Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 6 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6 „Neue National-Zeitung" Seite 3 Fürsten Ypsilanti, den Führer eines Bundes, der (mit dem Sitz in Odessa) eine bewaffnete Erhebung aller Christen des türkischen Reiches vorbereitete. Als aber dann im März des Jahres 1821 der Ausbruch des griechischen Aufstandes erfolgte, wandte sich Alexander von der Sache der Griechen ab. Gerade damals hatte er sich der Politik des Fürsten Metternich in die Arme geworfen und indem er sich zu dem Grundsatz der heiligen Allianz, der Gegnerschaft gegen jede Revolution, bekannte, hatte er sich auch die Hände den Türken gegenüber gebunden. Andererseits zeitigte der griechische Ausstand ein Misstrauen seitens der Pforte Russland gegenüber und die Folge war ein gereiztes Verhältnis zwischen den Höfen am Bosporus und an der Newa. Alexander witterte überall Verdacht und es schien ihm durchaus glaubwürdig, dass die Juden unter dem Schutze Englands, seines Rivalen im Osten, das ja selbst eine Judenemanzipation vorbereitete, sich in Russland geheim organisierten, um, durch die Gründung eines eigenen Reiches gewonnen, türkische Aspirationen gegen Russland zu unterstützen. Sein durch die Erinnerung an die von ihm begünstigten griechischen Umtriebe geschärfter Verdacht liess ihn bei lichtem Tage Gespenster sehen und der lächerliche Kasus erhitzte als ernste politische Affaire die Köpfe in Warschau und Petersburg. Kaum also hatte der nichtsahnende Salamon Plonski, froh der glücklich überstandenen Reise am 27. Dezember den Boden Warschaus betreten, als er auch sofort über Befehl des Grossfürsten Konstantin verhaftet und im Palast Brühl, gleich den bedeutendsten Staatsverbrechern interniert wurde 61 Briefe, die bei ihm gefunden wurden und die zumeist in vollständiger französischer Uebersetzung des hebräischen oder Jargontextes, sonst mit genauer Inhaltsangabe dem Kaiser selbst vorgelegt wurden, waren zum Teil geeignet, den einmal gefassten Verdacht zu steigern und zu befestigen. Denn ausser Briefen rein privater Natur, Briefen mit alltäglichen Anfragen und Mittellungen, die dem in die Heimat zurückkehrenden von Palästinareisenden oder solchen, die sich dort für ihren Lebensabend dauernd niedergelassen, mitgegeben worden waren, führte Plonski auch eine, wenn man so sagen darf, diplomatische Korrespondenz mit sich. Diese nun verriet, dass allerdings unter den Juden Polens einerseits, zwischen ihnen und den palästinischen Juden andererseits eine weitverzweigte Organisation bestand, die zwar nur Kultus- und Wohltätigkeitsangelegenheiten betraf, aber in der Meinung Nowosilzows und seiner Konsorten weitergellende und gefährliche Zwecke verfolgte. Da waren zunächst Briefe die Chaliza betreffend, die Unterstützung der im heiligen Lande wohnenden jüdischen Emigranten. Bei dem Wohltätigkeitssinn der Juden und ihrer stets wachen Pietät für das „Land der Väter" war es selbstverständlich, dass grosse Summen nach Jerusalem flössen. Ueber die Verteilung verfügte eine aus drei Mitgliedern der Jerusalemer Gemeindevorstehung bestehende Kommission. Da die Juden Polens nun unter den in Palästina Weilenden das numerische Uebergewicht hatten — ihre Zahl soll im Jahre 1821 500 betragen haben — fühlten sie sich, da ihrer Meinung nach die meisten Unterstützungsgelder aus ihrer Heimat kamen, bei deren Verteilung benachteiligt, beschuldigten die Kommission der Parteilichkeit und der unrechtmässigen Verwendung der anvertrauten Summen zu Gunsten der Jerusalemer Gemeinde und forderten eine Reorganisation der Repartierungskommission sowie die Vermehrung ihrer Mitgliederzahl von 3 auf 7. Sie beschwerten sich also bei Berek Schmul, dem einflussreichsten unter den Vorstehern der Warschauer Judengemeinde, der über die aus dem ganzen damaligen Königreich Polen stammenden Sammlungen zu disponieren hatte. Ferner aber fand sich — und der war, freilich nur wegen seiner ungewöhnlichen Stilisierung, der bedenklichste — ein Brief des polnischen Rabbiners Monachem Mendel Boruchowicz in Jerusalem an den oben genannten Berek Schmul in Warschau den Wiederaufbau der Synagoge deutsch-polnischen Ritus in Jerusalem betreffend. Die polnischen Juden hatten nämlich in Jerusalem ihren eigenen Rabbiner, den genannten Boruchowicz, sowie eine Synagoge, die aber, noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts zerstört, infolge eines Verbotes des Sultans nicht wieder aufgebaut worden war. Nun aber, da die Erlaubnis dpzu endlich erwirkt worden war, wandte sich der Rabbiner nach Warschau mit der Bitte, Sammlungen für den Bau zu veranstalten. „Dank der Fürsorge des Herrn", schrieb er, „der Jerusalem auserwählt hat, ist es uns gelungen, den Wiederruf des königlichen Verbotes zu erreichen und die Krone wiederherzustellen, d h. d;e Synagoge aufzubauen, die die Heiden geschändet und die Feinde zerstört haben." Er wandte sich an alle Gläubigen im Namen der heiligen Stadt Jerusalem, die bald aufgebaut werden möge. . . „Seid stark und mutig, damit mit Eurer Hilfe die einstige Herrlichkeit der Krone hergestellt werde. Dies sind die Worte Eures Freundes, der Eure Nachrichten erwartet und für Euch betet an der mitternächtigen Mauer des himmlischen Thones, auf den Gräbern unserer heiligen Vorfahren, der Ahnen der Welt, der wahren Propheten. . ." Dies nun war das Material, mit dem Nowosilzow mit bemerkenswerter Kombinationsfähigkeit (denn auch in diesem Wahnsinn war Methode) eine grossangelegte Anklage weiterzuspinnen und zu beweisen verstand. Handelte er im guten Glauben? Dieser darf ihm nicht zugebilligt werden. Sein Vorgehen in dieser Affaire war nicnts anderes, als eine planmässig angelegte Denunziation, aus der er ohne Zweifel grosse persönliche Vorteile oder eine Bestechungssumme seitens der Juden Warschaus für sich herauszuschlagen gedachte. Dem Nowosilzow war ein schamlos verkäufliches Individuum, in dessen Hause polnische und litthauische Juden regelmässige Gäste waren und Geld oder reiche Geschenke mitbrachte... Er nützte seine Stellung zu Gunsten seiner Privatschatulle gehörig aus, sei es, dass es sich um private Interessen oder grössere öffentliche Angelegenheiten handelte, wobei er oft skrupellos genug war, Geld zu erpressen. So „intervenierte" er, als den Juden das Verbot des Branntweinausschanks drohte, ebenso, als ihnen in Warschau in gewissen Strassen zu wohnen und Handel zu treiben verboten wurde. Aber seine rechte Hand wusste nicht, was die linke — nahm. Er liess sich von den Juden Litthauens für das Versprechen, sie vom Militärdienst zu befreien, 20.000 Dukaten zahlen, zu zahlen, zu einer Zeit, da der zu Ungunsten der Juden lautende Befehl bereits erfolgt war! In seinem Bericht über die dem alten Plonski konfiszierten Briefe, einem Bericht, der noch heute interessante Tatsachen und Ansichten offenbart,