Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 5 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 5 Deutsche. Zu humanitären Zwecken sehen wir denn auch Menschen zusammenkommen, die sonst im Leben gar weit von einander stehen mögen. Auch der Verein zur Pflege kranker Studierender ist ein Wohlfahrtsinstitut, dessen Gründer man nicht nach Nation oder Konfession fragte, wo jeder Student Mitglied sein konnte und Hilfe erhielt, wenn er sie brauchte. „Jeder Hochschüler" — ist auch heute noch vor dem Vereinslokale in der Universität zu lesen — „sollte diesem humanitären Institute beitreten." Nun aber dringt der nationale Chauvinismus und der Rassenhass auch in die friedliche Stätte der Humanität ein und sperrt junge Menschen, wenn sie krank werden, von der Wohltat ärztlicher Pflege und Behandlung aus. Ein humanitärer Verein kann doch nicht dazu geschaffen worden sein, nationalen üelüsten zu dienen und den Schauplatz wilder Agitation zu bilden und noch dazu, wenn man arme Juden vom Vereine ausschliesst, nachdem man vorher bei reichen Juden mit Erfolg um Spenden angesucht hat! Durch eine solche Betätigung des nationalen Bewusstseins wird die deutschradikale Majorität des Vereines bei jedem anständigen Deutschen nur Entrüstung wecken. Ist es vielleicht deutsch, arme und kranke Studenten des berechtigten Anspruches auf Hilfe und Unterstützung zu berauben? Ist es deutsch, die Gastfreundschaft, die die Wiener Universität gewährt, zu verletzen? Es ist aucji gar nicht zu begreifen, sondern im Gegenteil höchst töricht, wenn der Vorstand durch eine solche Attacke auf hunderte Studenten die Interessen des Vereines zu fördern erklärt und es liegt darin vielmehr eine Missachtung jener, die in gutem Glauben für die humanitären Zwecke des Vereines ihr Scherflein beigesteuert haben. Die niedergestimmte Minorität will denn auch gegen den Beschluss der Deutschradikalen, die übrigens in der Volkshalle unheimlich zahlreich und seit der letzten Versammlung rätselhaft vermehrt zu sehen waren, alle Rechtsmittel ergreifen. So wird es hoffentlich gelingen, den gewissenlosen Beschluss umzustossen und dem Gedanken der Humanität zum Siege zu verhelfen. Der Verein steht unter dem erhabenen Protektorate des Kaisers. Von dieser Allernöchsten Stelle wird auch gewiss dem verhetzenden Treiben des Vereins-Vorstandes und der deutschen Majorität rechtzeitig ein Riegel vorgeschoben werden. Ein Verein, der — um mit Grillparzer zu sprechen — von Humanität durch Nationalität zur Bestialität schreitet, ist des kaiserlichen Protektorates unwürdig. B. Wolf. MAX SCHACHERL (Berlin): Der gefeierte 3osef Israels. Die zionistische Presse aller Länder hat jüngst in schwungvollen Artikeln den 85. Geburtstag des Altmeisters Josef Israels gefeiert. Er, der stille und bescheidene kleine Mann im Haag, mag nicht wenig erstaunt gewesen sein, sich als den Maler des jüdischen Volkes gefeiert zu sehen; die organisierte Begeisterung muss ihn nachdenklich gestimmt haben. Er müsste nicht weit zurückdenken, um sich einer Episode zu erinnern, die keiner unbemerkt liess, der Josef Israels Persönlichkeit und Bedeutung, der die Werte seiner hohen Kunst begreift. Vor zwei Jahren war es, am Zionistenkongress im Haag. Da sass ein kleiner, von der Last seiner Jahre gebeugter Mann mit schneeweissem Haare in dem grossen Saale, und lauschte ergriffen jedem Worte, dass da gesprochen wurde. Von früh bis abends sass er dort, ergriffen und ins Innerste getroffen von der Grösse der Idee, die seine Glaubensgenossen hier vertraten. Josef Israels war es. . . Dreiundachzig Jahre war er alt geworden und hatte der Juden Leid und Elend hingenommen, wie etwas Unabwendbares, Nichtzuänderndes. . . Dem Greise standen die Tränen in den Augen, als er hörte, wie viel schon geschehen sei, zur Förderung der Idee, In diesem Augenblicke war er stolz auf seine Brüder und fühlte vielleicht die Zusammengehörigkeit. . . Der Präsident eröffnete den Kongress und vergass des kleinen Mannes zu erwähnen, den die Holländer liebevoll und stolz ihren „kleinen Juden" nennen. Ich möchte aus diesem Vorkommnis keine zu weiten Schlüsse ziehen; aber typisch erscheint es mir für die Gesinnung jener Kongressleitung. Und geht man nur um einen Schritt weiter, so wird diese an sich unscheinbare Episode zum Schulbeispiel. Man hat Josef Israels offiziell ignoriert. Nicht nur der Kongress, das Judentum überhaupt hat ihn nicht beachtet. Damals nämlich, als er ringend und kämpfend jenem Ziele zustrebte, von dessen hoher Warte aus er heute lächelnd auf den Schwärm zudringlicher Gratulanten herabblicken kann. In keinem jüdischen Museum findet sich ein Bild des holländischen Altmeisters, auch nicht in dem Privatbesitz eines jüdischen oder doppeltjüdischen Kunstliebhabers. Das jüdische Volk, die zionistische Partei inbegriffen, haben weder für einen Josef Israels, noch jemals für einen anderen jüdischen Küstler etwas getan. Man wartete mit bewundernswerter Ausdauer, bis so ein Ringender und Verblutender etwas wurde, um ihn dann schleunigst für das Judentum in Beschlag zu nehmen. Nach dieser Methode, die allerdings den Vorzug hat, recht billig zu sein, haben wir eine ganze Anzahl jüdischer Künstler in den letzten zehn Jahren geschenkt erhalten. Fraget aber unsere wahrhaft jüdischen Künstler sie werden euch sagen, wie sie darüber denken. Sie werden euch erzählen, wie man sie in all' den Jahren des Kämpfens und Darbens aliein liess, wie sich damals keiner fand, der sie an ihre Gemeinschaft mit dem Judentum erinnerte! Ahnen wir denn gar, wieviele hoffnungsvolle Menschen der Kultur, der jüdischen Kunst, nicht zuletzt auch dem Judentume verloren gehen und untertauchen im Wirrsal des Lebens? Wo ist ein jüdischer Künstler, von dem gesagt werden könnte, das Judentum habe ihn gefördert oder ihm geholfen? Es gibt keinen. Und es wird keinen geben, solange man nicht statt des vielen Gefasels über jüdische Kunst, Renaissauce und Kultur, endlich eine Tat vollbringt, die uns von der Schande befreit, für die Besten unseres Volkes nichts übrig zu haben, als schwungvolle Gratulationsartikel. . . Es ist ja nicht zu ändern: Josef Izraels ist ein holländischer Maler, wie Solomon J. Solomon ein englischer. Richtig, Israels hat wundervolle jüdische Sujets geschaffen. Wenn dieses allein genügte, dann wäre ja Rembrandt am Ende gar auch ein jüdischer Maler! Und da haben wir den zweiten interessanten Gegensatz: die wenigen Rembrandts im Privatbesitze finden sich überwiegend bei reichen Juden. . . Sonderbar.' Die Presse jener Partei, welche vorgibt, eine Renaissance auf allen Gebieten jüdischen Lebens herbeiführen zu wollen, ist zu ängstlich und