Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 6 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 6 wenn dies zu politischer Bündnistreue nicht ausreicht, dann können die Juden wirklich nichts dafür. Bleiben nun die Rumänen, die ein hervorragend judenfeindliches Element im Lande werden wollen. Warum? Der Grund fehlt. Was da alles vorgebiacht wird, ist so haltlos, daß neuerdings den in der Tagespresse wiederholt erörterten Quark aufzuwärmen sich wirklich nicht der Mühe verlohnt. Einer der besten Rumänen, Prof. Dr. T o m a s z c z u k. der erste Rektor unserer Universität, soll seinem Heimatlande Bukowina eine Zukunft verheißen haben, wenn Berührungspunkte der Intelligenzen aller Volksstämme gefunden sein werden. Einem großen Teil der rumänischen Intelligenz scheint die Zukunft des Landes nicht viel wert und sie marschieren an der Spitze, wenn es gilt, die Reibungsflächen zu vermehren. Die Situation ist also derart, daß die nächste Aufgabe der Juden sein wird, ihre bei den letzten Wahlen bewiesene stramme Parteidisziplin zu bewahren. An dieser darf nicht gerüttelt werden. Denn dieOefahr ist trotz des Sieges nicht geschwunden. Die antisemitische Presse des Landes wird ihr frevles Spiel fortsetzen und wir werden dieser systematischen Verhetzung durch Stärkung der Solidarität in unseren Reihen am wirksamsten begegnen. Wir müssen unsere Volksmassen weiterhin belehren und aufklären, etwaige Auswüchse, die wie bei anderen Nationen auch bei uns vorkommen, wie bisher von uns weiser, die Proletarisierung der Juden nach Tunlichkeit hintanhalten, für die wirtschaftliche Hebung des jüdischen Kaufmanns- und Oewerbestandes besondere Sektionen kreieren, die an die Nationalvereine angeschlossen werden, die Volksbanken fördern, kurz alles tun, was notwendig ist, um dem stärkeren Ansturm der Christlich-Sozialen, wenn er kommen sollte, gewappnet gegenüberzustehen. Wir werden auch endlich der luden am flachen Lande gedenken und sie möglichst bald des Vorteiles wirtschaftlicher Organisationen teilhaftig lassen werden müssen. Es herrscht unverkennbar eine ökonomische Depression unter den Bukowinaer Landjuden, die Luftexistenzen mehren sich auch dort und da wir einen jüdischen Grossgrundbesitz haben, wird vielleicht auch die Anregung, viele heimatländische jüdische Volksgenossen dem Ackerbau zuzuführen, nicht unbeachtet bleiben dürfen. Einen Komplex von Fragen gibt es noch zu lösen. Und damit sich zu beschäftigen, glaube ich, wäre zweckmässiger, als übergrosse Freude über die gelungenen Wahlen an den Tag zu legen Wir haben wirklich keine Zeit, Siege zu feiern. Wer unter den Juden für sein Volk arbeiten kann und will, stelle sich in die Reihe Es gibt noch viel zu tun, bis wir über die Christlich-Sozialen ganz gesiegt haben. PARLAMENT. Wien, 10. März 1909. Im Zeichen des drohenden Krieges wird die neue Session des Parlamentes eröffnet. Hoffentlich wird es zum schlimmsten nicht kommen. Aber die Bevölkerung wird unter den Lasten der Kriegsvorbereitungen noch lange zu tragen haben. Die Schrecken des Krieges mit seinen Opfern an Menschenleben, mit seinen Krisen im Handel und Verkehr sollen ihr erspart bleiben. Ob nun auch die Krisis im Innern des Reiches ein Ende finden wird, wer vermöchte es vorherzusagen? Das neue Ministerium, das sich Baron Bienerth aus Parlamentariern und Bureaukraten zusammengesucht hat, steht vor denselben Schwierigkeiten, wie sein Vorgänger. Der ewige Streit zwischen Deutschen und Czechen droht den Parlamentarismus ad absurdum zu treiben, und die Regierung, die darauf verzichtet, ihren Vorlagen im Wege der Dringlichkeit den Weg zu ebnen, scheint darauf gefaßt zu sein, auch ohne Parlament ihr Dasein fortzusetzen. * Für das neue Parlament ist als Präsident wieder ein Christlich-Socialer, ein Antisemit schneidiger Kouleur, Dr. Pattai, in Aussicht genommen. Man nannte ihn immer den „Salon-Antisemiten", weil er in jener älteren Zeit, als die Wiener Antisemiten noch nicht regierungsfähig waren, den Ton eines Schneider oder Gregorig vermied. In Wirklichkeit unterschied er sich von beiden nur durch die gewählte Form seiner Reden. Seine antisemitische Gesinnung trug er aber bei jeder sich darbietenden Gelegenheit zur Schau, schon deshalb, weil er als ehemaliger Liberaler und Kandidat um das Reichsratsmandat der Grazer Handelskammer den Verdacht des „Liberalismus" von sich abzuwälzen suchte. Und gerade in der letzten Zeit, da Dr. Lueger und dessen Intimsten den Judenpunkt zurückzustellen suchten, war es Pattai, der stille Rivale Luegers, der sich an Vergani und dessen „Deutsches Volksblatt" stärker anlehnte. Der Mann gilt seit Jahren als der antisemitische Minister-Kandidat. Er mußte aber zusehen, wie Gessmann und Weißkirchner früher den Ministerfrack erreichten, Und da auch er etwas werden muß, so wird er eben — Präsident des Abgeordnetenhauses. In Oesterreich ist Alles möglich. In diesem national zersetzten Staate braucht eine Partei nur schwarz-gelb zu schillern, mit ihrem Patriotismus zu renommieren und sie kann die höchsten Staatsämter erlangen. H= Der „Jüdische Klub" wird nicht umhin können, zu dieser Kandidatur eines Pattai Stellung zu nehmen. Denn diese Kandidatur ist im Gegensatze zur Präsidentschaft eines Weißkirchner oder zur Kandidatur des Dr. Ebenhoch eine unglaubliche Provokation der gesamten jüdischen Bevölkerung. Alle jüdischen Abgeordneten — selbst die assimilatorischen — müssen daher gegen diese Kandidatur Stellung nehmen. Mit bloßen Abstinenzen oder mit der Abgabe von weißen Stimmzetteln kann die Entrüstung keinen genügenden Ausdruck finden. Es muß nicht nur eine Stellungnahme für den oppositionellen Präsidentschafts-Kandidaten, sondern auch eine fulminante Enunciation aller jüdischen Abgeordneten erfolgen. Sonst zeigen die Herren selbst, daß sie in diesem Hause gerade in historischen Momenten nur zu schweigen vermögen und daher — überflüssig sind. * Zum polnischen Landsmann-Minister ist Dr. von Dulernba ernannt worden. Er gehört zur fortschrittlichen Demokratie; ist aber politisch nie besonders hervorgetreten. Er ist aber sehr reich und kann sich bei einer Wahl „was kosten lassen". Gerade deshalb ist er vom Statthalter Potocki bei den letzten Wahlen im Städtebezirk Brzezany gegen den Jüdisch-