Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1909-02-12 · Heft 4 (12.2.1909) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 4 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2425679-2425773-2425778--1247-2427591
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 4 ausüben konnte, wie kommt es, dass einer seiner Schüler in den Schoss der alleinseligmachenden Kirche eingetreten ist? so müsste ich darauf verweisen, dass der betreffende Täufling der Sohn eines orthodoxen Juden, ja sogar eines sehr intoleranten orthodoxen Juden ist. Wenn nun der strengreligiöse hochconservative Vater nicht imstande war, auf das Gemüt seines Kindes den Einfluss zu nehmen, dass er dem Judentum nicht den Rücken kehren, wie will man dies von dem gelehrten Lehrer verlangen, der seine Jünger nur 5 Mal in der Woche und zwar je eine Stunde zu Gesichte bekam! fm Gegensatze zu Lector Weiss und| Dr. Jellinek bekannte sich Lector Friedmann öffentlich als Nationaljude. Sein Verhältnis zu Jellinek war dessen ungeachtet das denkbar beste und freundschaftlichste. Der grosse Jellinek, den die ältere jüdische Generation Wiens nur als den berühmten Prediger kannte, war, auch von seiner grossen Gelehrsamkeit abgesehen, etwas mehr als dies. Er war Schöpfer der jüdischen Gelehrtenschule. Ohne ihn besässen wir nicht Rabbinowitsch's Meisterwerk »Dikduke Soferim", ohne ihn hätte Weiss' „Dor Dor Wedorschow" nicht das Licht der Welt erblickt, ohne ihn wäre die segensreiche und fruchtbringende Lehrtätigkeit eines Lector Friedmann im Keime erstickt worden,*) ja ohne ihn wäre heute Wien nicht im Besitze des Wiener jüdis h-historischen Denkmals, genannt „Wiener Bethhamidrasch". Ich sage absichtlich „historischen Denkmals", weil ich mit dem Tode des Lector Friedmann die Bedeutung des Beth-hamidrasch als Lehrstätte in dem grossartigen Sinne, die es zu Zeiten seiner Dioskuren war, für die Gegenwart und nächste Zukunft als abgetan und erloschen betrachte. Wie bereits oben erwähnt, war das Verhältnis Lector Friedmann's zu Dr. Jellinek trotz des prinzipiellen Gegensatzes in der Auffassung vom Berufe des jüdischen Volkes im Exil, ein sehr freundschaftliches, ja sogar intimes in des Wortes edler Bedeutung. Dass Jellinek nicht fähig war, wider einen Gegner, dessen Gegnerschaft zu ihm auf Prinzipien aufgebaut war, persönliche Feindschaft zu hegen, war eine allgemein bekannte Tatsache. Dagegen war das Betragen Lector Weiss' Jellinek gegenüber in Bezug auf Kritik nicht immer einwandfrei, wiewohl er genug offenherzig war, einzubekennen, dass Jellinek's genialer Einfall ihm den Titel zu seinem epochalen Werke gegeben hat. Friedmann war Jellinek gegenüber erkenntlicher. Und doch hat auch Lector Nj^eiss trotz seiner Dürftigkeit auf jüdisch-humanitärem Gebiete viel geleistet, so dass viele seiner Schüler, die jetzt Rabbiner ansehnlicher Gemeinden sind, es nicht hätten werden können, wenn ihr greiser Lehrer sie nicht materiell und moralisch hinreichend unterstützt hätte. Wenig dürfte die Tatsache jedoch bekannt sein, dass Lector Weiss in früheren Zeiten und Lector Friedmann bis in sein hohes Alter trotz der vielen Aemter, Privatunterricht erteilen mussten, um ihr offizielles Einkommen inoffiziell in dem Masse zu erhöhen, dass sie wenigstens ein bescheidenes Auskommen haben. Die Männer, die in der ganzen jüdischen Gelehrtenwelt bekannt waren und deren Ge- ") Sollte iemand so wissbegierig sein und die löbliche Redaktion dieses Blattes um Aufklärung bitten, warum und wieso die Lehrtätigkeit Lector Friedmann's