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Neue Nationalzeitung · 1909-02-26 · Heft 5 (26.2.1909) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 5 (26.2.1909)
Date
1909-02-26
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 5 „Neue National-Zeitung" Seite 11 Schwein auf den Markt trieb. Jasiek hielt es an einem Strick, der an einem Fusse des Schweines festgebunden war, während sein Vater, in der Hand einen langen Stecken, es vor sich her zum Sonntagsmarkte trieb. So war der Sonntag für Jossele ein Festtag. Denn an diesem einzigen Tage in der Woche konnte er ohne Bangen und ängstliche Furcht vor Jasiek in den Cheder gehen. Da war ja sein Plünderer nicht zu Hause, er lauerte ihm nicht mit seinem Hunde auf und beraubte ihn daher nicht aller jener Leckerbissen, die ihm die besorgte Mutter in den Cheder mitgegeben. Das konnte aber nicht mehr so weiter gehen. Am Purim sollte die Schreckensherrschaft Jasieks über die wohlgefüllten Taschen Josseies ein plötzliches Ende nehmen. Vor Jasieks Hündin hatte Jossele allerdings keine Angst. Im Gegenteil. Sie hegte ihm gegenüber freundliche Gesinnungen, weil ihr so manener Leckerbissen von seiner Seite zugekommen war. Und so war ihre Freundschaft so weit gediehen, dass ihm die Hündin, wenn er in Sicht war, schweifwedelnd entgegenlief. Auf diese Weise hatte sich Jossele einen Feind zum Bundesgenossen gemacht. Denn wenn jetzt Jasiek seine Hündin auf den blassen Judenknaben hetzte, so rührte sie sich trotz Stössen' und Schlägen nicht von der Stelle . . . denn Jossele war ihr Freund. Eine andere Politik verfolgte aber Jasiek. Wenn er alle die leckeren Sachen aus Josseies Taschen hastig in seinen Magen befördert hatte, war er sein bester Freund und hielt es auch nicht unter seiner Würde, sich mit dem Judenknaben zu unterhalten. Natürlich war Jossele stolz darauf, wie leider so viele, viele andere Juden, die es sich zur Ehre anrechnen, mit einem „Goj" gut Freund zu sein. Aber schon heute vergass Jasiek, wie gute Freunde sie gestern waren. Jasiek lauerte dann gewohnheitsmässig wieder seinem „jüdischen Freund" auf, wenn er in den Cheder ging, um, auf seine vollen Taschen einen kleinen Pogrom ins Werk zu setzen. Als dies eine lange Zeit ohne Unterbrechung so fort ging, schwang sich Jossele in seiner geängstigten Seele zur folgenden Reflexion auf: Warum habe ich eigentlich so grosse Angst vor dem Jasiek? Ich bin doch viel gesünder als er! Wenn ich ihn nur anrühre, dreht er sich dreimal auf der Erde herum! Ich bin doch unter allen meinen Freunden der stärkste .... warum habe ich denn so grosse Angst vor ihm?!.... Und daraaf wusste Jossele nie eine Antwort. Wie oft wollte er schon auf Jasiek losgehen. . . Doch jedesmal, wenn er dem Hause Terenkos näher kam, begann er zu zittern. Und kam Jasiek aus seinem Hinterhalt hervor, so erstarrte er vor lauter Angst zur Salzsäule und bekam seine gewohnten Schläge..... Da versuchte er, sich auf eine andere Weise zu rächen. Er stiftete einige Freunde an, sie sollten Jasiek überfallen und ihn ordentlich durchprügeln „zum ewigen Andenken". Und sie zogen gegen Jasiek: Einen Stock in der Hand, sich ihrer Kraft bewusst. Als Jasiek mit seiner Hündin aus dem Hause herauskam und seine Feinde erblickte, erhob er ein grosses Zetergeschrei: „Hilfe, Hilfe gegen die Juden!" Da