Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 6 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 6 FEUILLETON. HERMANN MENKES: Der Liebesgarten. (4. Fortsetzung). „Wetsst du, was du von mir verlangst, Antonius Hemsteede? Du bist anderer Abkunft und andern Glaubens", sagte er mit heiserer Stimme. „Ich werde deines Glaubens sein, wenn du willst", bat Antonius. „Ich bin ein Jude; wäre ich es nicht, ich müsste, da du gegen mein Vertrauen und meinen Willen gehandelt, mein Schwert gegen dich erheben." V „Ich lege mein Haupt in deine Hände, erhebe dein Schwert", sagte Antonius. „Und weil ich ein Jude bin, so muss ich mein Kind, das sich gegen meinen Willen aufleimt, aus meinem Hause weisen." „Sie wird deine Hände küssen und wird mit mir gehen, Josua." „Ich will all das nicht . . . ich will nicht." Eva kam bleich und stolz zu ihrem Vater. „Was soll hier dein Wollen und deine Weigerung?" rief sie ihm zu. „Ich habe mich Antonius längst zu eigen gegeben." Es war die Willensstärke, die Rücksichts osigkeit und das Blut ihres Vaters in ihr. Josua stand lange schweigsam da, nur seine Finger, die über die Augen fuhren, vibrierten ein wenig. Zögernd und schweigsam verliess er die beiden. Und zwei Nächte hindu-ch kämpfte er mit sich und Gott. Als Eva ihn nach zwei Tage wiedersah, erschien er ihr ein wenig gealtert und zermartert. Sie schluchzte an seinen Knien. Er aber blieb hart und verschlossen. „Sage, ist auch alles, alles wahr? Bedenke, du bist ein Judenkind. Du hast dich preisgegeben, schwer werde ich an der Schmach tragen. Ist es möglich, Josua Heimans Tochter-----" „Es ist wahr", sagte sie, da sie rasch ihre Fassung und Haltung wiedergewonnen hatte. „Du schwörst es mir?" „Ich schwöre." Sie hielt zwei schlanke Finger ihrer weissen feinen Hand empor. Wieder ging er von ihr und legte eilig seine Sabbathgewänder an. Nach einem kurzen schweren Gang klopfte er an die niedrige Tür am Hause des Gaon, neigte sich und trat ein. Einen Moment herrschte Schweigen und Befremdung zwischen dem Gaon und Josua. „Ich bin gekommen, Gaon, um dir zu vermelden, dass Antonius van Hemsteede aus Amsterdam, der als mein Gast hier weilt, unserm Glauben beitreten w II." „Er sei willkommen." „Doch er wird mein Schwiegersohn, Gaon. Ich mache Hochzeit in wenigen Tagen und ich bitte dich, für mich dein Verbot aufzuheben." „Das kann nicht geschehen." »Es muss geschehen.« „Du willst jubeln, Josua, da Tod und Trauer unter den Menschen ist?" „Ich muss, Gaon, ich muss. Ich juble nicht, meine Not schreit zu dir." „Ich habe es gelobt, dass ich keinem Menschen meiner Gemeinde eine Lust und Freude gewähren werde, so lange Gottes Zorn nicht gestillt sein wird. Gehe doch in eine andere Stadt." „Warum hassest du mich, Gaon," fragte Josua mit Bitternis. „Da ich in gerechtem Kampf mit meinen Brüdern lag, da hattest du mir einen Schwur auferlegt. Ich wollte dir mein Kind geben und du wiesest es zurück. Jetzt ist es in deiner Macht, eine Schmach von mir abzuwehren und du weigerst dich. Warum dein Zorn, da Gott mich gesegnet?" Es herrschte benddämmerung in der engen traurigen Gelehrtenstube und die beiden alten Menschen standen einen Moment leidvoll nebeneinander wie zwei Freunde „Ich hasse dich nicht Josua. Hass ist mir fremd. Aber du bist nicht meines Blutes und meines Geistes. Zwischen deinen und meinen Generationen wird es, wie zwischen verschiedenen Elementen, ewig Kampf geben." „Gaon, ich werde tun nach meinem Willen. Gaon, ich bin in Not und du bleibst hart? Besinne dich doch, bevor es zu spät wird." „Ich habe mich besonnen." Da wandte sich Jos a noch einmal um und sas;te voll Zorn: „Du verrichtest ein gottfeindliches Werk, hs sei. Visse denn, dass ich dir trotzen werde, bis zur Vernichtung." Und ging. * * * In der Stadt lebte ein verhutzeltes Jüdlein, das in seiner Armut stets frohen Mutes war und d'e d olligsten Sprüchlein hersagen konnte. Gab es eine Hochzeit oder ein sonstiges Fest, fand sich dieses Männlein mit seinen Gesängen und Tänzen ein, redete mit einer krähenden Stimme närrisch und weise und improvisierte die schönsten! eime. Er hiess Perez. Diesen suchte sich Josua zur Vollziehung des heiligen Aktes aus. Perez weigerte sich, als Josua ihm sein Anerbieten machte. Da le-te dieser vor /hm eine Hand voll Goldstücke und ein seidenes Gewand. Eva stand in weissen Schleiern mit einem Ausdruck von Mütterlichkeit unter den Traubaldachin. Perez sagte mit einer drolligen Grandezza der Bewegungen den Segen her und sang dann eine jener verzerrten, jäh vom Pathetischen zum Lustigen abgleitenden syna^ogalen Weisen. Zehn Zeugen, die Anzahl eines Minjan, Diener des Hauses und für diesen Anlass gutgekleidete Betteljuden ermöglichten die rituelle Vollziehung des Aktes. Derart beabsichtigte Josua hohnvoll, Brauch und Gebot zu profanieren und das Amt des Gaon zu entwürdigen. Es war ein trau iger Spass und Eva und ihr Bräutigam schickten sich teils unter Tränen, teils unter Lachen darein. Sonst hatte sich keiner der eingeladenen Gäste eingefunden und die Becher blieben lange ungeleert. Als aber das eigentliche Fest bei strahlenden Lichtern begann, hatte sich vor den Toren des weiten Parkes viel Volk angesammelt dass trotz seiner Bedrücktheit und Angst das Gaffen nicht lassen konnte. Eva sass auf einem Thron von weissen Blumen und zu ihren Füssen Antonius. Draussen läuteten die Glocken, und es zogen abgerissene Töne düsterer und feierlicher Gesänge durch die Herbstluft. Von einem Duft des Todes war der verblühende