Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 3 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 „Neue National-Zeitung" Seite 9 Die erste hebräische Druckerei In der jetzt so viel genannten unglücklichen Stadt Umeritaliens, Reggio, ist die Wiege der hebräischen Typographie gestanden. Im Jahre 1475 wurde dort die erste hebräische Buchdruckerei errichtet und das eiste Buch in hebräischer Sprache gedruckt. Es war dies der Kommentar Raschis zum Pentateuch ohne Text. Der Pentateuch selbst wurde erst später gedruckt. Von Reggio verbreitete sich der hebräische Buchdruck noch vor Schluss des 15. Jahrhunderts nach vielen Städten Italiens, so nach Pinna di Sacco, Bologna, Neapel, Mantua, Sancino, von welch letzterem Orte die berühmte Druckerfamilie: die Sonciaten, die auch in Konstatinopel die hebräische Typographie begründete, ihren Namen hatte. In Mitteleuropa wurde zuerst in Prag (1513) hebräisch gedruckt, von wo aus der hebräische Buchdruck nach Polen und Deutschland durch die „Gersonden" sich verbreitete. Ignaz Bernstein ist, wie aus Brüssel telegrafiert wird, dort gestorben. Bernstein war ehemals ein reicher Kaufmann in Warschau, doch hat er sich ins Privatleben zurückgezogen und betrieb folkloristische Studien. Von seinen Sammelarbeiten ist besonders die Sammlung jüdischer Sprichwörter bekannt. Der Verstorbene war der Begründer der jüdischen Gemeindebibliothek in Warschau. Der Uebertritt zum Christentum wird in Galizien, dank dem Schutze hoher Personen und Behörden, sehr leicht gemacht, insbesondere wenn es sich um die Uebertritte jugendlicher Personen handelt. Ereignet sich aber ein Fall, dass eine über 14 Jahre alte christliche Person zum Judentum übertreten will, dann wird alles allarmiert. Auch mit Erfolg. Denn Oestetreich M ja ein christlicher Staat ... So ist jungst in Lemberg geschehen, dass eine Convertitin, die nach der Scheidung von ihrem christlichen Manne zum Judentum zurückgekehrt ist, ihren 14jährigen Bubetr im jüdischen Glauben erzogen hat, so dass derselbe nach erreichtem 14. Lebensjahre Jude werden wollte. Zu diesem Zwecke machte er bei der politischen Behörde d. h. beim Lemberger Magistrate die Anzeige vom Austritte. Damit wäre die Sache erledigt — wenn es sich um einen luden handeln würde. Da der Knabe ein Christ war und zum Judentum übertreten wollte, so beschloss der Magistrat von Lemberg, den Knaben in Bezug auf den Geisteszustand untersuchen zu lassen. Der Stadtphysikus war auch der Ansicht, dass der Knabe geistesgestört sei. Sonst würde er doch nicht Jude werden wollen . . . Di« jüdische Auswanderung nach Amerika 1908. Während des Jahres 1908 sind den Hafen von New- Vork 17.383 jüdische Männer, 16,046 Frauen, 11.743 Kinder, zusammen 45.172 Personen eingewandert. Von diesen wollten 32 991 in New-York bleiben, 12,181 emeri anderen Platz aufsuchen. Aus Russland stammen von den Einwanderern 33.376, aus Oe9terieich«Ungarn 8892, aus Rumänien 2021, aus England 453, aus der Türkei 261, aus Deutschland 130, aus Holland 12, aus Frankreich 9, aus Spanien 6, aus Schweden 4, am Belgien 3, aus Bulgarien 2, aus Finnland, Griechenland, Italien je 1. Die Gesamtzahl der jüdischen Einwanderer während des Jahres 1907 betrug 106:968. Die Einwanderung is somit um 57-8 Prozent zurückgegangen. Eine schöne Geschichte von einem getauften Juden. In einer durch eine besonders starke jüdische Einwohnerzahl ausgezeichneten, grossen süddeutschen Stadt war die sehr begehrte, gutdotierte Stelle des Oberarztes am städtischen Krankenhause zu besetzen. Aus der grossen Zahl von Bewerbern wurden drei zur engeren Wahl gestellt: die Professoren B., H. und J. Der Prof. B. hatte die stärksten Chancen, denn er ist, abgesehen von seiner fachlichen Befähigung, der einzige Minheimische. Unmittelbar vor der entscheidenden Abstimmung erhob sich ein Mitglied der Anstalts-Deputation, selbst Arzt und Sprössling einer altangesehenen Patrizierfamilie, um Folgendes auszuführen : „Käme es nur auf