Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 4 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 4 aber vertraten Herr Wolf Pappenheim und Herr Dr. Krenberger den „reinen" Itoismus. Die Ausführungen des als Gast anwesenden Dr. S. R. Landau, denen sich nachträglich auch Dr. Rybaczewski anschloss, giengen dahin, dass der „reine Itoismus" ebenso wie der „reine Zionismus" viel zu nebulos und jedem Realismus entrückt seien, als dass ein Realpolitiker dieselben zur Grundlage eines Programmes und einer wirtschaftlichen Arbeit machen könnte. Die wichtigste Aufgabe einer jeden jüdischen Volkspartei, als welche ja sowohl die Zionisten als auch die Hoisten gelten wollen, ist es, endgiltig an Stelle glitzernder Phrasen und fantastischer Verheissungen praktische, konkrete Arbeit im Interesse der jüdischen Volksmassen zu setzen, damit dieselben nicht früher verhungern, bevor sie eine „autonome" Provinz erhalten. Daher müsse eine Itoistische Organisation in Oesterreich sowol die jüdische Emigration aus Galizien bezüglich derjenigen, die auswandern müssen, in die Hand nehmen, als auch bezüglich der übrigen jüdischen Bevölkerung wirtschaftliche Reformen anbahnen. Redner erinnert hiebei an das Programm des Direktor Moriz Lazarus in Lemberg aus dem Jahre 1882, welches dahin gegangen ist, die galizischen Juden grösstenteils dem Ackerbau zuzuführen, und welches angesichts der Parzellierungspolitik der Polnischen Volkspartei in Galizien und der in jüdischem Besitze befindlichen grossen Güterkomplexe gegenwärtig viel leichter zu realisieren wäre, als vor einem Vierteljahrhundert. Der Itoismus in Oesterreich, der für die rumänischen und russischen Juden arbeiten will, ohne sich um die ihm näher stehenden galizischen Juden zu kümmern, wäre ein todtgeborenes Kind. Hierauf erfolgte die Wahl eines Ausschusses. In denselben wurden die Herren Gemeinderat Dr. Hein, Dr. Jacob Engel, Dr. S a m u e 1 y, Dr. K r]e nberger, Dr. Rybaczewski, M. Schmidt u. a. gewählt. Russland. Die Judenpolitik der Kadetten. Petersburg. Die Kadetten scheinen endlich an die Revision ihrer Judenpolitik zu schreiten. Gelegentlich der Beratungen über den Terrorismus hat kürzlich der Führer der „Kadetten" Roditschew, eine Rede gehalten, die ausserordentlich wohltuend absticht von der Art, in der die Kadetten die Judenfrage in der Duma bisher zu behandeln pflegten. Von der Rechten des Hauses war natürlich bei dieser Gelegenheit auf Kadetten, Revolutionäre und Juden weidlich geschimpft worden, und namentlich den Juden wurde die Hauptschuld an dem Entstehen und Umsichgreifen des revolutionären Terrorismus zugeschrieben. Dagegen wendet sich nun Roditschews Rede, in der er u. a. folgendes sagte: „Man macht uns darauf aufmerksam, dass das Zentrum des Terrors die jüdische Agitation sei, und dass alle Revolutionäre und Terroristen Juden seien oder von Juden abstammten. Meine Herren! Wenn dem so wäre, Sie hätten kein Recht, sich darüber zu wundern! Denn solange die Rechtlosigkeit und die Verfolgung der jetzt unterdrückten Bevölkerung des Reiches andauern wird, solange werden Sie auch den Terror nicht abschaffen können. Wenn Sie den politischen Morden ein Ende machen wollen, so gibt es nur einziges Mittel, dass Sie nämlich Gerechtigkeit beachten. Verletzen Sie nicht fortwährend das Rechtsbewusstsein eines bedeutenden Teiles der Bevölkerung." Auf einen Zwischenruf hin fuhr Roditschew mit erhobener Stimme fort: „Jawohl, meine Herren, wir sind hier erschienen, um die Gleichberechtigung der Juden zu erkämpfen! Machen Sie der fortgesetzten Ungerechtigkeit ein Ende, und Sie werden solche gesellschaftliche Bedingungen schaffen, unter denen politische Attentate als Massenerscheinung