Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 5 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite S. „Neue National-Zeitung" Nr 5. Ich wende mich nun nicht dagegen, daß die Auffahrt an einem Samstag ist, vielmehr dagegen, daß sie überhaupt stattfindet. Die Finken finden nämlich, daß die Herren von der „Uniras' ein auffallend kurzes Gedächtnis haben. Denken die Herren nicht mehr an die Novembertage v. J., an denen sich jene schändlichen, unmenschlich-brutalen Ausschreitungen gegen wehrlose jüdische Studenten abgespielt haben, ohne daß sich das Rektorat bemüssigt fand, zu intervenieren? Haben sie so schnell daran vergessen, wie wir Juden damals vom Rektorat nicht nur in der unakademischesten Weise behandelt, sondern den deutschnationalen Rowdies, die ja in der Rektoratskanzlei noch dazu einen Prote ktor sitzen haben, geradezu ausgeliefert wurden?! Gleichwohl macht — horribile dictu — eine zionistische Studentenverbindung dem gleichen Rektorat nach kaum drei Monaten einen repräsentativen Besuch.....So schnell ist die große Empörung, die ungeheuchelte Entrüstung über das Rektorat verraucht. Man muß, muß auffahren..... Doch wir hoffen, daß die „Unitas" mit ihrer Vergeßlichkeit unter den jüdisch-nationalen Korporationen allein dasteht, sonst hätten unsere Feinde wirklich ein Recht, auch die Jüdisch- Nationalen zu den „Israeliten" zu zählen, die mit einem Fußtritt zu einer Tür hinausgeworfen, zu der anderen ganz vergnügt, als ob nichts geschehen wäre, wieder hineinkommen. Mehr Rückgrat, mehr Selbstbewußtsein würde mancher zionistischen Verbindung gar nicht schaden. Ein Fi n k e. ÖRr^SP0ND5NZCN G.-O.-St. Dr. von Uriel — pensioniert. Wien, den 21. Feber. Dieser Herr ist den Lesern unseres Bla tes wohl bekannt. Er war es, der in den letzten Jahren systematisch die F.ntjudung des Militärärztekorps durchgeführt hat, indem er den Zuzug der Juden verhinderte und die jüdischen Militärärzte der höheren Chargen vorzeitig zur Pensionierung zwang. Von berufener Seite wurde in unserem Blatte wiederholt nachgewiesen, dass Dr. von Uriel dadurch nicht nur den Juden geschadet und die Staatsgrindgesetze schmählich verletzt hat, sondern, da-s er das militärärztliche Korps geradezu verwüstet 1 at. Denn die Tatsache, dass heute über 150 >ystemisierie Oberärztestellen unbesetzt sind, können nicht einmal die besten Freunde Uriels leugnen. Nun ist er pensioniert und in Anerkennung seiner Verdienste zur E x z e 11 e n z «ernannt worden. Unsere Judenpresse, voran die »Neue freie Presse*, weiss nicht genug, Dr. Uriel zu feiern. Von seiner judenfeindlichen Haltung kein Wort. Ob sich unter dem neuernannten Chef des militärärztlichen Korps, Professor Dr. von Kratschmer, die Verhältnisse ändern werden, bleibt abzuwarten. Soviel steht aber fest, dass wenn es zu einem Kriege kommen sollte bei der Mobilisierung zwischen den jüdischen und christlichen Militärärzten der Reserve kein Unterschied gemacht wird. Im Kriegsfall wird man die Juden schon gut brauchen können. Präsident Julius von Gomperz. Brünn, 22. Feber. (Orig. Korr.) Im hohen Alter von 85 Jahren ist der Präsident der hiesigen Handels¬ und Gewerbekammer Julius R. von Gomperz, der durch Jahrzehnte auch das Amt eines Präsidenten der hiesigen Kultusgemeinde und eines Präsidenten des mährischan Landes-Massafonds bekleidet hat, verschieden. Der Verstorbene entstammt einer der ältesten und angesehensten jüdischen Familien von Mähren; er war Erbe eines großen Vermögens, und es war ihm daher leicht, in der liberalen Partei eine führende Rolle zu spielen. Im Jahre 1861 entsandte ihn die Handelskammer in den Landtag, welche ihn im Jahre 1871 in das Abgeordnetenhaus delegierte. Seit den direk en Wahlen im Jahre 1873 vertrat er die Brünner Kammer im Reichsrat bis zum Jahre 1892. In diesem Jahre wurde er als Vertreter der Judenschaft ins Herrenhaus berufen. Der Verstorbene war ein Vertreter der deutschliberalen Richtung. Er hat die ersten Ehrenämter im jüdischen Gemeindeleben eingenommen und mit Fleiß und Eifer versehen. Man kann aber nicht behaupten, daß er sich jemals für die Juden politisch oder finanziell übermäßig angestrengt hat. Wie seine Brüder Professor Theodor Gomperz, ebenfalls Mitglied des Herrenhauses, und Philipp Ritter von Gomperz, Präsident der Kreditanstalt, und unsere ganze jüdische Geldaristokratie, stand er den breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung, ihrem Denken und Fühlen passiv gegenüber. Der Alliance-Tag. Berlin, 20. Februar. (Orig. Korr.) Am 15. d. M. fand hier im Festsaale der jüdischen Gemeinde unter Vorsitz des Geheimrates Goldberger die sechste Tagung der deutsc. en Konferenzgerm inschaft der Alliance Israelite Universelle statt, die sich wie alijä rlich auch diesmal zu einer erlebenden und imposanten Kundgebung großzügiger jüdischer Wohlfahrtspflege gestaltete. Aus allen Teiltn des Reiches waren Delegierte erschienen, ihre Zahl beweist, wie sehr die A. I. U. in Deutschland an Boden gewinnt, wie ihr großes Werk von immer breiteren Kreisen begriffen winl. Der Vorsitzende erstattete, nachdem er der im Vorjahre dahingeschiedenen Mitglieder! ehrend gedacht, den Rechenschaftsbericht für das Ja r 1908 und entwickelte dann den großzügigen Arbeitsplan für das Jahr 1909. Die Entwicklung der Mitgliederschaft in Deutschland z^igt eine Vermehrung um 40% und damit hat die Vermehrung der freiwilligen und Mitgliedsbeiträge erheblich zugenommen. Von den wichtigsten Gegenständen der Beratung sei besonders jener genannt, der die Juden in Rumänien betrifft. Dem Eingreifen der A. 1. U. dürfte es nun gelungen sein, für unsere Brüder in Rumänien Hilfe zu gewinnen. Allerdings waren die Beratungen streng vertraulich, doch dürfte die bald erfolgende Veröffentlichung Sensation erregen und uns mit neuer Hoffnung für eine endlich bessere Lage der Juden in Rumänien erfüllen. Das grösste Interesse verdient der von den Herren Rabbiner Israel Levi — Paris und Dr. Porg e s — Leipzig erstattete Bericht über ihre Inspektionsreise nach dem Orient. Der Bericht der Kommission, der auch Herr Benedict vom Centralcomite angehörte, erklärte, dass die Erziehung in den Schulen der Alliance eine durchaus einwandfreie ist. Mehrere im Vordergrunde stehende Fragen fanden auf der sechsten Tagung der A. J. U. eingehende Beratung. Ein grosser Teil der Beschlüsse und geplanten Werke ist jedoch vertraulicher Natur.