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Neue Nationalzeitung · 1909-01-29 · Heft 3 (29.1.1909) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 3 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 3 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. HERMANN MENKES: Der Liebesgarten. (1. Fortsetzung). Das war Josua Heimarin. Mitten unter ältern und teils schon verfallenen Palästen stand sein mächtiges Haus mit all seinen weiten Gelassen und Warennalien. Schon in frühen Morgenstunden erwachte es zu geräuschvollem Leben. Da kam ein ganzes Heer von Arbeitsleuten und Taglöhnern; und es kamen in den Hof schwerbepackte und ächzende Wagen und brachten Waren oder führten solche weg. Es roch im ganzen Hause nach Gewürzen, Fellen, Talg und Wachs, und es gab ein Summen, Schreien und Rufen bis in die späte Nacht hinein. In seinem Kontor stand Josua, noch ein blühender starker Mann an der Neige seiner Mannesjahre, aufrecht und stolz und in seidene Gewänder gehüllt und unterhandelte und dirigierte. Selten geschah es, dass Güte in seinem Gesicht aufleuchtete und doch wurde nie eine Faust gegen ihn geballt, oder auch nur ein leiser Fluch gegen ihn ausgestossen. Man wusste, dass sein Fleiss, seine Umsicht und Klugheit Leben und Lebensmöglichkeit spendeten. Hinter seinem Hause zog sich ein mächtiger Park dahin. Von schmalen Wegen wurde er durchzogen und lauschige Winkel waren an allen Ecken. Als alle Gärten bereits verfielen, blühte dieser Garten noch, und es war, als ob er alle Kraft aus dem Verfallenen eingesogen, so mächtig und weithin schattend waren seine Bäume. Es gingen Ströme von Kraft und Duft von ihm aus. Dieser Park war allen geöffnet, allen Fröhlichen und aller Jugend. Sie kamen hin, die noch lieben konnten und in denen noch junge Kraft und Sehnsucht war. Zumal in schwülen Sommernächten füllte sich der Park mit Liebenden und heimlichen Sündern und Lieder ertönten und Seufzer •der Lust. Das war der Liebesgarten. * * * Jetzt ist auch dieser Garten wie vergessen. Seine Mauern sind geschwärzt und bröckeln immer mehr ab. Ein Sterben kam über die Bäume, dass sie zerfielen und hinfaulten, und nur ein kleiner Rest blieb zurück in düsterm, wilden Wachstum. Es gibt da keine Wege mehr, denn Unkraut und Disteln überwucherten alles. Und auch das Haus ist von der Zeit teilweise schon zerstört und nur die Armseligsten .haben hier noch ihr Heim. Mitten unter diesen wild überwucherten Wegen des Gartens gibt es zwei Hügel, von denen es heisst, dass sie Grabstätten sind. Nichts weist sonst darauf hin, kein Zeichen, Icein Stein, keine Inschrift . . . Zweihundert Jahre sind nahezu verflossen, seitdem es hier Leben gab und der Park ist geblieben. Sie nennen ihn noch immer den Liebesgarten, obgleich sich selten jemand hineintraut. Aber eine Wunderblume ist hier erblüht, eins der seltenen Märchen vergangenen Lebens. * * * Es lebte zu jener Zeit in der Stadt mit Josua Heiman ein Gaon, ein jüdischer Gelehrter und Grosser, dessen Ruhm sich weit über seine Heimat erstreckte. Schon zu seinen Lebzeiten hatten sich Legenden um ihn gebildet, erzählte man Wunderdinge von ihm, und man pries seine tiefe Weisheit und Kenntnisse die ihresgleichen nicht hatten. Sein Urteil und Gebot galt als Gesetz, wie streng es auch ausfallen mochte und genau so wie die Handelsherren kamen in diese Stadt die Frommen und Gelehrten, die Leidvollen und Unglücklichen, um eine Lehre, einen Ratschlag oder die Auslegung einer dunklen und rätselvollen Stelle in den heiligen Schriften vom Gaon sich zu holen. Es wurde von ihm gesagt, dass er Worte wie Diamanten schlief, dass sie leuchteten und dass er Tiefsinn aus dem Schacht seiner Seele hervorholte. Seit Jehuda Halevy, dem fröhlichen und sehnsuchtsvollen Sänger, seit Gabirol und Maimon, war dem jüdischen Volke ein Mann seiner Art nicht erschienen, aber nur eins fehlte seinem Wesen: die tiefe Güte. Er konnte zürnen und hassen mit einem Hass ohne Besänftigung und ohne Vergessen und führte heftige Kämpfe mit seinen Widersachern und den Gegnern seiner Lehren. Das war ein verdüsterter, von Askese in seinen Lebenskräften unterwühlter Mann, dem Leben abgewandt und blind für all seine blühende Schönheit. Er verschmähte die reichen Gaben, die ihm dargeboten wurden, war stolz auf seine Bedürfnislosigkeit und lebte mit seiner Familie in einem halbverfallenen Häuschen, froh nur der Stille und tiefen Einsamkeit, die er um sich schuf. Er war ein Abkömmling alter Gelehrtengeschlechter, die sich vor der Welt verschlossen hatten, und die das Denken und Forschen mehr als das Leben selbst liebten Es war ein Geschlecht unfroher Herrscher, die keine andere Schönheit liebten als die einer reinen, gemarterten und gleichsam nur in Gott ruhenden Seele. Ihr Ruhm umstranlte sie wie Abendrot die Spitzen eines toten abgestorbenen Waldes. Es gab einen unter ihnen, von dem man erzählte dass sein Körper von Kasteiungen derart abgezehrt und durchsichtig wurde, dass man durch seine Haut die Dattel noch sehen konnte, die er als einzige Nahrung jeden Abend ass. Ihr Blut floss auch im Gaon Reb Gabriel, dieses verdünnte, mattpulsierende Blut von früh Senilgewordenen. Obwohl er noch nicht alt war, war ihm schon ein Zug von Greisenhaftigkeit und Gebrochenheit eigen. Aus seinem Gesicht schauten die Augen wie ruhig und unverlöschlich brennende Feuer, Augen die nur lächeln konnten in Verzückungen und stärker erstrahlen in einer tiefen Weisheit oder einer jähen Erkenntnis. Diesen Augen hielt niemand stand und er vermochte in die geheimnisvollsten und verborgensten Tiefen der menschlichen Seele zu blicken. Der ganze Ruhm seiner Ahnen war um ihn. In der alten grossen Synagoge, die erfüllt war mit alten Kostbarkeiten und die überragend wie das mäc nige Haupt eines greisen sageumwobenen Helden sich über die sie umgebenden Häuser mit ihrem Kupferdache, das einem Riesenhelm gleich, erhob und weithin leuchtete, sass der Gaon umgeben von einer Schar von Jüngern, die ihm glich und die eine stumme

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