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Neue Nationalzeitung · 1909-02-12 · Heft 4 (12.2.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 4 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 „Neue Nationai-Zeitung" Seite 3 gekannt habe. Im Alter von 26 Jahren — vor 27 Jahren —ist er gestorben. Aber die große Zahl seiner Bilder führt mir die Grösse seines Talentes vor Augen. Ihm würdig zur Seite stand Samuel H irszenbe rg, leider in Päläsina vor wenigen Monaten gestorben, und eine ganze Reihe von jüngeren, sehr talentirten Malern, von welchen ich in meinen nächsten Artikeln sprechen werde. Ueber Alles schätze ich, was den Stil und das seelische Verständnis der Tradition alter semitischer Kunst anbelangt, jetzt den Lilien. Heute will ich noch von den Stipendisten der Rothschildstiftung sprechen. Es ist schade/ daß die Bilder nicht in einem gut belichteten Raum angebracht wurden. Es ist aber direkt eine Beleidigung für die Künstler, wenn man ihre Arbeiten nicht einmal an den Wänden aufhängt, sondern sie direkt auf die Erde hinschmeißt und Gäste zum Anschauen einladet. Das ist eine Geringschätzung der Kunst und der Künstler selbst. Es sind aber ganz tüchtige Leistungen der jungen Leute. Ein Zyklus, „Das Hohe Lied" von Wachtel (Lemberg), zeigt uns einen vollendeten Maler, der ganz genau über sein Talent und sein Können verfugen kann. Er weiß, was er will und kann. Jerzy Merkel (Krakau) ist erst im Stadium der Entwicklung. Als ein Wyspianski-Schüler hat er eine große breite Manier, mehr in das einfache, dekorative gehend, ohne Kleinlichkeiten zu beobachten. Wir wollen zuversichtlich hoffen, daß er ein großer Maler wird, denn wir sehen in seinen Bildern das Verlangen nach den seelischen Empfindungen des Menschen und ein Streben, eben diese Seele in möglichst einfacher Form und Farbe zu veranschaulichen. Der Maler H e r s c h e 1 (Wien) ist eigentlich kein Junger und kein Anfänger. Er ist ein vollendeter Künstler und auch von den Ausstellungen im Künstlerhause bekannt. Dagegen sind für uns die Maler Schönfeld und Fürst neu, beide talentirt und hoffnungsvoll. Dasselbe können wir sagen von den Arbeiten der Architekten Strnad und Kestel. Besonders Herr Strnad verblüfft förmlich durch sein malerisches Talent, welches er auch fleißig bei jedem architektonischen Entwurf ausnützt. Schlechter steht die Sache mit der Bildhauerei. Wien ist keine Stadt für die Entwicklung der Großplastik; das wissen wir ganz genau. Aber die Kleinplastik, mit ihrem Temperament und Geschmack, findet immer guten Boden und ist auch überall bekannt und geschätzt. Ich weiß nicht, ob die Herren H a d 1 und L ö w e n t a 1 Wiener sind, aber sie haben kein Temparament in ihren Arbeiten. Das ist schade, denn Talent haben sie und eine gewisse technische Anlage auch. Wir wollen keine Kritik üben, denn alle Künstler beweisen ihre Talente. Aber wir erlauben uns offen zu sagen, daß es nicht nur eine Plage für den Beschauer, sondern ein Verbrechen an dem Künstler bildet, in solchen Lokalitäten, auf dem Boden liegende Bilder anzuschauen. So was ist traurig — denn wir sind doch in einer zivilisierten Stadt, wo man in der erstbesten Wohnung eines jüdischen Millionärs besseres Licht findet und wo man doch bei vielen jüdischen Künstlern für solche junge Talente eine Gastfreundschaft — für einige Tage — ohne weiters bekommen sollte. nteir Friedmann und 3. H. Weiss« (Oie Dioskuren des Wiener Beth-Hamidrasch.) Persönliche Erinnerungen von Nachum Hamaschgiach. (Schluss.) Lector Friedmann war kein Redner im Sinne eines modernen Predigers, der aus zehn phrasenhaften gedruckten Reden sich eine elfte zusammengestellt, phrasenreich, geschmack- und inhaltslos, wie es das denkfaule Publikum, das sich damit begnügt, wenn die geistlose Predigt mit einem faulen Witz gewürzt wird, verlangt. War er etwa ein berühmter Maggid? Nein, auch das nicht. Denn ein sogenannter Maggid, der es für gut findet, einen Bibelvers oder eine Talmudstelle auf den Kopf zu stellen, um nachher an der Hand eines grossen Apparates künstlich herbeigeschaffter Belegstellen den Beweis anzutreten, dass der besagte Bibelvers, oder die betreffende Talmudstelle auf ihren Beinen stehen, weiss ganz gut, dass er nicht der Wahrheit dient, sondern dem Erwerbe und der Gefallsucht, dass er ob seines Scharfsinnes bewundert werde. In diesem Sinne war also Lector Friedmann, der Wahrheit Suchende, gewiss kein Maggid, denn selbst bei seinen populärsten Vorträgen, für die weitesten Volksschichten berechnet, ging er kritisch zu Werke. Um die Eigenart seiner Vortragsmethode, die so überraschende Erfolge aufwies, mit wenigen Worten zu charakterisieren, dürfte es genügen, wenn ich sage: Lector Friedmann war ein bibelkritischer Agadist und ein agadischer Bibelkritiker, originell in seiner Voitragsweise und von überzeugender Kraft in seiner von seinem immensen Wissen und seiner staunenerregenden Belesenheit unterstützten, weitausholenden Beweisführung. In vielen, diesem merkwürdigen originellen Gelehrten gewidmeten Nekrologen wurde hervorgehoben, dass kein akademischer Doctorhut sein Haupt geschmückt hatte. Nun, er befand sich dennoch in besserer Gesellschaft, als die vielen Rabbiner des In- und Auslandes, die wohl ihr Doctorexamen gut bestanden haben, aber in der Folge doch den Hoffnungen nicht entsprachen, die die akademischen Würdenträger in sie gesetzt hatten. Rappaport, Krochmal und Weiss waren ohne Doctorhut Gelehrte von internationaler Bedeutung. Dieses Schicksal teilte auch Lector Friedmann. Oder soll ich mit Philine in „Wilhelm Meisters Lehrjahre" sagen: „Lasst mir den Staat und die Staatsleute Weg! Ich kann sie mir nicht anders als in Perücken vorstellen, und eine Perücke, es mag sie aufhaben, wer da will, erregt in meinen Fingern eine krampfhafte Bewegung!" Aber nicht minder interessant war Lector Friedmann in seinen Vorträgen als Lehrer der Jugend. So kenne ich beispielsweise einen getauften Arzt in Wien, der als Gymnasialschüler bei Lector Friedmann Unterricht in Bibel und Talmud genoss. Dieser Judenchrist war von der Todesnachricht des Lector Friedmann, — so berichtete man mir - wie vom Schlage gerührt, und konnte einige Tage seine Praxis, nicht wie gewöhnlich, ausüben. Zur Zeit, als der jetzt noch ziemlich junge Christ ein junger Jude, etwa 20 Jahr alt, war, verkehrte ich mit ihm fleissig. Die Verehrung, die er seinem Lehrer Friedmann entgegenbrachte, ist unbeschreiblich, die Liebe grenzenlos. Wenn man aber früge: Wenn Lector Friedmann so nachhaltigen Einfluss auf Gemüt, Herz und Seele seines Schülerkreises

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