Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 3 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „Neue Natfonal-Zeitung" Nr. 3 für Wort plagiirte, ohne die Quelle anzugeben, aus der er geschöpft, Hess ich die Zuchtrute meiner Kritik auf das Haupt des Plagiators schonungs- und erbarmungslos niedersausen."*) In dieser Hinsicht war Lector Friedmann der leibliche Oeistesbruder seines älteren Freundes und Collegen J. H, Weiss. Denn wo es galt, der Wahrheit zu dienen, kannte auch er ganz und gar keine Rü -ksichten. Noch selten standen an der Spitze eines modernen Beth-hamidr^sch solche zwei ausgeprägte Charaktere, die der Anstalt, an der sie lehrten, den Stempel ihrer Individualität aufdrückten, wie dies beim Wiener Beth-hamidrasch, der Schöpfung des grossen Jellmek, der Fall war. In Wien gab es anno dazumal kei;1. Rabbinerseminar, keine sogenannte „Israel, theologische Lehranstalt", sondern blos ein Beth-hamidrasch, eine Lehrstätte für jüdische Wissenschaft, zu der jeder Zutritt hatte, ob er Gymnasialbildung besass oder nicht. Dieses Wiener Beth-hamidrasch war ohne die Lectoren. die Lectoren ohne das Be h hamidrasch undenkbar. Lector Weiss trug fast täglich 2 Stunden vormittag Talmud und Dezisoren vor, Lector Friedmann nachmittag Bibel und Talmud. Der Hörerkreis re rutirte sich aus Mittelschülern und Universitätshöre n. Da aner Lector Weiss um etwa 23 Jahre älter war als Frie mann, fiel das Los jenem zu, Lehrer der Univesitätshörer zu sein, üb nun Weiss ob dieses Vorzuges zu beneiden war, ist sehr fraglich. Denn diese Universitätshörer waren in der Mehrzahl aussero! d e n 11 i c h e Hörer der Philosophie, manche unter ih en ganz ungebildet, ausserdem bar jedes ernsten STibens. Dagegen gab es auch unter den ausserordentl'chen Hörern solche, die durch immensen rieiss und grosse Begabung sich einen hohen Bildungsg:ad aneigneten. Diese strebsamen jungen Leiit^ standen, wiewol sie Schüler des Lector Weiss waren, auch dem ungemein beliebten Lector Friedmann nahe. Es ist noch den Wienern gewiss im Gedächtnis, welche Gottesgabe Lector Friedmann besass, <janz trockenen Lehrstoff, sei nun die Materie b os der Bibel entnom uen, sei sie ein schwer zu lösendes Prob em midraschisch-agadischer Natur, so ini^resaant zu gestaltn, dass jeder jüdische Mann au s dem Volke ganz entzückt sein musste. Lector Fi ied nann besass die Kunst, den einfachsten jüdischen Mann aus dem Volke in eine derartige begeisterte S immving für höhere Dinge zu versetzen, dass er der jüdischen Literatur Interesse abgewann und statt in den geschäftsfreien Stunden Karten zu spielen, zo£ es nun der zum begeisterten Verehrer Friedmann"s gewordene Geschäftsmann vor, sich mit dem Studium der Bibel und der rabbinischen Literatur zu befassen. Es sei mir gestattet, zur Illustration hier nur ein Beispiel anzuführen. Es war an einem Sabbat. Etwa gegen 'All U!ir vormittag begegnete ich am Franz Josefsquai einem jüdischen Restaurateur, bei dem ich an Sabbaten „polnische Fische" zu essen pflegte. Eilenden *) J. H. Weiss, Sichronothai, Warschau 1895, Seite 111—112 a. Anni 46. Es sii mir bei dieser Gelegenheit gestattet, daran zu erinnern, dass anlässlich des Todes des Lector Weiss mft grossem Pomp angekündigt wurde, dass Dr. Armand Kami n k a damit betraut sei, den II. Teil der Memoiren aus dem Nachlasse des