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Neue Nationalzeitung · 1909-02-26 · Heft 5 (26.2.1909) · p. Seite 10

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 5 (26.2.1909)
Date
1909-02-26
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 „Neue National-Zeitung" Nr. 4 FEUILLETON. M. SPEKTOR» Der bleiche Sossele. Eine Purimfeschichte ans den Kinderjahren. (Nach dem jiddischen Original von Moriz Hacke.) Frau Feige klagte ständig Verwandten und Bekannten gegenüber wegen ihres Sohnes Jossele. — Was soll ich mit ihm anfangen? Ich füttere und füttere ihn mit den besten Sachen, stecke ihm die gebratenen Tauben in den Mund, und er sieht aus — meinen Feinden gesagt. Er wird immer blasser und sieht bald so aus, wie ein Mensch, der von schwerer Krankheit genesen ist Wie oft habe ich schon den Doktor um Rat gefragt! Der hat mir aber gesagt, dass alle Eltern zufrieden sein sollten, wenn sie ein so gesundes Kind hätten. „Ihr Jossele ist nun einmal von Natur auf so" — schliesst dann stets der Doktor seine Antwort auf meine Fragen übei Josseies Gesundheit..... Aber trotz dem Urteile des Arztes. . . Wenn Jossele aus dem Cheder kommt und sie sich ihn mit den überzärtlichen Augen der Mutter prüfend anschaut — dann gibt es ihr doch einen Stich ins Herz.. Trotz der Beruhigungsversuche des Doktors. Und sie fragt ihren Sprössling: — Was ist denn mit Dir mein Kind?! Schlägt Dich der Rebbe im Cheder? Nein, Mutter, der Rebbe hat mich noch nie geschlagen. Er hätte ja auch gar keinen Grund dazu, mich zu schlagen. — Oder schlagen dich die andern Buben? Wie meinst Du das Mutter? Es sollte sich nur einer von ihnen einfallen lassen, nur einen Finger gegen mich zu rühren. Dem würde ich es nicht raten! Ich bin viel stärker als sie. . . . Ein Riese bin ich gegen sie. ... Ja, und Angst haben sie auch vor mir. . . . Grosse Angst. Soll nur einer mit mir anbandeln. . . Aber daran denkt ja keiner einmal. . . So, von Kraft durchdrungen, spricht Jossele und stellt sich in kampfbereiter Stellung im Zimmer auf. — Aber ich bleibe dabei. Du siehst aus wie ein Kranker, der nur jeden dritten Tag ein Stückchen Brot isst. Aber Mutter, ich bin doch nicht krank! Auf mefn Wort! . . . Aber ich habe doch gar nichts. . . Ich bin ganz gesund..... Während Jossele der Mutter diese Antwort gibt, fuchtelt er mit den kleinen Fäusten in der Luft herum.... um seine athletische Kraft zu zeigen. Das beruhigt aber gar nicht die besorgte Frau Feige. Es tut ihr fm Herzen weh, wenn sie ihren blassen Jossele anschaut Sie hatte auch andere Kinder geboren, Kinder mit lachenden, pausbackigen Gesichtern, mit runden Händen und Füssen. Jedes Kind, das Frau Feige zur Welt bringt, wiegt 12 bis 13 Pfund. Und wenn es das Tageslicht zum ersten Male erblickt, dann erhebt es ein so mordsmässiges Schreien, dass man es zehn Gassen wert hören kann. Und weshalb schreit es? Essen und Trinken, Trinken und Essen will der neuangekommene Sprössling Feiges und nach kurzer Zeit bat er auch rote, volle Wangen runde, gesunde Hände und Füsse . . . und spaziert auf allen Vieren am Fussboden der Stube herum. Und Frau Feige war bisher immer stolz auf ihre schönen gesunden Kinder. . . Nur dieser Jossele? Wie schwächlich er aussieht! Wie kommt sie, Feige, zu blassen Kindern? . . . Sie erinnert sich, dass auch ihr Jüngster, als sie ihn säugte und auch später, ein starker rosenwangiger, gesunder Bub war. Da im achten Jahre seines jungen Lebens fing es mit dem blassen Aussehen an. . . Und seitdem wird es nicht besser. . . Feige macht sich selbst Vorwürfe. Es muss doch an ihr liegen. Sie pflegt wohl ihren Jüngsten nicht ordentlich. . . Ja, das wird es wohl sein. Und nun beginnt sie eine Mastkur mit ihm. Jeden Tag gibt sie ihm eigenhändig drei Löffel Lebertran, dazu Milch und alle sonst möglichen Sachen zum Mästen. Natürlich wehrt sich Jossele mit Händen und Füssen dagegen. Er will all das ekelhafte Zeug nicht in sich hineingiessen und hineinstopfen lassen... Kerngesund ist er doch. Was will eigentlich die Mutter von ihm? — Du weisst viel, antwortet ihm die Mutter. Und mit Befehlen und Bitten setzt sie es durch, dass er, ob er nun will oder nicht, seiner geliebten Mutter zulieb, alle jene schönen Sachen zu sich nimmt, die so ekelhaft schmecken, dass er sich jedesmal danach schüttelt. Ausserdem bekommt er eine besonders kräftige Mittags- und Abendkost, und die Mutter steht selbst dabei, bis Jossele alles bis auf den Rest aufgegessen hat..... Und damit nicht genug, füllte sie ihm den Teller noch nach, bis Jossele, der ja ohnehin zu Mittag und Abend mit wirklichem Appetit isst, schreit, er könne nichts mehr herunterbringen. . . Nach dem Nachtmahl bringt die Mutter selbst ihren Jungen ins Bett. Doch alles blieb vergeblich. Alle Anstrengungen Feiges blieben fruchtlos. Trotz der Mastkur und der verschiedensten Leckerbissen, die sie für ihren Sohn kochte und backte, war keine Besserung in dem Aussehen Josseies bemerkbar. Das Gesicht blieb blass wie zuvor. Die Wangen waren eingefallen und er machte wirklich e/nen etwas kränklichen Eindruck. Das war auch weiter kein Wunder. Denn alle die schönen, guten Sachen, die ihm die Mutter früh morgens in den Cheder mitgab — sie wanderten alle in einen anderen Magen, nämlich Jasieks, der ihm morgens und mittags auf seinem Wege immer begegnete. Wer war Jasiek? Kurz gesagt: Josseies Krankheit. Denn er war es, der ihm seine Kraft und seine Gesundheit wegnahm. Den Grund seiner Krankheit wusste nur Jossele allein: Jasiek. Der war ein Jahr jünger und um einen Kopf kleiner als er. Ein kleiner, stämmiger Bub, der, im Gesichte eine Stulpnase, mit kleinen grauen Spitzbubenaugen in die Welt blickte. Das war Josseies Vampyr. Jedesmal, wenn das Muttersöhnchen in den Cheder ging, musste er an dem Hause von Jasieks Vater vorbeigehen, der im Städtchen den schönen Spitz- Namen „Terenko der Schweine-Würstler" führte, da er nur mit Schweinen handelte. Ihn kannte ein jeder im Städtchen und ebenso seinen Sohn Jasiek, der immer am Markttag zusammen mit seinem Vater ein

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