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Neue Nationalzeitung · 1909-03-12 · Heft 6 (12.3.1909) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 6 (12.3.1909)
Date
1909-03-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Seite 5 „Neue National-Zeitung" Nr. 6 sanitärer Hinsicht ist dies bekanntermassen am schwierigsten. Es handelt sich ebenso wie in Ellis Island um Abweisung oder Annahme von Passagieren und da wird ab und zu ein energisches Wort fallen müssen, besonders wenn es anspruchsvolle und falsch orientirte Personen abzufertigen gilt. Zum Schluss sei noch bemerkt, dass die Schiffahrtsgesellschaften schon aus Geschäftssinn das grösste Interesse haben, den Wünschen der Auswanderer in jeder Beziehung entgegenzukommen und dass sie Mißstände, wie sie in Ihrem Artikel geschildert worden sind, unter gar keinen Umständen dulden würden. Dr. SALOMON KASSNER. Die Czernowifcer Gemeinderats* wählen/) Czernowitz, Ende Februar. Wenn es auch wie eine Störung der Siegesfreude aussehen sollte, ich kann nun einmal dem übertriebenen Jubel, der in einem Teile unserer Presse über die gelungenen Gemeinderatswahlen sich laut macht, nicht ganz beistimmen und erlaube mir als nationaler Jude einige Bemerkungen daran zu knüpfen: Insolange die niedergerungenen christlichsozialen Kandidaten und ihr Troß die Möglichkeit haben, die Brandfackel des konfessionellen Hasses weiter in die ruhige Bevölkerung zu werfen, kann von einem Siege nicht die Rede sein, wenn auch die Vertreter der Koalition in der Ratsstube die Geschicke der Stadt weiter leiten werden. Die im Wahlkampfe Unterlegenen werden sich gewiß nicht die Bescheidenheit des Spartaners zum Muster nehmen, der, als er bei der Bewerbung um ein obrigkeitliches Amt übergangen wurde, sich mit den Worten tröstete: „Ich bin zufrieden, daß es würdigere Spartaner gibt." Die Christlichsozialen halten sich trotz ihrer Niederlage für die Würdigeren und werden darum gewiß nicht müde werden, weiter zu hetzen und die Bevölkerung in Wort und Schrift aufzuwühlen. Angesichts solcher Gegner ziemt dem Sieger nicht Uebermut, sondern Vorsicht. Namentlich den Juden. Und Auslassungen der Parteipresse der koalierten Nationen, die, im Siegestaumel vorgebracht, über die rauhe Wirklichkeit hinwegzutäuschen die Eignung haben, werden gerade uns Juden zum Nachdenken Anlaß geben müssen. Ob die Christlichsozialen eine homogene Gruppe von Antisemiten sind oder ob sie in Antisemiten aus Beschränktheit und solche aus Politik u. dgl. mehr eingeteilt werden, darüber viel zu reden ist wirklich nicht der Mühe wert. Die nächste Aufgabe der Juden vor allem muß sein: stramme Organisation, festes Zusammenhalten aller, aller Juden unter der bisherigen einheitlichen Leitung, Ausbau und Erweiterung aller bestehenden politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Organisationen. Von den sinnberauschenden Worten, die bei der Siegesfeier üblich, dürfen wir uns nicht betören lassen. Es *) Die Gemeinderatswahlen in Czernowitz haben mit einem Siege der koalierten Parteien, luden, Deutschen, Ruthenen und Polen, in allen drei Wahlkörpern geendet. Die Chrisrlichsozialen, die heuer zum erstenmal in den Wahlkampf zogen, haben trotz ihrer schamlosen Agitation, die mit blutrünstigen Plakaten arbeitete, eine Niederlage erlitten. Bloß zwei christlichsaziale Vorstädtler gingen ans der Wahlurne als gewählt hervor. Nicht unerwähnt sei, daß auf den aufreizenden Plakaten, die von der Staatsanwaltschaft konfisziert wurden, rumänische Universitätsprofessoren, welche vor Jahren als Muster an Toleranz