Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 3 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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„Neue National-Zeitung" Seite 3 Was soll nun geschehen? Die Leitung des Gemeindebundes hat für den 24. Februar eine neue Sitzung des Organisationskomitees einberufen, zu der alle Mitglieder eingeladen wurden. Vielleicht besinnen sich manche noch bis dahin. Für jeden Fall soll die Organisation des Gemeinde-Verbandes beschlossen werden; es handelt sich nur darum, ob mit oder ohne die galizischen Juden. Im Komitee wurde diese letzte Eventualität bereits seinerzeit ins Auge gefasst, wobei sich der Gedanke nicht abweisen Jiess, dass eine solche Organisation, die von zwei Dritteln der österreichischen judenschaft boykottiert wird, keine positiven Vorteile bietet. Aus diesem Grunde darf daher eine Organisation ohne die galizischen Juden gar nicht zu Stande kommen. Denn Niemand braucht die Gesamtorganisation, die Kraft der Massenkonzentration so dringend, aus moralischen, politischen und wirtschaftlichen Gründen, wie die galizischen Juden. Was einige Geschäftspolitiker aus rein persönlichen Gründen tun oder unterlassen wollen, ist gegenüber dem Willen der überwiegenden Majorität gleichgiltig. Und wenn die neue Organisation nichts anderes bewirkt, als dass bei hellichtem Tage diese Schädlinge aus den Hallen der geeinigten Judenschaft hinausgejagt werden, dann hat sie auch ihren Zweck erreicht. Die österreichische Judenschaft kann sich nicht länger den Luxus erlauben, getrennt zu marschieren und getrennt — verraten zu werden. L. nidr Friedmann und 3, ß. Weiss/ (Die Dioskuren des Wiener Beth-hamidrasch.) Persönliche Erinnerungen von Nachum Hamaschgiach. Sie waren Götterzwiliinge, die Lectoren des Wiener Beth-hamidrasch, schon deswegen Göttersöhne, weil sie ursprünglich die Absicht hatten, Rabbiner zu werden und glücklicherweise es nicht geworden sind. J. H. Weiss, der berühmte Verfasser des „Dor Dor w' Dorschow", war, was Wenige -wissen dürften, nur kurze Zeit beamteter Rabbiner und zwar in Fünfhaus. Er erinnerte sich nicht gern an diese Zeit der Jugend. Auch Lector Friedmann war in des Wortes engerem Sinne nicht Rabbiner. Die Stellung „Prediger der Strafanstalten Wiens", ist zwar keine angenehme, in ethischer Beziehung jedoch eine sehr dankbare. Der Umstand, dass die Lectoren keine Rabbiner waren, enthob sie der unangenehmen Pflicht und Sorge, gewisse stolze plutokratische Gesellschaftskreise aufzusuchen und sich schmeichelnd an ihre Rockschösse anzuhängen. Den schmucklosen Särgen der Lectoren Weiss und Friedmann wurde kein ordensdecorirter Polster nachgetragen. Doch weder die in Gottes friedliebender Erde Ruhenden, noch die jüdische Wissenschaft beklagen sich über diese Schmälerung äusserer Ehren. Hat doch der grosse Jellinek, der die Zunge am rechten Platz hatte, auch die Augen geschlossen, ohne dass sie im Spiegel der Ordenauszeichnungen vor Freude hatten erglänzen können. Jellinek, könnte man sagen, war der geistige Vater beider Lectoren. Friedmann, der bei allem Selbstbewusstsein von rührender Bescheidenheit war, hat es öfters öffentlich ausgesprochen, wogegen Lector Weiss dies nicht anerkennen wollte Ist dieser einzige, sonst nichtssagende Umstand geeignet, die Charakterverschiedenheit zwischen Lector Weiss und Friedmann ins richtige Licht zu setzen, so hat die Lehrtätigkeit beider am Wiener Beth-hamidrasch in Vielem bewiesen, dass der Charakter des Lector Weiss grundverschieden war von dem des Lector Friedmann. Damit soll, Gott behüte, kein Schatten auf den Charakter des Lector Weiss geworfen werden; es soll blos gesagt sein, das so grundverschieden diese beiden Dioskuren im Wesen waren, so brüderlich fühlten sie sich zu einander hingezogen infolge der wahrhaft göttlichen Begeisterung zur jüdischen Wissenschaft, von der sie beseelt und getragen waren. Weiss und Friedmann waren moderne Juden in des Wortes edlem Sinne. Und wenn auch Lector Weiss hie und da eine spöttische Bemerkung über die jüdisch-nationale Bewegung, die damals noch in den Kindeswindeln lag, machte, so war er doch im Grunde seines Wesens nicht weniger als antinational. Es war dies, wenn man so sagen darf, der Zeitgeist, der es erforderte, in die Posaune der Deutsch-Liberalen zu stossen und Hosianna! zurufen. Was Wunder, wenn auch Jellinek und Weiss von diesen Heilrufen geradezu hypnotisiert waren. Anlässlich eines Vortragsabends, den ein jüdischnationaler Literaturverein veranstaltete, hielt ich dem heimgegangen Gelehrten Rabbi Me'ir Friedmann einen Nachruf, in welchem ich beide Dioskuren charakterisirte. Ich schloss meine Ausführungen mit den Worten: „Lector Weiss war geachtet, Lector Friedmann auch geliebt". Diese Tatsache ist darauf zurückzuführen, dass während Lector Friedmann im persönlichen Verkehr mit Menschen verschiedenen Standes und Alters von bestrickender Liebenswürdigkeit war, man diese Urbanen Formen im Umgang mit seinen Nebenmenschen beim Lector Weiss vermisste. Dieser war vielmehr urwüchsig im Verkehre, seinem Jüngerkreis gegenüber gar oft von gereizter Stimmung. Wer es aber verstanden hat, dem Lector Weiss auf den Grund der Seele zu blicken, fand es gar bald heraus, dass hier ein goldener, gesunder Kern von einer etwas rauhen Schale umgeben war. Bei Lector Friedmann dagegen war alles „Gold": der Vortrag der Umgang, die Lehrmethode, das familiäre Leben Was jedoch die wissenschaftliche Tätigkeit dieser beiden glanzvollen Sterne am Horizonte des Judentums betrifft, so war dieselbe eine streng kritische, rein auf Ermittelung der Wahrheit hinzielende. In dieser Hinsicht waren sich beide Gelehrte gleich, da der Massstab der Beurteilung über Gelehrte und deren Werke bei beiden die kritische Sonde der Vernunft war. So war z. B. Lector Weiss ein grosser Verelrer von S. L. RapDaport. Dies hinderte ihn jedoch nicht, gelegentlich dessen Schwächen hervorzuheben. In seinen Memoiren, die jeder moderne jüdische Gelehrte lesen sollte, schildert Weiss den ganzen Rappaport mit einer solch lebendigen Kraft der Darstellung, die man von dem damals 8ö Jahre alten greisen Gelehrten nicht mehr erwartet hätte. Da erzählt er, dass Rappaport sehr ungehalten sein konnte, wenn si< h irgend ein Fachschriftsteller seiner Gedanken bediente, ohne ihn, Rappaport, als Quelle anzugeben. So etwas konnte den grossen Gelehrten, den Franz Delitzsch geradezu bewunderte, in die grösste Aufregung versetzen. „Mich", meinte in einer Anmerkung zu seinen Memoiren Lector Weiss, „Hessen solche kleinliche Sachen ganz unberührt. Nur einmal als ein Fachschriftsteller aus meinem „Zur Geschichte der jüdischen Tradition" ganze Seiten Zeile für Zeile Wort.