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Neue Nationalzeitung · 1909-02-12 · Heft 4 (12.2.1909) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 4 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „Neue National-Zeitung" Nr. 4 HERMANN MENKES: Der Liebesgarten. (2. Fortsetzung). Aber sie selbst konnte Sehnsucht und Anbetung wecken, wenn sie ohne Genossin durch die Gassen und Gärten schritt oder ausrht. Es war ein Lächeln stolzer Güte auf ihren Lippen. Und die Mädchen und Frauen, die sie sahen, gingen geneigten Hauptes und schweigsam hinter ihr her und beteten sie an. So erblickte sie auch eines Tages Jona, der Sohn des Gaon. Er hatte bisher von ihr nichts gekannt als ihren N men, und wusste nichts vom Weibe und der Macht weiblicher Schönheit. Es war ein kurzer Moment gewesen da er sie erschaute, aber es war wie jähes Wetterleuchten und er fühlte wie seine ruhevolle Seele erzilterte und sehnsüchtig und krank wurde. Und so geschah es, dass ein Weib Flammen in Jona entzündete, das sein Vater als Gattin für den Sohn verschmäht hatte. Eva ... es war etwas von der mystischen Gewalt des Sinnlichen in diesem Namen und ein wildes Begehren wurde in Jona entfacht, der in Dämmerungen gelebt hatte, und die ganze Entbehrung und Entsagung von Generationen wandelte sich gleichsam in ihm in unstillbaren Liebes- und Lebenshunger und machte seine Nächte kummervoll und erfüllte sein Leben mit Fiberglut. Aber seine Liebe war hoffnungslos und traurig. Er begann sein Wissen zu hassen und die dumpfe entsagungsvolle Welt, in der er bisher gelebt. Jona griff nun zu andern Büchern als zu denen des Talmud. Er las die Gesänge des königlichen und sehnsuchtsvollen Jehuda Halevy, die düstern Elegien des Gabirol und er legte seine eigene Sehnsucht und sein Leid in die glühenden Worte, die Sehnsucht nach dem Weibe, von dessen Dasein ihm bisher nur dunkle Worte gekündet hatten. Eva .. . die Bibel berichtete von ihr wie sie Macht gewann über den Mann . . . und sie erzählte von Tamai, von Judith, von Delila und Salome, die mit dem blutigen Haupt des Täufers vor trunkenen Fürsten getanzt. All die Gestalten verdichteten sich in ihm zu einem einzigen Weibe, dass seine ganze Seele erfüllte. * * * Es wurde Herbst, der wundervolle Herbst der podolischen Ebenen mit Durchsichtigkeiten und Verschleierungen, mit Mondnächten, in denen der Himmel offen zu sein scheint Das düstere Versöhnungsfest war vorbei und die gebrochenen Töne des Horns verklungen und es wurde das Laubhüttenfest gefeiert, das fröhliche Fest in der Zeit der süssen Traube. In einer dieser Nächte hatte es Jona nicht zu Hause geduldet. Er schlich in den Garten Josuas, allwo eine grosse, mit kostbaren Teppichen geschmückte Laubhütte errichtet war. Josua Heiman liebte es, den grossen jüdischen Feiertagen ein besonders reiches und üppiges Gepränge zu verleihen und an seiner, bei dieser Gelegenheit mit seltenen Köstlichkeiten versehenen Tafel, je wie es passte, vornehme oder den armen Schichten angehörende Leute teilnehmen zu lassen und sie in eigener Person zu bedienen. Dies geschah auch jetzt, am Laubhüttenfeste. Da hatten sich um prunkvoll aufgeputzte Tische die Ehrengäste niedergelassen, Edelleute in seidenen Gewändern, mit Edelsteinen auf der Scheide ihrer Schwerter, und es war ein vornehmes Zechgelage bei altem Wein in Goldpokalen und süssen, duftenden Früchten. So manches Lied erscholl und die Herren verneigten sich vor Eva, die stolz und mit feinem Lächeln an der Seite ihres Vaters sass. Die ganze Laubhütte wurde erfüllt von dem Duft und der Schönheit dieser einzigen Frau, die sich geschmückt hatte und in deren Haar Diamanten feurig funkelten, Sie erschien in diesem Momente Jona wie Salome, wie diese Grause und Lustbetörte, die unter den sengenden Blicken trunkener Fürsten mit dem blutigen Haupt Johannes tanzte. Als sich die Tischgesellschaft Josuas erhoben hatte, folgten die Herren in einem langen Zug, an dessen Spitze Eva an der Seite eines fremdländischen Edelmannes in malerischer Tracht einherschritt. Es ging in diesem Momente wie ein giückvolles Lachen durch den zaubervoll erhellten Park, dessen Bäume im Mondlicht schimmerten und glühxen. Und angesichts dieses Frohsinns und der wie in einem Traum vorbeiziehenden Schönheit fühlte Jona doppelt heftig und qualvoll seinen Kummer und seine Demut. Er war vom <Jeschlechte derer, die zum Leid erkoren sind, einer vom Judenstamme, auf dem eine alte, durch die Jahrhunderte vertiefte Trauer lastet, und diese sammelte sich in gewaltiger Schwermut in Jonas Seele und befruchtete seine Phantasie. So stand er in der Mondnacht und wusste nicht wie lange und befand sich dann den erleuchteten Fenstern von Josua gegenüber. Da war es, dass er Eva in einem ihrer Gemächer erblickte. Sie war wie in duftige, schillernde Schleier gehüllt, mit Blumen geschmückt und ein mit Edelstein besetzter Goldreif hielt ihr reiches Haar zusammen, das über ihren Rücken herunterfiel. In einem wundersamen Rhythmus schritt sie einher, mit der Anmut des eben reif gewordenen Weibes. Wie aus einem Traum erwachte sie zu einem namenlosen Jubel. Sie schwebte und wiegte sich im Tanze und dann breitete sie ihre Arme aus und presste sie an die Brust. Jona verhüllte sein Gesicht vor diesem sündhaften Märchen, das er erschaut und das ihm mit einem schmerzhaften Glück erfüllte. Es war ihm, als ob er, ohne dass sie es wusste, das einzig-schöne Weib in Besitz genommen hätte und er schloss das Bild ihrer nackten Schönheit tief in seine Seele. * * * In Eva Heimans Herz war es das Glück, das sang und eine Liebe, die ihren Stolz niedermähte und sie mit Sehnsucht und Bzgehren erfüllte. Er, den sie liebte er kam wie von dieser Selmsucht herbeigerufen und er war so, wie ihre Träume sich ihn gewünscht, einer, der nicht ihrem Stamme gehörte, voll eines starken Wollens und einer starken Kraft und er liebte das Leben wie sie. Er hiess Antonius von Hemsteede und kam aus Amsterdam, seiner Heimat und sein Wander- und Künstlertrieb liess ihn die ferne polnische Judenstadt betreten. Da lebten noch die biblischen Gestalten und eine aufbewahrte Schönheit wie einsam verglühendes Feuer und Reste einer alten morgenländischen Pracht. Er war ein Spätgeborener und er wollte das Erbe Rembrandts antreten, der die Poesie und Romantik des Ghetto verherrlicht hatte, und der zu den jüdischen Weisen gegangen war, auf deren Gesichtern noch der mystische Widerschein einer versunkenen Welt lag. (Fortsetzung folgt.)

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