Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 5 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425773-2425779--1263-2427608- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 5. „Neue National -Zeitung" Seite 7. dustrie in den letzten fünfzehn Jahren, z. B. der Holzindustrie, hat tausende Juden in das Land gebracht, die neuen Fabriksunternehmungen, Versicherungsgeselfschatten, Banken, Speditionsgeschäfte u. s. w. Auch die Eisenbahnen, deren Angestellte seit 14 Jahren dreifach vermehrt worden sind, beschäftigen sehr viele Juden. Wir sehen, dass der hiesige neue Tempel nicht mehr an hohen Feiertagen alle Andächtigen aufnehmen kann, so dass die ga- Iizischen und Bukowinaer Juden sich ein eigenes Bethaus errichten mussten. In Brcka, wo vor 14 Jahren nur eine spaniolische Gemeinde bestand, liegt heute die Gemeindeverwaltung ausschliesslich in den Händen der österr.-ungar. Juden. Alles in Allem ist in den letzten 14 Jahren eine jüdische Vermehrung durch Einwanderung allein um 5—6000 Seelen erfolgt. Was nun die natürliche Zunahme der jüdischen Einwohner durch Geburt betrifft, so entnehmen wir dem Volkszählungsbuche der Landesregierung, dass punkto Zuwachs die Juden den grössten Perzentsatz aufzuweisen haben. Derselbe beträgt pro Mille: bei Mohamedanern 11.35, Serben 17.85, Katholiken 25.71, hingegen bei Juden 41.48. Ziehen wir dabei 17°/0 jährlich an Sterbefällen ab, so ergibt sich eine Populationsvermehrung von mindesten 30 pro Jahr und 1000, daher in 14 Jahren von mindestens 3000 Personen. Angesichts dieser Berechnung müsste die Regierung, falls sie jetzt eine Volkszählung vornehmen würde, die Zahl der jüdischen Bevölkerung mit 17—18.000 konstatieren. Wenn nun die Regierung trotzdem von 11.000 Juden spricht, so muss man schon fast an eine böswillige Darstellung glauben. Die Haltung der Regierung ist für uns ein bitterer Wehrmutstropfen in den Freudenkelch der Annexion. Es scheint, dass auch uns die Pariasstellung der österreichischen Juden nicht erspart bleiben soll. Wir lassen aber trotzdem unsere Hoffnung nicht fallen. Wir hoffen aber nicht auf höhere Mächte, auf die Regierung und sonstige ideologische Phantome, sondern wir glauben an die Gerechtigkeit der mit uns zusammenwohnenden Völker und wir pochen auf unser Recht, das wir mit aller Energie verteidigen werden. Eine politische Aktion für die Süden in Bosnien. Die Zurückweisung der gerechten Ansprüche der bosnischen Juden auf eine selbständige Kurie hat den Gemeindebund veranlaßt, eine „vertrauliche" Besprechung jüdischer Mitglieder des österreichischen Abgeordnetenhauses einzuberufen. Zu der am 11. d. M. stattgehabten Sitzung erschienen die Herren Dr. Gabel, Dr. M a h 1 e r und Stand vom jüdischen Klub, weiters Hofrat Kuranda, Dr. Ko I ischer und Dr. Ofner. Nach längerer Diskussion wurde der Beschluß gefaßt, sich mit den jüdischen Mitgliedern des ungarischen Parlaments wegen gemeinsamen Vorgehens ins Einvernehmen zu setzen. Auffällig ist hier die Geheimtuerei. Die Versammlung war ganz vertraulich. Es wurde nicht einmal ein Communique ausgegeben, sondern es mußten sich die Anwesenden zur Discretion verpflichten. Der Zweck ist uns nicht recht klar. Diese Aktion hat ja doch nicht das Licht der Oeffentlichkeit zu scheuen, sie könnte vielmehr dadurch gewinnen, wenn sie sich auf die gesammte jüdische Oeffentlichkeit stützen würde. Es ist auch bemerkenswert, daß nur die Abgeordneten, nicht aber die jüdischen Herrenhausmitglieder eingeladen wurden. Von diesen fünf Herren wäre ja doch vielleicht der eine oder der andere gekommen, zumindest hatte Baron Oppenheim, der in den Delegationen eine grosse Rolle spielt und der als „Vertreter des Judentums" nach Baron