Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 5 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NßCiONft-ZEßUNG LANDAU XI. JHHRGHNG. WIEN, 26. FEBRUAR 1909. Nr. 5. Die neue Burschenherrlichkeit (Eine Attacke gegen kranke Studenten). Das Uebergreifen des Nationalitätenkampfes auf die Hochschulen ist eine Tatsache, die man leider als gegeben betrachten muß. Auch an den Universitäten wird erst der nationale Frieden einkehren, wenn unter den Völkern Oesterreichs selbst Eintracht herrscht. Der Chauvinismus erweist sich auf allen Gebieten als kulturfeindliches Element und kein Gebiet ist heilig genug, um vor seinen gierigen Händen geschützt zu sein. Er fuhr hemmend in das Getriebe der Hochschulen, er brach tosend in stille Gelehrtenstuben ein und hat die Gemüter so verhärtet, daß man — wie die Geschichte unserer mensa academica zeigt — hungernde Studenten von dem Tische stieß, den milde Hände für sie gedeckt hatten. Es ist so weit gekommen, daß die von nationalen Hetzern betörten Studenten deutschradikaler Couleur in den Angehörigen einer anderen Nation, die wirtschaftlich in Not sind oder von einer Krankheit befallen werden, nicht hilfs- und pflegebedürftige Menschen, nicht Kollegen, die Unterstützung oder zumindest Rücksicht verdienen, sondern Gegner sehen, denen man unter allen Umständen Böses zufügen müsse. Das ist die neue Burschenherrlichkeit, die — wie in den Tagesblättern zu lesen war — am letzten Donnerstag in der Volkshalle verkündet wurde, wo die Generalversammlung des Akademischen Vereines zur Pflege kranker Studierender unter stürmischen Szenen vor sich ging. Es hat den deutschnationalen Studenten nicht genügt, an gesunden Menschen ihr Mütchen zu kühlen und den vollberechtigten Studenten anderer Nationen den Brotkorb höher zu hängen, sondern sie müssen zur „Verherrlichung" der deutschen Nation auch den armen, kranken Studenten ihre Macht zeigen und sich an den Wehrlosen rächen. In jener turbulenten Versammlung im Rathause wurde unter. Niederstimmung der mit sachlichen Argumenten kämpfenden Minorität ein Antrag angenommen, daß alle Nicht-Oesterreicher viermal so hohe Beiträge zu leisten haben als die anderen Studenten. Da es sich bei diesem Verein um minderbemittelte Studenten handelt, so kommt der Beschluß für Hunderte von armen Studenten der Entziehung der Möglichkeit gleich, der Wohltaten des Vereines teilhaft zu werden. Woher der Wind wehte, wurde gleich nach Einbringung dieses Antrages klar, da ein Deutschradikaler verlangte, ihn auch gegen die Juden und Tschechen auszudehnen. Gegen arme, kranke Juden, die nach Heinrich Heine dreifach Schweres zu tragen haben, blasen die tapferen "deutschnationalen Kämpen zum Feldzug. Nationaler Chauvinis nus und konfessionelle Gehässigkeit vereinigten sich hier zu harmonischer Brutalität. . . . In den Tagen von Messina erklang von eines Königs Munde das edle Wort von der internatioalen Hilfsbereitschaft und der Humanität, die keinen Unterschied zwischen Nationen und zwischen Konfessionen kennt. Wenn ein verwundeter Soldat in die Hände seiner Feinde fällt, dann harrt seiner eine ebenso sorgsame Pflege und Behandlung, wie im Lazarett des eigenen Heeres. Es gibt eben Fälle im menschlichen Leben, wo man im Gegner nicht den Feind, sondern nur den Menschen sieht, dem Hilfe nottut und sich in einem solchen Augenblicke an ihm rächen, wäre schamlose Feigheit. In einem Lande der Humanität und speziell auf dem Gebiete der Krankenpflege fragt man nicht nach der inneren tschechischen Amtssprache, nach der Kreiseinteilung oder nach der Farce der Käppchen, man fragt: Wo schmerzt es dich? Wenn einer hungert oder krank ist, dann verlangt man nicht erst den Taufschein oder das „Los von Rom"-Credo, sondern gibt ihm zu essen oder Pflege und ärztliche Behandlung, daß er gesund werde. Denn der Hunger tut gleichermaßen allen Menschen weh und der vom Arzte operierte Blinddarm eines Katholiken unterscheidet sich in nichts von dem eines Juden; ein Tscheche kann das Augenlicht ebenso verlieren wie der