verstorbenen Gelehrten herauszugeben und deren Ersclici: en in Balde in Aussicht gestellt ward. Jahre sind seit jenem Tage mit dem Strome der Zeit in die endlose Tiefe der nimmer nehr wiederkehrenden Vergangenheit hinabgeröllt, aber von dem Erscheinen der Memoiren keine Spur. Schrittes raste er der Ferdinandsbfüeke zu. »Gut Schabes, Herr Lippmann!" rief ich ihm zu, „wohin so eilig f Ei Doctorleben", erwiderte mir hastig herr Lippmann, „kimmt mit, es ist spät, ich muss eilen, sonst verspäte ich Lector Friedmann's Vortrag". Ich schloss mich meinem mir bekannten Gastwirte an, der mir mit einen wahren Enthusiasmus und mit glühendem Feuereifer in hastiger Eile einige Toros (Bibelinterpretationen) vom Lector Friedmann nachsagte, dabei mir immer in die Augen schauend, ob sie nicht vor Freude und Begeisterung glänzen. Endlich sagte er mir: „Wissen Sie, Herr Doctorleben, wenn der Lector Friedmann so seine Schnäberlech zieht, und sein schönes goldenes, süsses PscheUF im Posuk sagt, oi, da mein' ich, ich bin im Ganeden!" (Schluss folgt.) Die beiden judischer £miqranten.*> Nichts kann dem jüdischen Emigranten einen grösseren Schrecken einjagen, als die deutschen (preussischen) Kontrollstationen. Von jenen Bekannten und Freunden, die schon einmal durch Deutschland zu reisen das „Glück" gehabt haben, weiss ein jeder, was seiner dort harrt, welche Aufregungen, Sorten. . . Man darf aber nicht vergessen, dass ja der Emigrant auf seiner beschwerlichen Reise sehr aufgeregt ist, bevor er noch die Grenze passiert. Diebe und Schwindler treiben schon während dieser Zeit mit ihm ihripiel. So ein Emigrant kommt nach Deutschland, wo er sich mit den Beamten gar nicht verständigen kann — und da ist er schon verraten und verkauft. Dann dünkt ihm natürlich alles schrecklicher, als es in Wirklichkeit ist. Die Briefe, die der Emigrant später an seine Freunde und Verwandten schreibt, bringen daher über die Kontroll Stationen nicht immer die richtigsten Angaben. Ich habe vor einiger Zeit Gelegenheit gehabt, einige deutsche Kontroll-Stationen zu besuchen. Ich will mich bemühen, unseren i esern durch meine Schilderung einen klaren Einblick in das Wesen der Kontrollstationen zu verschaffen. Myslowitz. Mein erster Besuch galt der Kontroll-Station Myslowitz, die gegenüber der russischen Grenzstadt Sosnowice liegt. Durch diese Grenzstation (Sosnowice—Myslowitz) fahren jetzt die Emigranten; sie werden schon von den gefährlichsten Schwindelagenten erwartet, vor denen sie sich nicht genug hüten können. Nach Myslowitz kommen nicht nur die Emigranten, die nach Sosnowice wollen, sondern auch jene, welche Sosnowice als Grenzstation passieren. Nun muss ein jeder Emigrant, der über Myslowitz fährt, nach dem deutschen Gesetz in die dortige KontroII-Station kommen. Will er sich aber nicht gutwillig in die Kontroll-Station begeben, dann sucht ihn der preussische Gendarm (er findet ihn auch sicher) und bringt ihn dann mit Gewalt. Und das ist nicht nur ein Misstand der Myslo- *) Diese detaillierte Schilderung der Qualen, die der Jüdische Emigrant aus Russland at f seiner Reise Zur deutschen Hafenstadt durchzumachen hat, entnehmen wir der in Petersburg erscheinenden jüdischen Halbmonatsschrift „Der jüdische Emigrant". Es ist unglaublich, dass die jüdische Presse in Deutschland diese Zustände ganz ignoriert. Die Red.