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Neue Nationalzeitung · 1909-01-29 · Heft 3 (29.1.1909) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 3 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „Neue National-Zeitung" Nr. 3 ehrfurchtsvolle Anbetung für ihn hatte. Das war ein Kreis, an dem die Mitglieder der Gemeinde geneigten Hauptes vorbeigingen, wie an einem Vorhof des göttlichen Gerichts. Da verbargen und verschlossen sich die Wünsche, die Sünde verhüllte sich. An der linken Ecke des Gotteshauses, durch die Bundeslade vom Gaon getrennt, sass Josua Heiman und es war Glanz, strahlendes Leben und Stolz um ihn. Es waren so an beiden vordem Ecken des Gotteshauses zwei Welten, die voneinander geschieden waren und zwischen denen es einen fortwährenden stillen Kampf und Gegnerschaft gab. Dort die stolze Armut und Entsagung, hier Genussfreude, prachtvolle Gewänder, Lebenszuversicht und Machtgier. Josua Heiman hasste den stolzen und abweisenden Gelehrten, der über ihn hinwegsah und neigte sich innerlich doch vor ihm mit der altererbten Ehrfurcht des Juden vor geistiger Macht und Grösse. Der Gaon bedeutete für ihn, den Emporkömmling, eine stete Demütigung und er hatte in ihm den Kummer geweckt über die eigene Unwissenheit und über die Niedrigkeit der Herkunft. Das verwundete ihn tief und beugte ihn jäh inmitten seiner stolzesten Stunden. Der Gaon hatte zwei Kinder, als ältestes ein Mädchen, das Krankheit an ihre Stube fesselte, wo sie tagsüber, mit einer Seele voll verklärter Frömmigkeit, Ergebenheit und Sehnsucht vor dem Fenster sass, den Blick über ein armseliges Stückchen Landschaft, das hier zu sehen war, schweifen lassend; als zweites einen Sohn, den schon in seinen Jünglingsjahren, wie seinen Vater der Ruhm grosser geistiger Gaben umstrahlte. Obgleich schmächtig und blassen Gesichtes, war Jona, so hiess der Jüngling, voll einer traurigen Schönheit. In seinen Augen war etwas kindlich Gütiges, seine schneevveisse Stirne, an deren Seiten tiefschwarzes Haar in reicher Fülle herunterfiel, hatte bereits die herbe Prägung eines Phantasten und Denkers. Die ganze Gestalt hatte etwas ungemein Biegsames, und man konnte glauben, dass ein Sturmwind sie leicht beugen würde. Er war zumeist schweigsam, sprach er aber, dann klang seine Stimme wie mit dem Wohllaut eines Mädchens. Mit geheimen und stolzen Hoffnungen hatte Josua Heiman einst auf den Knaben geblickt, von ihm hatte er geglaubt, dass er mit seinen geistigen Schätzen, dem Adel seines Blutes sein Haus krönen werde. Ihn mit seiner einzigen Tochter zu vermählen war seine glühendste Sehnsucht, und durch lange Jahre hatte er sich diesen Wünschen hingegeben. Wurde der junge Gelehrte, der sich in den Schachten heiligen Wissens wie in vertrauten Gemächern bewegte, vor ihm gerühmt, dann lächelte er Stolz wie über eigenen Ruhm. Er wollte ihn mit Reichtum und weltlicher Macht umgeben und er sah seine Tochter an der Seite dieses jungen Mannes, sah sie gekrönt und ,u einem unsagbaren Adel erhoben. Aber es war ein Traum, der jäh verging. Als Josua seine Boten werbend sandte, wurden diese schroff zurückgewiesen. Der stolze Gaon verlangte nicht nach irdischen Schätzen und verschloss sich abweisend dem Mann i iederer Herkunft und Unwissenheit. Als Josua den Bescheid vernahm, fühlte er. wie ein tiefer Hass in ihm emporstieg, und Schmähungen unterdrückend, lächelte er bitter und stolz. Seit damals trat ein vollständiger Bruch zwischen