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Neue Nationalzeitung · 1909-01-29 · Heft 3 (29.1.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 3 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 3 Beide Teile nahmen jedoch eine Wahl sowohl in das Organisations-Comite, als auch in den Vorstand an; man konnte erwarten, dass sie beisammen arbeiten werden. Dr. Theodor Sonnenschein, der Präsident der Troppauer Kultusgemeinde, wurde zum Referenten bestellt. Seine Aufgabe war es, den Organisations- Entwurf auszuarbeiten. Dr. Sonnenschein war bereits am 6. November 1908 in der Lage, sein Elaborat dem nach Wien einberufenen Organisations-Komitee, welches mit Ausschluss der Oeffentlichkeit tagte, vorzulegen. Bei dieser Sitzung erfolgte der Bruch. Drei galizische Repräsentanten erklärten sich mit dem Entwürfe nicht einverstanden. Als er trotzdem angenommen wurde, verliessen sie den Saal. Ein sauberes Kleeblatt. Wer waren denn diese drei Herren? Betrachten wir sie doch näherJ Damit die Oeffentlichkeit erfährt, welchen Kalibers die feinen Leute sind, die eine Gesamtorganisation der österreichischen Juden verhindern wollen, weil dadurch die — Autonomie Oaliziens gefährdet wird. Es waren die Träger sehr bekannter Namen. Zwei davon sind bei den letzten Reichsratswahlen in Bezirken mit jüdischen Majoritäten trotz aller Pressionen und Korruptionen als offizielle Kandidaten des Polenklubs durchgefallen, der dritte Herr ist ihr Werkzeug. Und diese Leute, Horowitz, der Edle von Horowitz, Rauch und Schaff, die Vampyre am kranken Körper der galizischen Judenschaft, werfen sich plötzlich zu Beschützern der Autonomie der galizischen Judengemeinden auf! Die Herren fuhren heim. Und nun begann die Agitation. Für den Monat Jänner war eine neue Sitzung des Organisations-Komitees in Wien geplant und diese musste verhindert werden. Zu diesem Zwecke beriefen die Präsidenten der Lemberger und Krakauer Kultusgemeinde für den 12. Jänner einen Gemeindetag nach Lemberg ein. Galizien zählt 250 Judengemeinden. Alle hätten daher gehört werden müssen, denn die Frage der Gemeinde-Organisation berührt sie alle. Dr. Schaff und Dr. Tilles hatten jedoch lediglich 19 (!) Gemeinden eingeladen. Es geschah dies mit folgendem Zirkulär: Das Zirkulär des Lemberger und Krakauer Kultusvorstandes. Lemberg, 31. Dezember 1908. Wie dem löblichen Kultusvorstand bekannt, hat der Allg. israel. Gemeindebund eine Tätigkeit nach der Richtung entwickelt, um eine Zentral-Organisation sämtlicher Gemeinden Oesterreichs in Wien zu schaffen. In der Enquete, die zu diesem Zwecke am 6. November d. J. in Wien stattfand, hat der gefertigte Lemberger Kultusvorstand gemeinsam mit den Krakauer und Stanislauer Repräsentanten erklärt, dass er auf Basis des vorgelegten Entwurfes der Organisation nicht beitreten könne. Nach dieser Erklärung haben wir an den Beratungen nicht mehr teilgenommen. Eine solche Organisation in Wien betrachten wir als einen freiwilligen Verzicht der Gemeinden auf jede Autonomie; sie erscheint aber geradezu als schädlich vom Standpunkte der politischen und ökonomischa Verhältnisse in Galizien. Demnächst soll im Jänner eine neue Enquete nach Wien einberufen werden, zum Zwecke endgiltiger Beschlussfassung über das vorgelegte Projekt. An dieser Beratung werden lediglich e nige Delegierte kleinerer galizischen Kultusgemeinden teilnehmen, und es könnte noch geschehen, dass die paar Delegierten im Namen der abwesenden starken Majorität der Kultusgemeinden dieses Landes ihr Votum abgeben würden. Da diese Angelegenheit sehr wichtig ist und uns daran liegt, dass die Meinung der Repräsentanz der grösseren Gemeinden dieses Landes gehört wird, beabsichtigen wir Anfangs Jänner 1909 nach Lemberg eine Konferenz einzuberufen, an welcher lediglich die Vorsteher der betreffenden Repräsentanzen teilnehmen werden, so dass die Vertretung durch fremde