die ärztliche Befähigungan, so würde ich Herrn Prof. E. unbedingt meine Stimme geben. Aber der Leiter eines solchen Instituts muss nicht nur ein hervorragender Arzt, er muss auch ein Charakter sein, zu dem die Schar der Assistenten, wie die Hunderte von Patienten mit Vertrauen emporblicken können. Nun hat sich Herr Prof. B. vor wenigen Jahren, also in bereits vergerücktem Alter, taufen lassen. Dass in solchen Fällen die Motive nicht gerade auf idealem Gebiete liegen, wissen wir Alle, und ich muss für meine Person daraus die Konsequenzen ziehen. Wäre Herr Prof. B. Jude, so würde ich für ihn stimmen; wäre er Christ, so würde ich natürlich ebenfalls für ihn stimmen, aber für einen getauften Juden kann ich, als Christ, nicht eintreten!" D>e Wirkung dieser Worte war, dass für Prof. B. keine einzige Stimme abgegeben und einer der Auswärtigen gewählt wurde! Zeitschriften-Rundschau. Die polnische Presse über Assimilation und Nationalismus. Das Eingehen des altersschwachen „Izraelila" lässt die polnische Presse nicht zur Ruhe kommen. Die Polen können sich damit noch immer nicht befreunden, dass sich ihre Juden nicht mehr als Polen fühlen, dass das jüdische Volk bei aller Anhänglichkeit an das Land und bei aller Verehrung für dessen Geschichte mit den nationalen Fregolis, die die nationale Maske ade a^s Geschäft betreiben, nichts gemein haben will. Die Assimilation lag in den letzten Zügen, aber es gelang einigen mosaischen Komödianten noch immer, die öffentliche polnische Meinung über die Wirklichkeit hinwegzutäuschen. Nun ist der letzte Pfeiler der Assimilation, der „Izradita", zusammengebrochen; die Assimilation hat ausgerungen. Las grosse Schweigen hat die PoJen erschreckt; sie fragen besorgt, was da kommen wird. Un.d nun gehen ihnen die Augen auf; sie sehen, dass die Nussbaums, Cylkows, Bersohns, Natansons nichts als ein Schleier waren, den endlich das jüdische Volk von sich gerissen hat. um frei zu sehen und sich f ei zu bewogen. Jetzt beginnen sich die Po:en mit dem jüdischen Nationalismus auseinander zu setzen. Der Warschauer „Swiat", eine vornehm gehaltene literarische Wochenschrift,widmet der „Judenfrage in ihrem neuen Stadium" eine besondere Enquete. Universitäts-Professoren und Journalisten verschiedener Richtungen kommen hier zum Wort, um ihre Ansichten über das Misslingen der Assimilation und das Emporblühen der nationalen Idee auszusprechen. Wir hören verschiedene Ansichten: der Freunde und Feinde. Die Ansicht des Krakauer Universitäts-Professors Czerkawski wird auf Grund seines im „Przeglad pows z e c h n y" jüngst erschienenen Artikels wiedergegeben. Diese Monatsschrift ist das Organ der Jesuiten. Prof. Czerkawski ist ein Freund Pater Stojalowski's; die Tendenz des Artikels ist trotzdem nicht vulgär judenfeindlich. Im Gegenteil Prof. Cz. meint, dass die Assimilation, seitdem s:ch die Juden als Nationalität bekennen, nur auf einzelne Individuen beschränkt bleiben müsse. Er entwickelt dann die Theorie des „Asemitismus", oder wie er ihn nennt des „realen Antisemitismus", der die Juden nicht bekämpft, sondern ignorirt. „Die jüdische Nation" — lesen wir — „ist als Gegnerin keineswegs gefährlich. Es fehlen ihr die kardinalsten Voraussetzungen der nationalen Kraft: d e Sprache und das Territorium. Die Juden unterscheiden sich aiKh son^t von unseren Feinden, sie treiben keine Proselytenmacherei. Es fällt ihnen nicht ein, auf unsere Kosten ihr Territorium oder ihre Bevölkerungszahl zu vermehren. Prof. Cz. sieht also ruhig der Entwickelung der jüdisch-nationalen Bewegung entgegen. Anders der greise Professor Baranowski von der Warschauer Universität. Dieser echt liberale Gelehrte stammt noch aus der alten Schule, die von der Verbrüderung der Polen und Juden geschwärmt hat. Seine Assimilation ist auf der Nächstenliebe begründet. „Haben wir doch Mitleid mit jenen, die tausendfach unglücklicher sind, als wir. Denken wir an ihr entsetzliches Wanderleben; blicke» w* in die Judenghettis mit