ihm und dem Gaon ein. Josua entzog allen Gelehrtens hulen seine reichen Unterstützungen und wandte sich vom Gaon und dessen Sohne ab, so oft er sie erblickte. Sprach er von ihnen, so nannte er sie die „armen Leute" und es lag eine tiefe Herabsetzung in den Worten. Aber es wagte niemand einen Widerspruch, weil Josua die meisten unter Abhängigkeit gebracht und auf seine Macht versessen war. Die Abweisung seines Angebotes war nicht die einzige Demütigung, die Heiman vom Gaon erfuhr. Josua lebte in einem alten Erbschaftsstreit mit seinen Brüdern, und es kam dann dazu, dass dieser Streit vor dem Gaon ausgetragen werden musste. Ein erbitterter Zwist um Besitztümer sollte seinen Abschluss finden. Und Josua kam hochmütig und gab wortkargen Bescheid. Die beiden Männer, der grosse Gelehrte und der mächtige Handelsmann, hatten sich nicht einen Moment angeblickt. Als das kurze Verhör beendet war, versank der Gaon in Nachsinnen, dann sagte er kurz: „Du wirst deine Behauptungen beeiden müssen, Josua Heiman." Es herrschte eine tiefe Trauer in der Gemeinde ob dieses herben Urteilspruches. Einer der Grossen aus ihrer Mitte sollte vor Gott und der heiligen Ihora schwören. Und Josua kam, um den Eid zu leisten. Er zauderte nicht, aber sein Gesicht war verfinstert und es lag ein Widerstrahl einsamer Kämpfe mit sich und Gott darauf. Er erinnerte sich sein gaszes Leben hindurch an die düster feierliche Szene wie an eine Vision. Der Almemer der Synagoge war mit schwarzem Flor beschlagen und schwelende Kerzen brannten am hellichten Tage. Josua hatte den Totenkittel und den Gebetmantel angelegt, und er strecke seine Hand über die aufgerollte Thora. Die gebrochenen und langgezogenen Tön'e des Horns 'erkbrrgenr Nun War es jemand in Josua, der hart und heiser die furchtbare Eidesformel hersagte, und in seiner Nähe stand der Gaon unerbittlich und düster wie einer von den strafenden himmlischen Richtern, an die die Juden in ihrer Todesangst denken. Josua Heiman hatte einen traurigen Sieg errungen, der ihn für eine Zeit innerlich brach und seinem Gesichte Spuren einprägte. Doch er erhob sich. Er hatte sich das gelobt und er rang sich mit all seinen starken Seelenkräften wieder empor. Als seine Tochter ihn nach der Leistung des Schwures schluchzend empfing, glättete er still ihr goldiges Haar und küsste ihre Stirn. Er wurde dann noch trotziger, breitete seine Unternehrr ungen aus und häufte noch mehr Pracht und Schönheit in seinem Hause. Ganz besonders umgab er mit all diesen Kostbarkeiten seine einzige Tochter. Josua war Witwer, i nd er hatte lange daran gedacht, wieder eine Frau heimzuführen, um dass ihm vielleicht der ersehnte Erbe zuteil wird. Aber er wusste, dass Eva, der er die ganze karge Zärtlichkeit, deren er noch fähig war, widmete, kein zweites weibliches Wesen und keine Herrin neben sich im Hause dulden würde, und eitel auf die Schönheit seines Kindes, verzichtete er auf seinen geheimen Wunsch. Eva Heiman glich so ganz nicht den Mädchen und Frauen der Judengemeinde. Es war Ungebrochenheit in ihrer Schönheit und ihrer Armut, und sie kannte die trostlose Traurigkeit nicht, die in den Augen jüdischer Mädchen nistet. Sie war erfüllt von Stolz, Lebenslust und einer beherrschenden Sinnlichkeit. Ihre eigene Sehnsucht war lange ziellos geblieben, und kühl nahm sie die Huldigungen der Herren hin, die in das Haus ihres Vaters kamen. (Fortsetzung folgt.)

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