Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 4 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Neue National-Zeitung" PCUILLETON. Der Ball. Eine teils heitere, teils traurige Szene aus dem Leben der Gegenwart. Von Dr. Moses Ahronsohn. Personen der Szene: deren Kinder. Der Fabrikant. Seine Frau. Ilse, die Achtzehnjährige, ) Kurt, der Quintaner, ) Der Hofmeister. Eine ältere Tante. Der Rechtsanwalt. Seine Frau. Schauplatz der Handlung: Das grosse Speisezimmer in der Wohnung des Fabrikanten. Man ist nach dem Diner. Alle Personen sehen befriedigt und gesättigt aus, auch der Hofmeister. Ilse, die Achtzehnjährige (frisches Mädel, kokettiert gerne mit jungen Herren und ihrer, nämlich nicht der jungen Herren, Naivität. Soll zum erstenmale einen Ball besuchen. Es ist natürlich ein „deutsch-fortschrittlicher." Sie heuchelt starke Nervosität, jede "Ball -Novize" ist nervös. Das weiss Ilse schon aus ihren Leihbibliotheks-Romanen. Sie liest deren viele und bewegt sich gerne in ihren Redensarten.) „Wie freue ich mich auf den schönen, herrlichen Abend. Und doch beschleicht mich wieder ein banges Gefühl." (Die Augen senkend). „Wird mein „Walzertraum" auch in Erfüllung gehen? Werden meine Ideale erfüllt werden?" (Sehr schmachtend) „Ach . ." Der Fabrikant (Robuster Vierziger, gerötete Wangen, Glatze, Hornkneifer, ausgeprägter orientalischer Typus, nicht wählerisch in seinen Ausdrücken, verrät seine Ghetto-Abstammung, fabriziert besonders i h m nützliche Tuch- und ähnliche Waren.) „Ich bitte Dich, Ilse, rede wie Dich unser Herrgott geschaffen hat. Nur keine Faxen. Du weißt, die kann ich nicht leiden. Deine Grossrrutter, Esther hat sie geheißen, und Du heißest nach ihr, pflegte zu sagen: Die jungen Mädel gefallen mir am besten, welche sich nicht zu viel zieren. Sie war eine fromme Frau, die Großmutter Esther, Gott hab' sie selig, und klug war sie, daß alle Leut' aus der Juden- und anderen Gassen zu ihr gekommen sind, um sich Rat's zu erholen. Besonders in Ehefragen. — Der Ball, auf den Du gehen wirst, Ilse, kostet mich Geld genug. Wenn sie unser Geld brauchen, die Herren Antisemiten, dann wissen sie uns zu finden. Und man findet es jetzt nicht auf der Gasse. Die Konjunktur ist schlecht. Der Krieg mit Serbien und der Türkei und das Erdbeben in Italien haben uns noch gefehlt. Die Börse, soll sich der Herrgott erbarmen, macht mir auch Sorgen genug. Aber, was soll man tun? Man heult mit den Wölfen und geht auf den deutschen Vereinsball. Mir kann der ganze deutsche Verein gestohlen werden. Werd' ich auch während der Tänzerei eine anständige Tarock-Partie haben?" (Er steckt sich eine lange und sehr dicke Zigarre an.) Der Rechtsanwalt (Vornehm tuender Dreissiger. Hält sich für sehr genial. Will Reichsrats-Abgeordneter werden. Deutsch, mit sozial-politischer Färbung, stammt aus einem ungarischen Neste. Wird nicht gerne daran erinnert. Gewaltiger Vereins-Meier. Schwärmt für die „freie Schule", Reform der Ehegesetzgebung und jeden^Fortschritt. „Noch Jude", leider wie er sagt, „aus Rücksicht". „Ich weiß nicht, lieber Freund, was unser Ball mit Ihrer Frau Mutter Esther, an deren Klugheit ich im übrigen nicht zweifle, zu tun hat. Bedenken Sie doch! Die weit stellt an uns heute Ansprüche, die wir befriedigen müssen. Nur keine Absonderung und Beschränkung. Endlich einmal müssen wir die leidige Ghetto-Politik aufgeben. Deutsch, frei, fortschrittlich, das soll unsere Devise sein. Doch wir wollen jetzt das hohe Roß der Politik verlassen, und uns mit unserem Balle beschäftigen. Ich als Komitee- Mitglied des deutschen Vereins-Balles, verspreche Ihnen, Fräulein llschen, daß Ihre Walzerträume in Erfüllung gehen werden. Herrlich wird der Ball ausfallen. Dafür haben wir vom deutsch-fortschrittlichen Komitee gesorgt". Die Frau des Hauses (hat die Dreissig überschritten, noch immer hübsch, wenn auch zur Korpulenz neigend, sonst ziemlich unbedeutend. Besitzt wenig eigene Gedanken. Fühlt sich sehr geehrt, auf dem teueren Balle erscheinen zu können. Sieht sich siegesgewiss, in der neuen, kostbaren pompösen Ball-Robe aus Crepe de chin.) „Immer nur die leidigen Geschäftssorgen, lieber Gatte. Wir weiden zu essen haben, und auch auf den Ball gehen können. Wie kann man dem lieben Kinde das bischen Vergnügen so verschandeln? In der Zeitung habe ich übrigens gelesen, daß der Krieg mit der Türkei vorüber ist. Der Rechtsanwalt: (vornehm) „Jetzt wird es auch auf der Börse besser werden". (Er ist nebenbei bemerkt, stark in Russen engagiert.) Kurt, der Quintaner: (vorlaut) „Und ich bekomme meinen Rodler. Unser Klassenprofessor sagt, wir müssen die Jugendspiele pflegen . ." Der Hofmeister: (schüchtern) „Aber zunächst kommt Griechisch und die Mathematik daran." Kurt, der Quintaner, schneidet eine Grimasse, über die allgemeines Gelächter entsteht. Der jugendliche Held fühlt sich darob sehr geehrt. Die Frau des Rechtsanwalts. (Ueberschlank, manche nennen es fast mager, Habichtsnase, überaus moderne Toilette, kleiner Juwelierladen, Frauenrechtlerin, schwärmt für Mutterschutz, allerlei Wohltätigkeit und Säuglingsheime. Goldene Lorgnette.) Zur Frau des Hauses gewendet: „Sie werden, liebe Freundin, das Fräulein llschen auf den Ball führen müssen, den unser Verein zur Unterstützung verlassener Mädchen veranstaltet. Wir werden sehr in Anspruch genommen. Auch für Messina muss gesorgt werden. Es wird in diesem Winter viel zu tun geben. Vom frühen Morgen bis zum späten Abende bin ich auf den Beinen, es täte not, auch den Tag anzustückeln". Die ältere Tante: (Ehrwürdig, schlicht,, sarkastisch). „Ihr arme Frauen von heute, seid so geplagt, daß ihr nicht einmal Zeit habt, für die Kindererziehung und die Wirtschaft zu sorgen. Immer nur