Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 6 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 6 man hunderttausenden unserer hungernden Brüder zu menschenwürdigem Dasein, zur Lebensfreude verhelfen könnte Es war mir daher eine Genugtuung, als ich am 13. Mai 1899 von Herrn Dr. Hammerschlag einen Brief erhielt, mit dem Auftrage, diese Arbeit zu übernehmen. Ich habe sofort am 14. Mai 1899 geantwortet und meine Bereitwilligkeit ausgesprochen. Es kam aber nicht dazu. Zur selben Zeit stand ich in Fehde mit Herrn Dr. Herzl. Die „Welt" hielt die Oeff'ntlichkeit in Spannung mit ihren Enthüllungen über meinen „Verrat" an der zionistischen Bewegung. Für Herrn Dr. Hammerschlag und die Herten der Krakauer Loge war meine Gegnerschaft zu Dr. Herzl, deren Gründe hier näher zu erörtern nicht der Ort ist, genügend, um auf Betreiben eines der Krakauer Loge angehörigen Predigers meiner Mitarbeiterschaft nicht diejenige Aufmerksamkeit zuzuwenden, die zu verlangen ich mich für berechtigt hielt. Ich habe daher abgelehnt. Die Krakauer Loge suchte Ersatz SL* glaubte, ihn in einem Studenten gefunden zu haben, der auf Forschungen in einige Städte verschickt wurde. Seitdem sind 10 Jahre verstrichen. Nun erscheint Dr. Jakob Thon mit einem Buche vor uns, d;;s sehr sorgfältig gearbeit ist, das dem Fleisse und der Ausdauer seines Verfassers alle Ehre macht, aber — nichts neues sagt. Das Buch enthält eine sorgfältig zusammengestellte Quintessenz sämtlicher statistischen Kapitalweike über die österreichischen Juden. Es ist das Produkt der Lampen-Arbeit; ein bequemes Hand- und Nachschlagebuch. Dr. S. R. Landau. (Schluss folgt.) Der erste polnische „Zionisf", Einleitung der Redaction. Professor Szymon Asken a z y von der Lemberger Universität hat in der Warschauer Monatsschrift „Biblioteka Warszawska", deren Herausgeber Graf Adam K r a s i n s k i im schönsten Mannesalter leider jüngst verstorben ist, auf ürund bisher unbekannter Quellen einen sehr interessanten historischen Artikel über die Leidensgeschichte des polnischen Juden Salonion Plonski unter obigem Titel veröffentlicht. Der uns zur Verfügung stehende Raum gestattet uns leider nicht, den Artikel in seiner Vollständigkeit zu übertragen. Es hatte daher Herr Adolf J a m p o 11 e r die Freundlichkeit, in einem deutschen Auszuge die wichtigsten und wesentlichsten Details wiederzugeben. Auch beschränken wir uniere Darstellung auf den historischen Teil dieser wertvollen Studie. Die persönlichen Bemerkungen des Herrn Askenazy und speziell seine Polemik gegen den modernen Zionismus übergehen wir. Ein jüdischer » rofessor, der Palästina wegwerfend ein „unbekanntes asiatisches Land" nennt, kann sich begreiflicherweise für den Zionismus nicht begeistern. Im Herbst des Jahres 1819 unternahm ein frommer Warschauer Jude, der 70 Jahre alte Salamon Plonski über Odessa und Konstantinopel eine Pilgerfahrt nach Palästina. Nachdem er eine sowohl für die damaligen Verhältnisse, als auch für sein Alter beschwerliche Reise durch das heilige Land hinter sich hatte, eine Reise, deren zahlreich dräuenden Gefahren er nur durch besondere Fürsorge Gottes entronnen zu sein überzeugt war, rüstete er sich im Herbst 1821 zur Heimreise. In einem Brief aus Konstantinopel teilte er dann seinem in Warschau wohnenden Schwiegersohn mit, dass er sich bereits auf der Rückreise in Gesellschaft mehrerer frommer Pilger befinde. In einem zweiten Brief bat er von Odessa aus um 50 Dukaten, da die Reise schneller, als er gedacht, seine Geldmittel erschöpft hatte. In seinem überschwänglichen, wie nicht anders zu erwarten, biblisch geschmückten Stil schrieb er an seinen Schwiegersohn, den er „Herr und Fürst" anspricht, dass „er Nachrichten führe, die freudige Hoffnung im Herzen aller Frommen wecken würden, nahe wäre das Reich und die Bewohner Jerusalems würden Anteil nehmen beim Wiederaufbau Zions. . . Wer mit Tränen säe, würde mit Jubel ernten." Jeder unbefangene Leser solcher Briefphrasen wird sie als ohne weitere Bedeutung überschlagen, wird sie im besten Fall als charakteristische Auslassungen eines gläubigen polnischen Juden ansehen, der das Heilige Land nicht vergessen kann und auf die Wiederkunft des Messias baut. Diese Briefe wären auch nie zu unserer Kenntnis gelangt, wenn sie ihren Adressaten erreicht hätten. Aber in Warschau entfaltete zur Zeit im Bureau des Generals Kuruta, dem der Stab des Grossfürsten Konstantin unterstand, ein „schwarzes Kabinett" seine emsige Wirksamkeit, indem es die mit der Post anlangenden privaten Briefe geschickt zu eröffnen und wenn nötig zu konfiszieren wusste. Zwei aus dem Orient stammende hebräische Briefe waren dem auf Ungewöhnliches lauernden Kabinett überaus verdächtig. Sie wurden sofort dem Bureau Nowosilzow, der kaiserlicher Kommissär in Polen war, übermittelt und hierauf in tendenziös entstellter französischer (Jebersetzung (so wurde das Wort Pilger mit „Emissär" übersetzt) mit einem sclr- :re Anschuldigungen enthaltenden Kommentar Nowosilzows dem Grossfürsten vorgelegt. Dieser sah gleich die Schwere der Anschuldigungen ein und machte, von der Bedeutung der „Affaire" überzeugt, eine ausserordentliche und geheime Eingabe an den Kaiser (Alexander I.) selbst. In derselben hiess es: der Schreiber der Briefe habe ohne Zweifel mit mehreren andern Emissären eine wichtige Mission in Palästina erfüllt. Er habe einen ihm anvertrauten Auftrag vollführt und beabsichtige offenbar den Wiederaufbau Jerusalems und die Gründung eines neuen Reiches der Juden! Wie konnten denn zwei so nichtssagende Briefe eines harmlosen Mannes, täglich in den Gebeten gläubiger Juden wiederkehrende Wünsche enthaltend, als einer hochpolitischen Aktion und Salamon Plonski als d?r Agent einer grossen gegen Russland gerichteten und den Frieden Europas beunruhigenden Verschwörung angesehen werden? . . . Es war ja die Zeit, da allenthalben in Europa geheime Gesellschaften in die Höhe schössen, deren Zweck nicht allein freiheitliche nationale Bestrebungen waren, sondern zuweilen auch offener Kampf gegen die bestehende Ordnung mit den Waffen in der Hand. Kaiser Alexander hatte damals die Wendung von liberalen Ideen zu einem reaktionären Absolutismus gemacht. Noch kurz zuvor war er als Beschützer der griechischen Freiheitsbewegungen aufgetreten, Graf Kapodistrias, ein Korfiote, war als Minister bei ihm persona grata, er begünstigte den