Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 5 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 5 Farmer in den Vereinigten Staaten, deren Zahl auf v i e rtausendfün fhundert geschätzt wird. Die Beratungen der Konferenz erregten im ganzen Lande ein ungewöhnliches Interesse. Es waren nicht die typischen Bauerngestalten, die wir an den jüdischen Farmern sahen; aber diese Männer haben das treuherzige, einfache Wesen selbstbewusster Arbeiter. Ihre Gesichter tragen die Zeichen vieler Wetter- und Lebensstürme; sie gingen daran, eine Organisation der jüdischen Farmer, zur Wahrung und Förderung ihrer geistigen und wirtschaftlichen Interessen zu schaffen, auch tragen sie sich mit der Ansicht, in New-York ein grosses Warenhaus zu errichten, das den kommissionsweisen Verkauf ihrer Bodenprodukte in den amerikanischen Zentren auszuführen hätte. Am ersten Beratungstage sprach Herr S. P.Becker, ein sehr junger und erfolgreicher Tabakpflanzer in Connecticut, von dem die erste Anregung zu diesem Kongresse ausging. Er gab einige nützliche Anregungen, um sich von den allmächtigen Trusts zu emanzipieren. Allein nicht nur wirtschaftliche Fragen standen auf der Tagesordnung. Der jüdische Farmer hat auch andere Interessen; vor allem gilt es ihm, seine Unwissenheit inbetreff des Ackerbaues zu beseitigen und geeignete Mittel 7ur Beiehrung ausfindig zu machen. Zu diesem Zwecke hat der „Jüdische Ackerbau-Hilfsverein" bereits vor einiger Zeit mit der Herausgabe eines Fachorgans, „Der jüdische Farmer" begonnen, das in der Jargonsprache erscheint. Bei den weiteren Beratungen wurde die Errichtung von ständigen Ackerbauschulen diskutiert und eine Anzahl diesbezüglicher Anträge zu gründlicher Prüfung einem Komitee überwiesen. Der Herausgeber des genannten Fachorgans, Herr Redakteur Pincus, gab einen Überblick über Leben und Erwerb der jüdischen Farmer und warnte nachdrücklichst vor leichtsinniger Erwerbung von Grund und Boden. Er brachte unter Anderem auch die von ihm verfassten „Zehn Gebote für jüdische Farmer" zur Verlesung, die, teilweise in humoristischer Form, einen Leitfaden für den jüdischen Farmer darstellen. Da heisst es unter Anderem: „Kaufe keine Farm, ehe Du nicht eine Kuh besitzest". „Ehe Du eine Farm erwirbst, suche Dir eine Frau." Ein Teil der Beratungen war der Erziehung der jüdischen Farmerkinder eingeräumt. Diese lässt sehr zu wünschen übrig. Hauptschuld daran trägt der Umstand, dass sich auf manchem entlegenen Farmergebiet überhaupt keine Schule findet, weil nach dem amerikanischen Schulgesetz eine bestimmte Kinderanzahl für die Errichtung einer Schule bestimmend ist. Dieses Kapitel wurde eingehend erörtert und allseits betont, dass vor Allem auf die religiöse Erziehung der Kinder streng Bedacht genommen werden müsse. Es wurden in dieser Hinsicht Beschlüsse gefasst, deren Verwirklichung einen wesentlichen Fortschritt im Erziehungswerke bedeuten würde. — Auch über das Erwerbsleben der jüdischen Farmer erhielt man befriedigende Aufschlüsse. So wurde festgestellt, dass in Connecticut der kleinste Jahresumsatz eines Farmbesitzers 1000 Pfd. SÜg. beträgt, viele aber einen Umsatz von 5000 Pfd. Stlg. und mehr erzielen. Noch günstiger liegen die Verhältnisse in New-Jersey, das überhaupt als der grösste Mittelpunkt jüdischer Landwirtschaft anzusehen ist. Der Kongres erfuhr eine besondere Ehrung durch den Empfang eines Mitgliedes, des Herrn Becker, beim Präsidenfen Roosevelt, der sich sehr eingehend über Leben und Treiben der jüdischen Farmer informieren Hess und ihren Beratungen denjbesten Erfolg wünschte. Die amerikanische Presse widmete