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Neue Nationalzeitung · 1909-03-12 · Heft 6 (12.3.1909) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 6 (12.3.1909)
Date
1909-03-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NflCIOML-ZEIGÜNG ߣR8USögB2R: OrS.R.L^NÖNU". XI. JAHRGANG. WIEN, 12. MÄRZ 1909. Nr. 6. Statistik im Dienste der Hilfsaktion. (Dr. Jakob Thon: Die Juden in Oesterreich. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden. Berlin 1908.) Das obige Buch hat in der jüdischen Presse keine genügende Würdigung, ja nicht einmal eine ausführliche Besprechung gefunden. Zumeist wurde der Waschzettel (eine vorgedruckte Anzeige des Verlages) abgedruckt, hie und da kamen noch kurze Auszüge dazu. Was das Buch ist, oder sein sollte, dass dieses Buch bereits eine zehnjährige Geschichte hat, dass es bestimmt wa», eine sociale Tat zu werden: darüber ging die jüdische Presse hinweg; gewiss war es ihr unbekannt. Am Titelblatt des Buches ist zu lesen: Im Auftrage des „Verbandes der Israelitischen Humanitäts- Vereine Bnai-B'rith für Oesterreich" hergestellt. Damit wollen wir auch beginnen. Es war im Jahre 1898. Ich hatte damals meine Studienreise durch Galizien und Russland vollendet und es erschienen, zuerst in der „Welt" und im „Jewish World", dann als Broschüre meine Schilderungen „Unter jüdischen Proletariern", in denen ich bemüht war, die jüdische Oeffentlichkeit auf die entsetzlichen wirtschaftlichen Bedingungen und socialen Verhältnisse, unter denen das jüdische Proletariat Osteuropas in menschenunwüdiger Weise vegetirte, aufmerksam zu machen. Zur selben Zeit haben die neuen Bergpolizei-Vorschriften in Boryslaw eine Krise hervorgerufen, die tausende jüdischer Bergarbeiter brotlos machte. Ich unternahm damals eine Reise nach Paris, um die Ica für Boryslaw zu interessieren; dann besuchte ich die grösseren Gemeinden von Preussisch-Schlesien, wo ich in den Bnai-B'rith-Logen durch Vorträge und sonstige Propaganda für eine galizische Hilfsaktion Stimmung zu machen suchte. Seit dieser Zeit gehört die galizische Hilfsaktion zum stehenden Inventar der „Golus-Politik". Es war damals eine vernünftige Idee des Herrn Dr. Hammerschlag, Präses der B.-B.-Loge in Prag, dass die österreichischen Logen, die über Initiative der deutschen Logen an eine Hilfsaktion schreiten sollten, zuerst die Verhältnisse in Galizien sondieren und ein genaues Material über das Leben und Treiben der jüdischen Bevölkerung sammeln. Mit dieser Arbeit sollte ich betraut werden. Meiner Auffassung nach, sollte sie keine rein statistische sein. Statistische Daten sind für jedermann in den Publikationen der Statistischen Zentra!-Kommission sowie des statistischen Landesamtes leicht zu finden, und was an neuen statistischen Ermittlungen aufzubringen war, konnte nur in zweiter Linie in Betracht kommen. Ich dachte also mehr an eine Enquete. Es erschien mir von Belang nicht blos die Frage, welche Berufe die Juden treiben, sondern vornehmlich, wie viel sie verdienen, wie sie leben und wohnen, wie gross ihr Durchschnittsalter und die Kindersterblichkeit; ich wollte den Begriff „Luftmensch", den ich zum ersten Mal in meinen Reisebeschreibungen geprägt habe und dessen erschreckendes Ueberhandnehmen selbst die offizielle Statistik nicht leugnet, genauer definieren, respektive diese sonderbare Einzelwirtschaft analysieren. Ich dachte dabei an die Arbeiten der Aerzte B. Wysokinski und B. W. Koskowski „Wie die kleinstädtischen Juden in Polen leben" (Vgl. die von mir herausgegebene Monatsschrift „Der jüdische Arbeiter" Jhrg. 1898 Nr. 4). Die offizielle Statistik spricht im Zusammenhange mit der grossen Anzal jener Leute, die ohne Beruf, nur von der Hand in den Mund leben, als von einem „zahlenmässigen Ausdruck des jüdischen Massenelends Galizien s". Mich interessierte nun die Frage: Wie ist der Haushalt der jüdischen, oft aus 8—10 Personen bestehenden Familie, beschaffen, deren Ernährer nach wociienlanger Plage endlich 4—6 Kronen zusammenbringt? Welche Stellung nehmen in demselben die Söhne und die Töchter ein? Arbeiten sie, verdienen sie, tragen sie zum Haushalte bei? Wenn nicht, warum? Erst wenn alle diese Daten gesammelt waren, konnte an die Discussion der Frage geschritten werden, wie man es besser machen, mit welchen Mitteln

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