Wir haben es mit keinem Romane zu tun, wie ihn ein Amerikaner in dem vielgelesenen „Ben-Hur" schrieb, um einer frommen Mission zu dienen. Kann will uns auch in kein Museum führen, voll archäologischer Merkwürdigkeiten, versteinerter Mumien einer längst vergangenen Zeit. Nicht quält uns in seinem Buche gelehrter Kram wissenschaftlicner Notizen und historischen Beiwerks. Als schlichter Kaufmann zog er aus, um das Land zu erschauen, das den Vätern verheissen wurde. Er wollte sehen mit offenem Auge und ungetrübtem Blicke, ob es in diesem Lande für sein unglückliches Volk etwas zu erwerben gebe, für sein Volk, für unsere Nation, „die so arm ist an Ehre, Glück und wahrer Lebensfreude." So durchstreifen wir mit ihm die alten heiligen Stätten, von Süden nach dem Norden, von Beer-Seba bis Dan, küssen mit itfm den heiligen Staub, überschreiten mit ihm den Jordan, besuchen Jaffa, Jerusalem, Galiläa und die alte Palmenstadt Jericho. Wir wandeln mit ihm an der Küste des toten Meeres, wer Jen hier vom heiligen Schauer tiefer Einsamkeit erfüllt. Und dann wieder besuchen wir mit ihm den See Genesareth und den Ursprung des Jarden, wo „Die Woge der Woge zuruft". . Und den Gipfel des Karmel ersteigen wir, auf dem Eliahu d;e Baalspfaffen entlarvte Das ist die Vergangenheit. Aber Kann ist es nicht um diese zu tun. Er besucht die jüdischen Kolonien, die so herrlich emporgeblüht sind im heiligen Lande. Belauscht das jüdische Volk, das hier eine neue Heimstätte gefunden, bei seiner Arbeit. In mitten blühender Felder, duftender Apfelsinen und Weingärten, herrlicher Mandelbaum- und Maulbeerbaumalleen. Es ist ein kräftiges Volk, das hier lebt, schafft und arbeitet. Und es lebt »ohne Polizei, ohne Soldaten und Gefängnisse Man kann auch ohne diese Erungenschaften einer neuen Zeit leben. Die jüdischen Kolonisten im Lande der Väter haben dafür den Beweis erbracht. Wir hören auch manches Unerfreuliche aus der Anfangszeit der Kolonien, als * Rischon le Zion« gegründet wurde nach den russischen Judenhetzen im Jahre 1882. Damals hat Baron Edmund Ruthschild seine mächtige Hand, seinen Einfluss und sein Geld den Kolonisten geboten. Er hat manche Enttäuschungen erfahren. Die Administration ma hte sich vieler Fehler und Nachlässigkeiten schuldig. Aber trotz der vielen Enttäuschungen sind die Millionen Rothschilds doch nicht ganz auf unfruchtbaren Boden gefallen. Es wurden auch reale Werte geschaffen. In eine moderne, jüdische Schilderung Kanaans gehört gewiss auch eine Abhandlung über die modernste Gestaltung der ewig neuen »jüdischen Frage«, über den Zionismus. Kann weicht dieser brennendsten Frage, welche das heutige Judentum in seinen Tiefen aufregt, nicht aus. Er lässt ihm liebe* olle Gerechtigkeit widerfahren. Und manches bittere Wort lässt er einfüessen, wenn er von dem Mangel an Diszij lin redet, welches die zionistische Partei bedroht. Erwägt alle Gründe die für und gegen den Zionismus vorgebracht werden. Man sieht aus diesen Erwägungen, dass hier ein Kaufmann redet. Er gibt ein in allen Einzelheiten ausgearbeitetes Scheira für die jüdische Ansiedelung im alten Vaterlande. Wir haben nicht viele, ähnliche gesunde Anschauungen über die Zukunft der zionistischen Bewegung gelesen, wie in Kanns Buche. Ernste Wahrheiten äussert er auch über unsere vornehme Jugend, »die jungen Leute der ersten jüdischen Familien«. Ueber diese blasierte Jugend ohne ein höheres Streben. Dies alles unterschreiben wir vollinhaltlich. Und auch seinen Zuruf an unsere Grossen: Gebrauchet euere Kraft und eueren Einfluss, um zu helfen. Wir wünschen nur, dass Kann nicht der Rufer in der Wüste bleibe und da5? Schicksal vieler anderer erfahre, die, seit Jeremias, sich an unsere Grossen gewandt haben Seinem Buche aber wünschen wir, es möge viel und andächtig gelesen werden. Es ist ein gutes Buch, voll ehrlicher Absichten und gesunder Ansichten. Wir I aben desgleichen nicht allzuviele. Man wird darin manches finden, das man als bekannt voraussetzen kann. Aber al'es, was er bringt, entspringt der Quelle der Wahrheit und mannhafter Ueberzeugung. Boron ßoroz Sunzbwg. P e t e r s b u r g, 0. März *) Baron Horaz Günzburg ist am 2 März in Petersburg an einem Kreb^leiden gestorben. Horaz Günzburg wurde am 8. Februar 1833 in Zwenigorodka, Gouvernement Kiew, geboren. Zum erstenmale trat er 1863 in die Oeffentlichkeit als einer der Gründer der „Gesellschaft zur Förderung der Aufklärung unter den Juden." Sehr populär wurde er unter den Juden durch seine unermüdlichen Bemühungen zur Besserung der gesetzlichen v erhältnisse seiner Brüder. 1870 war er einer der Sachverständigen, die von der Kommission zur Beratung der Judenfrage unter dem Vorsitz des Ministers des Innern vernpmmen wurde. Im Jahre 1882 präsidierte er der großen jüdischen Versammlung, die mit Erlaubnis der Regierung in Petersburg stattfand. Als im Jahre 1887 unter dem Präsidium des Grafen Pahlen eine neue Kommission zur Beratung der Judenfrage zusammentrat, wurde er aufgefordert, daran teilzunehmen. 1880 wurde er Mitglied des Direktoriums der Kommission für die Schaffung einer Gesellschaft zum Zwecke der Verbreitung des Ackerbaues unter den Juden; seit 1893 bekleidet er den Vorsitz im Zentralkomitee der jüdischen Ackerbaugesellschaft. Eine der jüdischen Kolonien in Argentinien ist nach seinem Namen benannt. Vom Grossherzog von Hessen- *) Für vorige Nummer leider verspätet. Anm. d. Red.

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