Bevollmächtigte von vornherein ausgeschlossen erscheint. Wir wenden uns daher an Sie mit der höflichen Anfrage, ob Sie mit unserer Ansicht übereinstimmon. Da die Sache sehr dringend ist, bitten wir Sie um gütige sofortige, wenn möglich telegrafische Antwort und um Namhaftmachung eines Delegierten aus Ihrer Mitte, damit wir demselben die Einladung zukommen lassen. * * * Diese Einladung wurde an nachstende 19 Kultusgemeinden versandt: Brody, Buczacz, Brzezany, Czortkow, Drohobycz, Jaroslaw, Jaslo, Kolomea, Neusandez, PrzemysI, Rzeszow, Sanok, Sambor, Stryj, Stanislau, Tarnopol, Tarnow, ZIoczow, Zolkiew. Die „Hausjuden"-Konferenz in Lemberg. Die Gemeindevertreter, die sich am 12. Jänner in Lemberg einfanden, waren Fleisch vom Fleische der Horowitz, Rauch und Genossen. Nennen wir blos die Namen Trachtenberg aus Kolomea, Kör bei aus Neusandez, Rauch aus Stanislau, Bloch aus Brody, Feuerstein aus Drohobycz und es wird jeder mit der traurigen Geschichte der galizischen Juden einigermassen Vertraute erkennen, dass sich da mit sehr geringen Ausnahmen die berüchtigtesten Wahlhyänen und servilsten Streber versammelt haben, um ein Attentat auf ihre Machtsphäre abzuwehren. Unter dem Schlagwort „Schutz der Gemeinde-Autonomie" meinten sie nichts anderes, als den Schutz ihrer Klique-Herrschaft und ihrer sehr einträglichen politischen Geschäfte Sie waren zu vernünftig, um dies offen zu erklären. Daher wurde der Anschein erweckt, dass den Interessen der galizischen Juden mir eine speeifisch galizische Organisation entspreche, die daher anzustreben sei. Als Resultat dieser Konferenz ergab sich nachstehende Resolution : I. In Erwägung, dass die Organisation der Juden Oesterreichs, die von dem am Gemeindetag vom 27. April 1908 eingesetzten Komitee geplant wird, im Wege einer Ministerialverordnung als Volizugsschrift zum Gesetz vom 28. März 1890 in formaler Hinsicht fast undurchführbar ist; in weiterer Erwägung, dass der Entwurf der Ministerialverordnung in meritorischer Richtung Bestimmungen umfasst, die sehr gewichtige Einschränkungen der bisherigen Autonomie der Gemeinden enthalten, wodurch die galizischen Kultusgemeinden von dem Zentralorgan in Wien in Abhängigkeit geraten würden; in fernerer Erwägung, dass die Verhältnisse der galizischen Judenschaft im allgemeinen, insbesondere in religiöser und ritueller Beziehung anders als in den westlichen Kronländern gestaltet sind; in Erwägung schliesslich, dass im Falle des Zustandekommens der geplanten Organisation der religiöse Frieden in den galizischen Gemeinden ernstlich gefährdet wäre, — erklären sich die am 12. Jänner d. J versammelten Vertreter der (oben aufgeführten) Gemeinden gegen den vorgelegten Entwurf einer Vollzugsvorschrift. II. In Erwägung, dass zum Zwecke des Rechtsschutzes der ganzen Judenschaft Oesterreichs es notwendig erscheint, durch eine autoritative Körperschaft, die alle Juden Oesterreichs repräsentieren soll, die Stimme erheben zu können; in weiterer Erwägung, dass zwar eine solche Oiganisation wünschenswert ist, jedoch auf gesetzlichem, verfassungsmässigem Wege, angesichts der gegenwärtigen politischen Verhältnisse, nahezu unmöglich zustande kommen kann, — erscheint es wünschenswert, dass alle Kultusgemeinden in Land und Staat dem Allgemeinen österreichischen israelitischen Gemeindebund in Wien beitreten sollen. III. Zum Zwecke der Schaffung einer Landes-Organ isa t i o n in Galizien, werden die Kultusgemeinden in Lemberg und Krakau bevollmächtigt, gemeinsam mit einem aus 18 Personen bestehenden Komittee, das zur Hälfte aus Fortschrittlichen und Ortodoxen zu bestehen hat, binnen 3 Monaten ein Projekt auszuarbeiten, dasselbe in polnischer und jüdischer Sprache zu verfassen und an sämtliche Kultusgemeind<»n des Landes zu versenden, welche sohin zu einem Gemeindetage einzuladen seien.

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