galten, und ein k.; k. Staatsanwaltsubstitut unterschrieben waren. wäre übrigens ebenso verfehlt als unklug, die völlige und unstreitige Niederlage der Christlichsozialen zum Gegenstand eingehender Erörterung zu machen oder gar Sieg, Sieg, Sieg in das Land hinauszuposaunen. Für die Juden speziell kann ein solches Beginnen nach zwei Richtungen hin gefährlich werden. Einerseits fühlen sich die Lauen und Trägen, die zur Mitarbeit für die Gesamtheit überhaupt nur schwer zu haben sind, hiedurch in ihrem Nichtstun bestärkt und da keine Gefahren Land und Volk bedrohen, werden sie durch redliche Nichtarbeit die Ansätze der bestehenden Organisationen bald zerstören helfen, was den lauernden Christlichsozialen, die, wenn auch noch keine zahlreichen Mannen, aber doch Führer, darunter solche nicht ohne Begabung, haben, gewiß nicht entgehen und zu neuen Anstürmen veranlassen wird. Anderseits wird der jüdischen Parteileitung, die in ernster Stunde auf die drohenden Feinde stets hinweisen und die kritische Situation entsprechend beleuchten muß, in Hinkunft die Führung sehr erschwert. Darum genug des Siegestaumels, es gilt jetzt aus den Wahlen zu lernen. Zunächst was die anderen Nationen anbetrifft, müssen schon jetzt die eventuellen künftigen Bundesgenossen besehen werden. Wir können und dürfen nur mit jenen beisammen bleiben, die sich dessen bewußt sind, daß kein Volksstamm des Landes berufen ist, über den anderen zu herrschen, daß nur gemeinsame Arbeit zum Wohle des ganzen Landes ohne störende separatistische Sonderinteressen die Entwicklung einer Koalition fördern kann. Nach dieser Hinsicht ist die Allianz mit den Ruthenen sehr sympathisch. Sie wollen vorläufig nichts anderes als Berücksichtigung im öffentlichen Leben des Landes, entsprechend ihrer Bevölkerungszahl, daß ihnen die Möglichkeit geboten werde, sich eine Intelligenz zu schaffen, alles Dinge, die gerade die Juden, welche doch gleichfalls nichts anderes erstreben, als Forderungen durchzusetzen, wie sie jeder andere autochthone Volksstamm stellen darf — und ein solcher sind unstreitig die Juden, das beweist die Geschichte des Landes — völlig unterschreiben können. Die Deutschen haben das Häuflein, das noch auf Parteiordre hört, bei diesen Wahlen mit knapper Not zusammengebracht. Man wird, um auch bei den nächsten mit denselben rechnen zu können, den deutschen Führern nicht schlecht raten, wenn man ihnen empfehlen wird, auch in friedlichen Zeiten bis zum heißen Wahlkampfe den Deutschen klarzumachen, daß sie sich nicht zu schämen brauchen, mit den Juden Freundschaft gehalten zu haben. Hingegen ist es sehr fraglich, ob die Polen nach den letzten Gemeinderatswahlen für die Juden bündnisfähig sind. Wenn eine nationale Expositur, wie sie die Polen hier in der Bukowina vorstellen, derart desorganisiert ihre Mannen zu einer Gemeindewahl schreiten läßt, so gibt dies zu allerhand Bedenken Anlaß. Entweder haben diejenigen, die einer Koalition mit den anderen drei Nationen das Wort redeten, keinen Anhang bei ihren Konnationalen, dann kann trotz ihrer persönlichen Liebenswürdigkeit, ein Pakt mit ihnen nicht mehr geschlossen werden, oder aber neigen die Polen vollends zu den Christlichsozialen, was noch bei den letzten Gemeinderatswahien die polnische Parteileitung zu bemänteln vielleicht für gut fand, dann lassen wir sie beruhigt außer Spiel. Speziell die Juden haben die Wünsche der Polen hierzulande stets nach Tunlichkeit in allen Körperschaften mit ihren Stimmen bei ihren Forderungen unterstützt und

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