unmöglich sein werden. . . . Für Russland ist die Frage der Gleichberechtigung eine Grundfrage, und ohne diese Frage gelöst zu haben, werden Sie kein neues Russland erleben! Nur mit der schleunigeu Beendigung des alten Systems können Sie jene Stunde herbeiführen, in der Russland eine neue Epoche des Fortschritts und des Friedens beginnen wird." Die Kadetten haben endlich einmal in der Judenfrage offen Farbe bekannt. Die unerschrockene Kritik des Abgeordneten Nisselowitsch dürfte zu dieser Klärung gewiss viel beigetragen haben. G EM EIN US un ö V£R&NSNftUtt'tUTON Wien. (Kaiser-Franz-Josef-Ferienheira.) Die Anmeldungen für die diesjährigen Rekonvaleszenten- Herzkranken-, Skrophulosen- und Erholungskolonien des „Kaiser-Franz-Josef- Ferienheim" werden vom 15. Februar d. J. an an den Tagen Mittwoch, Donnerstag. Freitag und in der Zeit von 4 bis 6 Uhr nachmittags im Vereinsbureau IX. Türkenstraße 17 entgegengenommen. Hierzu haben sich die Angehörigen des betreffenden Kindes (Vater, Mutter, Vormund oder Pflegeeltern) mit dem betretenden Kinde im Vereinsbureau einzufinden. Mitnahme eines Mittellosigkeitszeugnisses erwünscht. Es wird schon jetzt darauf aufmerksam gemacht, daß nach Abschloß' der An*: meidungen, welcher anfangs April erfolgt, einlaufende Gesuche keine Berücksichtigung mehr finden können. Berlin. Die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der All iance Is'raelite Universelle hält am 16. Februar d. J. im großen Saal des Verwaltungsgebäudes der Jüdischen Gemeinde Berlin ihre sechste regelmäßige Jahressitzung ab. Auf der Tagesordnung steht in der Hauptsache der Rechenschafts- und Arbeitsbericht des Präsidiums für das Jahr 1908, der Bericht der Mitglieder über ihre Bezirke, der vorläufige Bericht des Herrn Rabbiners Dr. P o r g e s in Leipzig über die Schulinspektionsreise nach dem Orient und die Neuwahl des Vorstandes. Berlin. Der „Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina", der im August 1907 im Haag gegründet wurde, veröffentlicht soeben seinen ersten Jahresbericht. Als nächstes Ziel hat sich der Verband gesetzt, die iüdischen Krankenhäuser und Asyle Palästinas mit modern ausgebildeten Schwestern zu versehen und eine Haushaltungsnnd Wirtschaftsschule nebst hiermit verbundenem Heim für Krankenpflegerinnen und Lehrerinnen zu gründen. Auch Kindergärten müssen gegründet werden, damit die Frauen, die dem Manne bei der Arbeit helfen, nicht gezwungen sind, die Kinder zu Hause sich selbst zu überlassen. Der Verband, dem jüdische Frauen und Mädchen aller Kreise und verschiedenen Richtungen angehören, verfügt zurzeit über mehr als 500 Mitglieder und hat im ersten Jahre über 4000 Mk. an Beiträgen aufgebracht, von denen über 2500 Mk. als Bestand in das neue Vereinsjahr übernommen werden. In zahlreichen Städten haben sich Ortsgruppen gebildet. Trotz der kurzen Zeit seines Bestehens kann der Verband schon erfreuliche Ergebnisse seiner Tätigkeit auf dem Gebiete der Krankenpflege aufweisen. Er unterstützt gegenwärtig das jüdische Krankenhaus in Jaffa und hat die Schwester Fräulein Tempelmann, als dessen Leiterin eingesetzt. Wenn der Verband unter den jüdischen Frauen die notwendige Unterstützung findet, wird er auf dem noch sehr vernachlässigten Gebiete der Wohlfahrtspflege in Palästina eine überaus segensreiche Tätigkeit entwickeln können. Sehr auffällig ist es, daß der Verband in mehreren Orten Deutschlands, in Holland und Frankreich Ortsgruppen resp. Repräsentantinnen besitzt, aber in Oesterreich noch gar keine Propaganda entwickelt hat. Diese Außerachtlassung sollte baldigst behoben werden. Zuschriften sind zu richten an die Schriftführerin Fräulein Resa Hirsch, Berlin NW., Flensburgerstraße 12.