Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 4 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 „Neue National-Zeitung" Seite 5 New-York befindet. Das westliche Seminar, als Hebrew Union College bekannt, existiert seit nahezu 35 Jahren. Es bildet junge Leute für die Reform- Kanzel aus und hat seit seinem Bestände nicht weniger als 150 Rabbis graduiert, von denen viele es zur großen Berühmtheit brachten, während alle mehr oder weniger Einfluss auf die zwei oder drei Generationen der amerikanischen Judenschaft ausgeübt haben. Jacob H. Schiff. Das Jewish Teological Seminary in New-York wurde ursprünglich im Jahre 1886 gegründet und 1901 auf einer größeren Basis organisiert. Es ist in seinen Tendenzen mehr konservativ und bildet ebenfalls Rabbiner für die jüdische Kanzel aus. Während der verhältnismässig kurzen Zeit seines Bestandes wurde eine ziemliche Anzahl junger Leute graduiert, die nun Stellungen als geistige Führer von mehr orthodoxen Gemeinden inne haben. Sogar eine so kurze Uebersicht der Entwicklung jüdischer Bildung in Amerika, wie diese, wäre ohne die Erwähnung des Gratz-College, das in dieser Stadt gelegen ist, unvollständig. Es wurde im Jahre 1856 gegründet, doch erst 1898 für tätige Arbeit, als ein College zur Ausbildung jüdischer Lehrer eröffnet. In Kürze wird das Gratz-College in der Dropsie Foundation eine Schwester-Einrichtung bekommen, die mit ihren grösseren Mitteln und unter den guten Auspizien, unter welchen sie organisiert wird, wohl grosse Dinge für die Verbreitung jüdischer Literatur und jüdischer Religion leisten dürfte. Es ist zweifellos bereits sehr viel geschehen, doch vieles wartet noch der Vollendung. Lasset uns daher alle einig sein, mögen uns welche dogmatische Differenzen immer trennen, um das Werk der jüdischen Bildung zu vollenden, würdig unserer Vorfahren und segensreich für dieses Land! Sprechsaal. Dieser Teil unseres Blattes steht unseren Lesern zur Verfügung. Wer der Oeffentlichkeit in jüdischen Fragen etwas zu sagen hat, wer an die jüdische Oeffentlichkeit appellieren will, dem stellen wir diesen Raum gern zur Verfügung. Die Redaction. Eine jüdische Mensa. Geehrte Redaktion! Als vor wenigen Wochen deutscher Reckenmut den andersnationalen Studenten die zum grössten Teile von Judengeldern erhaltene mensa academica für einige Tage schloss, wurde unter den jüdischen Studenten die Forderung nach einer eigenen Mensa laut. Aufrufe wurder. erlassen, die jüdische Oeffentlichkeit wurde über die grässlichen Verhältnisse, in welcher eine grosse Zahl jüdischer Studenten leben muss, auf das genaueste informiert. Als gar einige hochstehende Wiener Juden dieser Frage ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken begannen, schien die jüdische Mensa gesichert. Unter der bezeichnenden Rubrik „Der Jahrmarkt des Lebens" und mit einem Motto „Nicht Worte, sondern Taten" erschien in einer hiesigen Wochenschrift ein Artikel über die zu gründende Mensa, in dem es unter anderem heißt: „Die Studenten erscheinen uns als die Blüte unseres Volkes, als unsere Hoffnung und unsere Zukunft. Darum tuen wir alles gerne für sie, was nur möglich ist, um an ihnen einst Führer und Lenker, Arbeiter und Verwalter des Gutes, das unsere Nation gesammelt und noch zu entwickeln hat, zu haben. Wir lieben unsere Studentenschaft u. s. w." Kann man sich einen schöneren Hymnus denken? Kann man mit besseren Argumentnn für eine jüdische Mensa plaidieren? Was soll man aber sagen zu einem Pharisäertum, das so schön sprechen kann und zwei Zeilen weiter „den künftigen Führern und Lenkern, die im Vordertreffen gegen Anmaßung und Uebermut stehen", die seit drei Jahren bestehende billige und gute Küche des jüdischen Vereines „Einheit" offeriert? Wer die Zustände und die Art der Verabreichung der Kost in diesem „Restaurant" kennt, wer täglich die Besucher dieser Speiseanstalt sieht, kann die Herabsetzung fühlen, die d;r jüdischen Studentenschaft angetan wird, indem man an sie auch nur die bloße Zumutung stellt, eine solche „Wohltat" anzunehmen. Gewiß, der Speiseverein „Einheit" ist ja für so viele arme Leopoldstädter zweifellos ein Segen und unglückliche Kranke, die zur Spitalsbehandlung herkommen, tragen auch den Ruhm dieses Institutes nach Galizien und Rußland. Aber gerade deshalb darf dieselbe Institution nicht die Küche der „Blüte, der Hoffnung und der Zukunft unseres Volkes" werden! Die künftige jüdische Mensa darf nicht an einem verrufenen Orte liegen, sie darf nicht die allernächste Nachbarin von Zentralfreudenhäusern werden. In einer Studentenmensa darf man nicht gezwungen werden, mit Kopfbedeckung zu speisen; damit züchtet man Heuchelei. Warum auf Seiteiwege sich begeben? Es werden sich schon große Juden in Wien finden, die, belehrt durch die jüngsten Vorfälle auf der Universität und in der Mensa mit Freuden das Protektorat übernehmen und Professoren, die gerne in das Kuratorium gehen werden. Die bestehenden akad. Unterstützungsvereine sollen herangezogen werden und sie werden gewiß auch hier Ersprießliches leisten für ihre Mitglieder. Nur nicht kleinlich und engherzig sein! Die Restauration der „Einheit" als Mensa für jüdische Hochschüler ist ein Fehlgriff. Sie demoralisiert die jungen jüdischen Charaktere und setzt uns in den Augen der andersnationalen Kollegen herab. med. M. N, S. ÖRr.BSPONMNZCN Itoistischer Wiener Zentralverein. Wien, 7. Feber. Am letzten Samstag fand eine Versammlung: der Wiener Itoisten behufs Konstituierung des „Itoistischen Wiener Zentralvereines" statt. Dem einleitenden Referat des Herrn M. Schmidt, der die bisherigen Resultate der itoistischen Bewegung zusammenfasste, folgte eine eingehende Diskusion. Dieselbe ergab, dass die Ansichten der Versammlung nach zweifacher Richtung auseinandergingen. Sekretär Krausz vertrat den Standpunkt, dass der Verein nur dann eine Existenzberechtigung habe, wenn er sich in erster Linie für die g a 1 i z i s c h e Emigration und eine Hilfsaktion in Galizien interessiert. Diese Ansicht wurde auch von den folgenden Rednern Kultusvorsteher Dr. S a m u e I y und Dr. S. R. Landau nachdrucklichst unterstützt; andererseits