Moriz Königswarter ins Herrenhaus berufen wurde, hiezu die Pflicht. Wären die Herren trotz Einladung nicht erschienen, so wären auch daraus die Konsequenzen zü ziehen gewesen. Interessant ist es aber, daß sich selbst Dr. Ofner für eine jüdische Wahlkurie einsetzt. Die Furcht vor der Parlamentsauflösung ist doch nicht ohne Wirkung. Sprechsaaf. Dieser Teil unseres Blattes steht unseren Lesern zur Verfügung, Wer der Oeffentlichkeit in jüdischen Fragen etwas zu sagen hat, wer an die jüdische Oeffentlichkeit appellieren will, dem stellen wir diesen Raum gern zur Verfügung. Die Redaction. Die „Elite des Judentums". Geehrte Redaktion! Die „Elite des Judentums" nannte der verstorbene Dr. Theodor Herzl zu Beginn seiner zionistischen Tätigkeit die jüdisch-akademische Jugend in Wien. Tatsächlich haben sich diese jungen Herren seit diesem Ausspruche so benommen, wie wenn sie aHein die eigentlichen Vertreter des Judentums wären, und alle diejenigen, die sich ihren jeweiligen Anschauungen über das nationale oder konfessionelle Judentum nicht anschlössen, wurden als Verräter und Feinde des jüdischen Volkes in öffentlichen Versammlungen und in der jüdischen Fresse bezeichnet. Wie ernst es aber diese Herren mit dem Judentum meinen und wie sehr sie sich bemühen, bei ihren öffentlichen Veranstaltungen die religiösen Gefühle der großen Masse — denn das wirkliche Judentum ist und bleibt religiös — zu schonen, beweist wiederum ein Fall, der sich bereits einmal bei einer jüdischen Studentenverbindung ereignet hat und gerügt wurde. In einer jüdischen Wochenschrift lasen wir, daß die jüdischakademische Verbindung „Unttas" in diesem Winter ihr dreißigsemestrigesFest veranstaltet. Aus diesem Anlaß findet Freitag den 26. Februar, 6 Uhr abends, auf der „Bude" ein Fesikonvent statt. Tags darauf, am Samstag, vormittags um halb 10 Uhr, versammeln sich die Festteilnehmer zum Frühschoppen — wie schön jüdisch klingt dieser Ausdruck, es ist nur schade, daß sich die waschechten Arier seiner so häufig bedienen — in der Altpilsenetzer Bierhalle, worauf gemeinsame Auffahrt — am Samstag — zur Universität und Technik stattfindet. Stünde diese Ankündigung nicht in einer Zeitung, die sich das Wort „jüdisch" zur Firma gemacht hatte, so müßte jedermann annehmen, es handle sich um eine Ankündigung der Burschenschaft „Germania" oder „Teutonia" mit Georg Schönerer an der Spitze. J. Qrobtuch. Anmerkung der Redaktion. Wir haben bereits vor längerer Zeit anläßlich der Samstag-Auf fahrt der „Kadimah" unseren Standpunkt präzisiert, der dahin ging, daß die Samstag- Auffahrt einer jüdisch-nationalen Verbindung die ganze jüdischnationale Bewegung diskreditiert. Diese Ansicht wurde in unserem Blatte auch vom Gründer der „Kadimah" und dem Senior der jüdisch-nationalen Bewegung in Oesterreich, Dr. Rüben B i e r e r, unterstützt. Die Folge war, daß Dr. Bierer von den jungen Leuten eine — Rüge erhielt und daß Mitglieder der „Kadimah" an dem Besitzer des Kaffeehauses „Marienbrücke", des Couleur-Cafes der „Kadimah", die Abbestellung unseres Blattes erpreßt haben, nachdem sie die ihnen unbequeme Zeitungsnummer feierlich auf einem Scheiterhaufen aus der Welt schafften. Das war doch wirklich sehr mutig! Geehrte Redaktion! Uns jüdisch-nationale Finken muten die Verhältnisse, die unter der Wiener inkorporierten jüdisch-nationalen Studentenschaft herrschen, so manchmal peinlich an, und wir sind mit dem Vorgehen so mancher der fünf Verbindungen oft nicht einverstanden. So werden Sie sich nicht wundern, daß ich sehr darüber erstaunt war, als ich in einer Zeitung las, daß die „Unitas" anläßlich ihres Stiftungsfestes am Samstag eine Auffahrt zur Universität in ihr Programm aufgenommen hat.