ohne das Eingreifen Jellinek's unterdrückt worden wäre, werde ich gerne geneigt sein, Rede uud Antwort zu stehen. Momentan sind es Gründe der Pietät, die es mir verbieten, darüber ausführlicher zu berichten. lehrsamkeit die Aufmerksamkeit hervorragender nichtjüdischer Gelehrter aller Universitäten des Kontinents erregt hat, waren vor einigen Jahren noch nicht frei von Nahrungssorgen. Nun ist auch der jüngere der Dioskuren in das Grab gesunken und mit ihm ist leider auch der Glanz des Wiener Beth-hamidrasch, dieser berühmten jüdischen Culturstätte Wiens, erloschen. Ob sie dereinst zu neuem Glänze auferstehen wird, wer möchte dies heute beurteilen können? Jacob H. Schiff : Jüdische Bildung in Amerika/) (Ein Vortrag am Jadischen Gemeindetag in Philadelphia.) Der kurze Zt itraum, der mir zur Verfügung steht, erlaubt mir nicht, über jüdische Bildung als Ganzes zu sprechen. Ich kann den Gegenstand nur, insoweit er dieses Land betrifft, behandeln. Zur Zeit befassen sich hauptsächlich fünf Gesellschaften mit der Aufgabe, jüdische Studien und Lehren zu unterstützen u. zw.: Die Jewish Publication Society, die Jewish Historical Society, die Jewish Chautauqua-Society, das Hebrew Union College und das Jewish Theological Seminary. Die erste, die Jewish Publication Society, wählt, druckt und verbreitet gesunde und populäre Literatur über jüdische Themen. Um ihre Arbeit besser zu illustrieren, beziehe ich mich auf zwei ihrer wichtigsten Publikationen: die englische Uebersetzung von Graetz's „Geschichte der Juden" und Schlechter's „Studien im Judentum". Das ruhig 'fortschreitende Werk der Publication-Society geht dahin, das Interesse von Jung und Alt für jüdisches Leben und die Traditionen unseres Volkes wach zu erhalten. Auf diesem Grunde erhebt sich die Jewish Historical Society, die eine Gruppe ernster Studenten umfasst, welche durch Forschung und in anderer Weise die Gerechtigkeit des Ausspruches dargetan haben, dass der Jude in diesem Lande durchaus kein Eindringling ist, sondern dass er von der Zeit an, als er vcr mehr als 250 Jahren an diesen Ufern fandete, sein Geschick an das des amerikanischen Volkes geknüpft, seine Bürden mit ihm geteilt und sich ehrlich bemüht hat, die Chancen, die sich ihm boten, zu ergreifen und ernsthaft suchte, ein Amerikaner zu werden. Damit diese Stellung erhalten bleibe, tut die Jewish Chautauqua-Society bewunderungswürdige Arbeit. Die Chautauqua schafft die Bächlein, welche sich eigentlich in den Strom verwandeln, aus dem das jüdische Leben dieses Landes zu fließen bestimmt ist. Sie verbreitet Respekt für unsere Religion und ihre Literatur, besonders in Gemeinden, wo wenig jüdisches Leben existiert. Noch wichtiger für die Förderung jüdischer Bildung ist die Tätigkeit zweier Seminare, von denen sich das eine in Cincinnati, das andere in *) Unmittelbar vor Drucklegung des Blattes ist uns von unserem New-Yorker Korrespondenten ein umfassender Artikel .Drei jüdische Kongresse in Nordamerika" zugekommen, welcher den Kongreß der jüdischen Frauenvereine in Cincinnati, den jüdischen Gemeindetag in Philadelphia und den jüdischen Farmerkongreß in New York behandelt. Leider sind wir infolge technischer Schwierigkeiten bemüssigt, diesen Artikel für die nächste Nummer zurückzustellen und bringen diesmal obigen Vortrag des berühmten jüdischen Philanthropen, der erst in den letzten Tagen zur Errichtung des jüdischen Polytechnikums in Haifa (Palästina) eine halbe Million Kronen gespendet hat. (Anm. d. Red*)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.