den Delegierten herzliche Begrüssungs-Artikel; die jüdischen Zeitungen weisen mit Freude auf die symptomatische Bedeutung der Farmer-Konferenz hin und meinen mit Recht, dass die Gesamtjudenheit es mit gleicher Befriedigung aufnehmen werde, das zum erstenmale ein Bund jüdischer Farmer in der Öffentlickeit erseheine. Der nächste Kongress findet im Jahre 1910 statt. Die neue Organisation führt den Namen: „Die Föderation jüdischer Farmer in Amerika" Die jüdische Wahlkurie in Bosnien gefährdet. (Von unserem Korrespondenten.) Sarajewo, den 18. Februar. Allem Anscheine nach wird die bosnische Landesregierung das den Deputationen in Wien gegebene Versprechen nicht einhalten. Aus der konfessionellen Kurie, die in der Proklamation des Kaisers versprochen wurde, macht die Regierung blos Wahlkurien bevorzugter Konfessionen. Natürlich will man nicht offen zugeben, dass die Juden in Bezug auf die Wahl vergewaltigt werden sollen. Man verschanzt sich vielmehr hinter den Vorwand, dass ein Mandat auf 25.000 Mitglieder einer Konfession zu entfallen habe, und da die Juden weniger Einwohner in Bosnien und Herzogowina zählen, könne ihnen angeblich ein Mandat nicht zugebilligt werden. Die Juden unserer Reichsländer sind fest entschlossen, ihr Recht zu verteidigen und was im Laufe der Jahrhunderte nicht möglich war, hat jetzt die neue politische Konstellation beschleunigt: eine Annäherung der Spaniolen und Aschkenasim. Mit Rücksicht auf die von der Regierung zur Beratung der neuen Verfassung einberufene Enquete haben die beiden hiesigen Gemeinden einen gemeinsamen Ausschuss, bestehend aus 12 Mitgliedern, gewählt, welcher während der Verfassungsenquete in Permanenz blieb. Diese Enquete ist nun vorbei. An derselben nahmen auch zwei jüdische Vertrettr teil, u. zw. Dr. Rotkopf als Präsident der österreichisch-ungarischen Kultusgemeinde, und Jeschua Schalom für die spaniolische Gemeinde. Beide Herren haben sich ihrer Aufgabe bei der Enquete mit grossem Geschick entledigt. Sie sind mit aller Energie für die Errichtung der jüdischen Kurie eingetreten und es ist ihnen auch gelungen, die anderen Mitglieder von der Berechtigung dieses Wunsches zu überzeugen. Speziell Herr Schalom verwies darauf, dass auch während der ottomanischen Herrschaft die Juden in Bosnien zwei Repräsentanten in das erste türkische Parlament entsandten. Allein die bosnische Regierung, vertreten, durch den Ziviladlatus Baron Benko, wollte das Recht der Juden auf eine besondere Wahlkurie nicht anerkennen, da die Judenjediglich 11.000 Seelen (?) zählen. Und so kam es, dass während die Regierung mit den anderen Konfessionen über die Zahl der Mandate und Kurien unterhandelte, die Juden von vorneherein ausgeschlossen wurden. Es ist aber die Ueberzeugung der gesamten bosnischen Judenschaft, dass es sich hier um ein „Rischus" der Regierung handelt. Es ist vielleicht keine ausgesprochene antisemitische Feindseligkeit, aber jedenfalls die in der österreichischen hohen Bureaukratie tiefwurzelnde Abneigung gegen die Juden, welche den Minister von Burian veranlasst, einem friedlichen, fleissigen Volkselement, welches berufen wäre, die Stütze des österreichischen Regimes zu sein, zu Staatsbürgern zweiter Klasse zu degradieren. Denn es ist überhaupt nicht wahr, dass die Juden in Bosnien nur 11.000 Seelen zählen. Anlässlich der letzten Volkszählung im Jahre 1895 betrug ihre Zahl 8213. Seitdem aber hat sich die Zahl mehr als verdoppelt. Und zwar nicht nur durch den Ueberschuss der Geburten über die Todesfälle, sondern auch durch die starke jüdische Einwanderung aus der Monarchie. Die riesige Entwicklung der In-