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Neue Nationalzeitung · 1909-02-12 · Heft 4 (12.2.1909) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 4 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 4 „Neue National-Zeitüng" Seite 11 für fremde Säuglinge besorgt, könnt Ihr Euch wenig um Euere Kinder kümmern. Die sind denn auch danach ..." Ilse und Kurt (zugleich): „Aber Tante, wer wird so unhöflich sein". Der Hofmeister (etwas entschiedener): »Lieber Kurt, es wird Zeit sein, an den deutschen Aufsatz zu denken, den Sie morgen abzugeben haben." Der Fabrikant: „Sie haben recht, seien Sie mir etwas strenger gegen den Grünschnabel. Wachsen einem über den Kopf die Kinder. Meinen, man sei nur für s i e da. Der Vater hat den Kopf voller Sorgen: geringerer Absatz, serbischer Krieg, niedrige Kurse. Das bedenkt das Volk nicht. Nur Vergnügungen, Unterhaltungen, Bälle, Eislaufen, Theater Rodeln, Konzerte. Und, Ihr Frauen, werdet mit Euren Vereinen auch die Welt nicht anders machen. Was gehen mich Euere Säuglingsheime an, die verlassenen Mädchen und die schutzlosen Mütter? Wäien sie keine Mütter geworden. Soll ich für die ganze Welt sorgen? Wenn es noch arme Juden sind, denen wir helfen, lasse ich mir die übertriebene Wohltätigkeit gefallen, aber alles für die Antisemiten. . Laßt mich aus". . . . Die alte Tante: „Du wirst da nichts ausrichten, lieber Neffe, der Gewalt muß man weichen. Was vermag Einer gegen eine ganze Armee?" Der Fabrikant lacht, der Hofmeister lächelt, wagt aber keine Bemerkung zu machen, die Frau des Hauses wird feuerrot, die Frau Rechtsanwalt zeigt einen höhnenden Oesichtsausdruck. Der Rechtsanwalt: (indigniert) „Verzeihen Sie, lieber Freund, aber ihre Anschauungen sind sehr kleinlich. Wer kann sich jetzt auf diesen Standpunkt stellen? Wir sind heute Menschen einer großen freien Zeit, welche die Verbrüderung predigt. Es ist nötig, die Welt und die Menschen von einem höheren Gesichtspunkte zu betrachten, nicht sich einzuspinnen in beschränkte Selbstsucht. Vergessen Sie nicht an die Pflichten des Besitzes. Wir werden, liebes llschen, tanzen, trotzdem der Herr Papa heute seinen bösen Tag hat. Für seine Tarockpartie werde i c h sorgen. Ilse (schmollend): „Ja, so ist der Papa, immer nur denkt er an das Materielle und hat für das Höhere keinen Sinn Da wird sich mein „Walzertraum" nicht erfüllen." Der Fabrikant: „Vom Materiellen leben wir und man kann ohne das Materielle auch nicht auf Bälle gehen." (Er stösst gewaltige Rauchwolken aus.) Die Frau des Hauses (zur Frau Rechtsanwalt gewendet): „Was für Toilette wählen Sie, liebe Freundin?" Die Frau Rechtsanwalt: „Hellblaue Libertyrobe mit Silberstickerei." (Lange Pause). Der Rechtsanwalt (groß): „So ein Kleid ist wirklich ein Gedicht." Der Fabrikant: (spöttelnd) „In wie viel Strofen? Das erinnert mich an meinen Freund, den Erzeuger von Halbwollstoffen. Der war unlängst bei einem Geschäftsfreunde zu einem Diner geladen. Die Köchin hat sich n/cht ausgezeichnet. Als ich ihn fragte, wie man gegessen habe, antwortete er: Das Menu war ein Gedicht in 5 Gängen. Jeder Gang war eine StrofV Er lacht über seinen Witz, der Hofmeister sekundiert ihm, aber gedämpft. Die anderen schweigen verlegen, Ilse rümpft das Näschen. Die Frau