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Neue Nationalzeitung · 1909-01-29 · Heft 3 (29.1.1909) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 3 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 3 sehen Schiffsgesellschaften einen solchen Arzt anstellen. Ein solcher Arzt sollte überhaupt keinen Emigranten untersuchen. Man erzählte mir, dass es hier Tag für Tag zu Auftritten zwischen dem Doktor und den Emigranten kommt. Und da scheut der stramme preussische Regimentsarzt auch vor Handgreiflichkeiten nicht zurück. Otloschin. Abgesehen von diesen 2 Kontroll-Stationen — Myslowitz und Ostrowo — habe ich noch Otloschin besucht, das bei der preussischen Stadt Thorn gegenüber Alexandrowo liegt. Diese Kontroll-Station hat einen ganz anderen Charakter als die beiden vorerwähnten — es ist einfach ein schmutziges, hölzernes, kleines Haus, das von aussen beinahe w i e ein Stall ausschaut, gebaut für Pferde, Ochsen, Kühe u. s. w. Innen bietet es einen gefängnisähnlichen Anblick: Einige kleine Zimmer, aus Brettern hergegestellt, klein* dunkel, schmutzig. Dabei befindet sich die Kontroll-Station ganz ausserhalb der Stadt, in ihrem Umkreis ist weit und breit kein Haus zu sehen. Wenn der Abend hereinbricht, ist es hier draussen ganz finster und still, nur einige Lampen werden angezündet. Es ist aber nicht mitanzusehen, wie die Emigranten sich auf ihrem harten Lager herumwälzen. Man glaubt im Gefängnisse einer Kleinstadt zu sein, wo sich keiner um die Gefangenen interessiert, . . . Die Gesichter der Emigranten sind schmutzig und ausgehungert. Die Kinder und Frauen sehen aus wie Schatten . . . Ja, diese Kontroll-Station lässt wirklich viel zu wünschen übrig. Doch auch sie hat etwas Gutes: ihren Verwalter. Er ist ein gutmütiger Mensch, der den Emigranten ihr Los, soweit es in seinen Kräften steht, zu erleichtern sucht. Er kann ihnen aber auch nicht viel helfen, da die Kontrollstation selbst, wie ja schon gesagt, so primitiv wie nur eben möglich gebaut ist. Und so macht sie auf uns einen ganz wehmütigen Eindruck, und ein tiefes Mitleid für die Emigranten steigt in uns auf, wenn wir an alle die Strapazen, alle die Leiden denken, die sie mitzumachen haben. Der neue Zhacham Baschi der Türkei. Die Wahl des definitiven Chacham Baschi der Türkei ist Sonntag, den 24. d. M., mit 72 gegen 12 Stimmen auf den bisherigen Verweser dieses Amtes, H a Y m Nah um, gefallen. Die heftige Agitation, die seitens der Ortodoxen West- und Osteuropas, seitens der Gegner der Alliance Isr. Universelle aufgewendet wurde, war also vergeblich. Die Schlagworte, dass Nahum in Bezug auf Frömmigkeit und religiöse Bildung diesem hohen Amte nicht gewachsen sei, haben nicht genützt. Die ortodoxen Oberrabbiner von England und Holland haben sich mit ihren offenen Brief ebenso blamiert, wie das Kölner offizielle Zionisten- Organ mit seinen gefärbten Berichten. Es hat sich auch diesmal gezeigt, dass die Alliance im Oriente ein einflussreicher Machtfaktor innerhalb des Judentums ist. Ha im Nah um, der neue Chacham Baschi der Türkei, ist in Magnesia in der asiatischen Türkei nahe bei Smyrna am 5. April 1871 geboren. Den ersten Unterricht genoss er in seiner Vaterstadt. Danach besuchte er die J e s c h i b a h in Tiberias (Palästina), wo er unter dem Grossrabbiner David Abbo 4 Jahre lang talmudischen Studien oblag. Später ging er zur arabischen Schule in Beyrouth. Sodann absolvierte er das Kaiserliche ottomanische Lyceum in Smyrna bis zur Erlangung des Gymnasialabschlusszeugnisses. Jetzt folgte ein einjähriges Studium auf der Hochschule für muselmanisches Recht in Konstantinopel. Haim Nahum begab sich sodann nach Paris, wo er fast 6 Jahre im Seminaire rabb/nique de Haim Nahum Chacham Baschi der Türkei France studierte und auch das Diplom als Grossrabbiner erlangte. Während seines Aufenthaltes in Paris hörte er an der Ecole des hautes etudes bei Professor Derenbourg Vorlesungen über Philologie und semitische Wissenschaften. Gleichzeitig betrieb er unter Professor Scheffer Studien in den orientalischen Sprachen. Im Jahre 1898 wurde er von der Alliance Israelite Universelle als Professor an das Rabbinerseminarin Konstantinopel berufen, wo er Vorlesungen über den jerusalemitischen Talmud, über Haggadah und Homiletik hielt. Ausserdem war er Professor der französischen Literatur an der höheren Kriegsschule für die Genieoffiziere des türkischen Heeres. Die Installierung des Chacham Baschi erfolgt unter ganz besonderen Ehrungen. Er wird vom Ceremonien-Minister in der Galakarosse abgeholt und zum lldiz-Kiosk geführt, wo ihn der Sultan in feierlicher Audienz empfängt. Dann begibt er sich gleichfalls in Begleitung des Ministers zur Hohen Pforte, um sich dem Grossvezier und den Ministern, gegenwärtig auch den Präsidenten des Parlamentes und des Senates vorzustellen. Wir begrüssen die Wahl Haim Nahums freudig. Mit ihm gelangt auf den Sitz des Grossrabbiners der Türkei zum ersten Mal ein Mann von europäischer Bildung, allgemeinem Wissen und gereiftem, selbständigem Urteil, wie er gerade unter den jetzigen Verhältnissen den ottomanischen Juden nottut.

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