Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 3 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 „Neue National-Zeitung" Seite 5 witzer, sondern aller d eutsch en (preu ssischen) Kontroll-Stationen. Ein Emigrant, der nach Deutschland fährt, um nach Amerika (oder Kanada, Argentinien u. a m.) weiterzureisen, muss ■jene Kontroll-Station passieren, aie an der Grenze liegt. Doch das allein wäre kein grosses Unglück. Das Hauptübel besteht vielmehr darin, dass der Emigrant, der doch gerade so ein Passagier ist, wie jeder andere, in Deutschland (Preussen) genötigt wird, unter Gendarmerie-Aufsicht zu reisen; er ist ärger daran, als ein Kranker im Spital oder ein Airestant im Gefängnis. Denn jede Kontroll-Station ist von einem hölzernen Zaun umgeben. Die Emigranten sind eingesperrt und haben nicht das Recht, die Kontroll-Station zu verlassen. Dieser hölzerne Zaun muss auf jeden Menschen einen sehr traurigen Eindruck machen. Ich war in einigen Kontroll-Stationen, wenn auch nicht als Emigrant, und trotzdem erweckte es in mir keine besonders angenehmen Gefühle, als man mich in die KontroII-Station eintreten Hess und bald darauf die Tür mit einem grossen Schloss hinter mir abgesperrt wurde. Erst da kann man sich davon eine Vorstellung machen, wie dem geplagten und gehetzten jüdischen Emigranten zu Mute ist, wenn man ihn einsperrt wie einen Verbrecher..... Die Kontroll-Station Myslowitz ist ein grosses Mauerwerk, das aus mehreren Jcleineren Zimmern und einem grossen Saal besteht. Man gelangt zuerst in ein grosses Zimmer, in dem sich abseits einige Tische vor dem Schalter befinden. Dort müssen die Emigranten bei ihrer Ankunft in der Kontroll-Station ihre Papiere abgeben. Von hier gelangt man in ein zweites und drittes Zi nmer, in denen die Emigranten den ganzen Tag zubringen. Die Räume sind zwar weit, sie stehen aber in gar keinem Verhältnis zu der grossen Zahl der Emigranten. Als ich die Kontroll- Station besuchte, befanden sich ungefähr 150—180 Em-granten darin. Die Räume erwiesen sich als viel zu eng. Dabei kommt es auch an manchen Tagen vor, das 2—3 mal so viel Emigranten in der Myslowitzer Kontroll-Station eintreffen. Ausser den 2 Räumen ist noch ein grosser Saal vorhanden, in dem 4 500 Menschen Platz haben. Der Fussboden ist mit Decken belegt, die Fenster sind hoch. Bevor die Emigranten Weiterreisen dürfen, werden ihre Dokumente gepiüft und sie selbst im Saale von den Aerzten genau untersucht..... In einer abgeteilten Ecke des Saales befindet sich so etwas wie ein „Bad". Bevor man hierher gekommen ist, hat man sich allerdings ein Bad anders vorgestellt, denn es sind nur einige passable Douchen vorhanden, die sauber gehalten sind. Da stellt sich nun der Emigrant auf 1—2 Minuten unter die Douche, um sich, so gut oder schlecht es geht, zu säubern. Ausser diesen Räumen gibt es noch ein kleines Zimmer, in dem zu wohlfeilem Preis Esswaren für die Emigranten verkauft werden. Die Myslowitzer Kontroll-Station hat einen grossen Fehler — sie hat keinen Schlafsaal. Es finden sich doch in jeder anderen Kontroll-Station etliche, manchmal auch ziemlich viele Emigranten, die aus verschiedenen Gründen nicht gleich weiter zu ihrem Hafen fahren können. Den einen hat sein Agent betrogen und er sieht sich gezwungen, seine Verwandten, die nicht selten schon in Amerika wohnen, um dringendste Hilfe zu bitten. Bis die Antwort eingelangt ist, vergehen wieder einige Wochen. Ein anderer ist wieder zu früh von zu Hause weggefahren und muss nun auf den überseeischen Anschluss warten. Ein Emigrant wiederum hat seinem Agenten das Geld für die Schiffskarte bezahlt. Der Agent schickt aber nicht das Geld zur Kontroll-Station und so muss er warten. Solche Wartende gibt es immer. Und da kein Schlafsaal vorhanden ist, müssen sie sich auf dem Boden herumwälzen und sind müde und matt, bevor sie noch die Seereise angetreten habf n. Ostrowo. Ungleich besser ausgestattet ist die Kontrollstation Ostrowo, die der russischen Grenzstadt Kalibch gegenüberliegt Nat rlich ist auch diese Kontroll-Station mit einem Bretterzaun umgeben und die Emigranten auf diese Weise von aller Welt abgesperrt. So ist weist aber diese Kontroll-Station alle Vorzüge auf, so z. B. die Schlafsäie, die sich durch ihre Fülle an Luft und Licht, durch grosse Betten mit leidlic len Matratzen auszeichnen. Alles ist sehr sauber. Die Schlafsäle sind für Männer und Frauen getrennt. Im Ganzen befinden sich hier 400 Betten für die Emigranten. Und das Bett ist ja für den Auswanderer eine äusserst wichtige Sache Den ganzen Tag gehen ihm die schweren Sorten durch den ermüdeten .<opf, die Aufregungen auf der Fahit, die Gedanken an die Weiterreise mit dem Schiff, die körperliche Anstrengung während der Fahrt — all' das nimmt ihn so! er, dass er sich auf die Ruhe freut, auf jene wenigen Stunden, die er verbringen kann wie alle andern Sterblichen, die es nicht nötig haben, tagelang auf schmutzigen, harten Brettern irren müden Leib herumzuwälzen. So erscheint die Ostrower Kontrol -Station als eine der besten. Doch . . . sie hat auch ihr „aber". Und das ist ihr Doktor. Sie wundern sich darüber? Sie meinen, ein Arzt hat seine Arbeit, seine Pflicht zu tun, und damit fertig? ... Ich habe mich au Ii zuerst gewundert Dann habe ich aber das gar.ze Treiben mit angeschaut und bemerkensweite Charakterstudien eines „Arztes" gemacht. Der jetzige Arzt der Ostrower Kontroll-Staüon ist 30Jahre preussischer Regimentsarzt gewesen. Stellen Sie sich einen grossen, äusserst « roben Menschen mit einem wenig intelligenten Gesicht v. r, dann haben Sie das äussere Bild dieses Herrn Doktors. Vielleicht hat er das Zeug dazu, preussische Rekruten zu behandeln. Reden kann er nicht — nur schreien. Jetzt können Sie sich leicht vorstellen, wie eine solche Behandlung auf den so schon genug geplagten Emigranten wirkt, dem es eben erst mit grosser Mühe gelungen ist, sich aus den Händen von Schwindlern und betrügerischen Agenten schlimmster Sorte zu befreien ... Ich war, wie schon eben gesagt, nicht als Emigrant in der Kontrollstation. Gleichwohl hat der Herr Doktor in seinem ganzen Gehaben und Reden ganz offen seine „Antipathie" gegen die jüdischen Emigranten gezeigt. Da ich diesen Grobian und Schreihals beobachtete, konnte ich mir wohl vorstellen, wie er in ganz unquaüfizierbarer Art die jüdischen Emigranten behandelt. Eigentlich steht es ihm garnicht zu, sich in das Innenleben der Kontrollstation einzumischen; doch tut er es kraft seiner groben und zudringlich, n . rt. Es ist nicht genug zu bedauern, d-ss die dcut«