des Hauses: „Wenn Du nur Deine Ghetto-Witze Messest. Immer dieses Hervorkehren des Jüdischen." Die ältere Tante: „Aber das muß man den jüdischen Witzen lassen, sie sind nicht schlecht." Ilse: „Nur nicht ästhetisch." Der Fabrikant: „Aesthetisch hin, ästhetisch her, gut sind sie." Kurt, der Quintaner: „Heinrich Heine hat auch solche Witze gemacht." Der Rechtsanwalt: „Was wissen Sie von Heine? Beschäftigen Sie sich mit anderen Grössen der deutschen Literatur. Ich denke, die ist doch nicht arm an solchen." Der Hofmeister: „Und halten Sie nicht auch Heine für eine solche Grösse, Herr Doktor?" Alle schauen mit Staunen auf den kühn gewordenen jungen Mann, der es wagt, auch dreinzureden und dem Herrn Rechtsanwalt zu erwidern. Die Stimmung ist schwül geworden. Die ältere Tante: „Heine ist heute in gewissen Kreisen nicht belieot, die froh sein könnten, wenn er ihnen etwas von seinem Geiste und Witze zuließe. Dafür langweilen sie sich auf ihren vornehmen ledernen Bällen." Ilse: (pikiert) „Du meinst doch nicht etwa unseren Ball, liebe Tante?" Die ältere Tante: „Was ich meine, liebes Kind, ist meine Sache. Aber gemütlich sind Eure Bälle mit den Libertyroben und Brokat-Toiletten nicht. Früher wurde auf Bällen wenigstens getanzt. Jetzt beschaut man sich von oben bis unten, die Pfauenblaue, die Silberweiße und die jungen, blasierten Herren, wenn sie tanzen, opfern sich, wie die Schafe. Es ist anders, aber nicht besser geworden." Der Fabrikant: „Ganz meine Meinung. Ich kann mich noch erinnern, wie wir vor lahren, bei uns zu Hause, eine P u r i m-Unterhaltung veranstalteten. Das war ein Vergnügen. Die Mädels hatten zwar keine „Walzerträume" und sind nicht in Libertyroben erschienen, aber getanzt haben sie, daß alle nur so schwitzten vor Vergnügen." (Er allein lacht.) Es ist immer stiller geworden in der Gesellschaft . . Die Frauen besprechen leise die Toilettenfrage. Der Rechtsanwalt sieht ungeduldig auf seinen Chronometer. Die ältere Tante gähnt unmerklich. — Pause- — Kurt, der Quintaner: „Was ist das Purim, Papa?" Der Fabrikant: „Laß Dir's von Deinem Religionslehrer erklären, Schlingel." Der Rechtsanwalt: „Wird kein Unglück sein, wenn er es auch nicht wissen wird." (Lacht höhnisch). Die ältere Tante: „Ein Unglück nicht, aber schämen muß man sich doch, daß unsere Kinder so wenig von der Religion wissen." Der Rechtsanwalt (spottend): „Gehört ein Purim- Ball, oder wie das Zeug sich nennt, auch zu Ihrer Religion?" (Er allein lacht). Der Fabrikant: „Kinder, mir fängt die ganze Ballgeschichte an, ungemütlich zu werden. Herr Hofmeister, ich bitte Sie, nun den lieben Kurt etwas einzuspannen. Er soll sich um seine Wissenschaft kümmern. Die Herrschaften entschuldigen, ich muß in die Fabrik. Ohne das Materielle kein Ball. Adieu, bleiben Sie mir alle gewogen." Die ältere Tante hat sich zurückgezogen und macht ihr Schläfchen. Sie träumt von verflossenen Tagen. Der Rechtsanwalt empfiehlt sich den Damen und eilt zur Ball-Komiteesitzung. Die Damen konferieren über Liberty und Brokat. Der Hofmeister schwitzt in Kurts Studierzimmer mit diesem über die Lösung einer Gleichung 2. Grades. — Ilse blättert in einem Schnitzlerischen Romane und träumt von ihren Walzern.

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