machten sie alle zusammen kehrt . . . trotz ihrer Riesenstärke, mit der sie gegen Jasiek ausgezogen waren. Sie liefen davon, so schnell es ging- So kläglich endete der Rachezug gegen Jasiek. III. Purim stand vor der Tür. Jossele hat seine Megille im Cheder gut gelernt. Auch desshalb, weil er an der Geschichte Vergnügen fand. Denn jedesmal, wenn der Name „Haman" vorkam, dachte er an seinen „Freund" Jasiek. Dieser kam ihm nun einmal auch wie Haman vor..... Jossele hatte sich draussen im Schnee herumgetrieben und kam nun nach Hause, wo es so gut nach frischem Gebäck roch. Als ihn die Mutter sah, wie sich seine Wangen gerötet hatten, war sie sehr zufrieden mit seinem Aussehen und gab ihm einen Kuss. Nicht lange nachher, ging Jossele mit seinem Vater zur „Megille". . . . Im Beth-Hamidrasch herrscht fröhliche Stimmung. Die Kinder sind alle mit ihren „Gregers" erschienen. Jossele natürlich auch. Jedesmal, wenn sie den Namen „Haman" hörten, setzten si2 im kindlichen Eifer ihr „Instrument" in Bewegung. Und beim Gepolter des Gregers und dem Fußscharren steigt in Jossele jedesmal die Vorstellung auf, als wenn er den Jasiek unter seinen Fäusten hätte und ihm alle Schläge heimzahlte, die er von ihm bekommen hatte. . . Diesem Räuber wollte er schon zeigen! Je näher man dann dem Schlüsse der Megille kam, desto mutiger wurde Jossele und er begeisterte sich an Rachegedanken. . . Eine besondere Vorliebe fasste er für den König „Ahasweros", der es mit uns Juden hält. . . Und er setzte seinen Greiger mit immer grösseren Ingrimm in Bewegung, wenn in der Megille die „Hamans" erwähnt werden. Nach der Megille geht Jossele als ein ganz anderer nach Hause. Er fühlt ein Kraftgefühl in sich aufsteigen und wünscht sich, der Jasiek möge ihm jetzt begegnen. Dem wird er schon alles zehnfach vergelten. Der soll ihn noch einmal plündern wollen. Dieser — Haman . . , Mit einem Finger wird er ihn niederschlagen diesen — Judenfeind! . . Indessen freut sich Jasiek schon auf die großartigen Leckerbissen, die er morgen dem Judenjungen wegnehmen wird. Denn auch er weiß, daß morgen Purim ist und Jossele morgen volle Taschen hat: Kuchen, Nüsse, Konfekt, Orangen. . „Das will ich mir wohl schmecken lassen", denkt sich Jasiek. . Aber — diesmal kam es anders. In Jossele ist die gestrige Kampfesstimmung noch nicht verflogen. Es war kein Strohfeuer, So geht er an dem schönen Purimtag in seinem Feiertagsgewand in den Cheder und erinnert sich freudig der gestrigen Megille-Vorlesung. Da denkt er an Jersiek. Er muß ja an seinem Hause vorbeigehen, und der wird ihm sicher heute wieder auflauern. Und so gute Sachen wie heute, hatte er noch nie in seiner Tasche gehabt. . Er denkt also: Der König Ahasverus hält mit uns Juden. . . Und den Haman hat man mit seinen zehn Söhnen aufgehängt. Habe ich denn überhaupt Angst vor Jasiek? . . Nein! Der soll mir nur kommen! Er soll kommen, wenn er sich traut!" . . Da stürzt Jasiek schon auf ihn los und hinter ihm läuft seine Hündin her, die aber bald zurückbleibt und mit dem Schwänze wedelt, da sie Jossele, ihren Spender erblickt. Jasiek wirft sich auf Jossele, um sich die erhoffte Beute zu eigen /w machen. Jossele nimmt seine ganze Kraft ge^eu Jen „Judenfeind" zusammen. Er gibt ihm eine kräftige Ohrfeige

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