Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1909-01-15 · Heft 2 (15.1.1909) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 2 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2425679-2425773-2425776--1228-2427570
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 11 HERMMITI MET1KES: Der Liebesgarten/) Meine Heimatsstadt ist jetzt alt und im Elend, aber es gibt da einen fast schon ganz von den letzten Kesten der Wohlhabenheit verlassenen alten Teil, der enge Gäßchen und weite ringartige Plätze in sich faßt. Sie liegen wie versonnen, vergessen und von Zeit und ihren Menschen verwüstet da. Stille und Melancholie weben um die alten Häuser, die brüchig, geschwärzt und halb zerstört dastehen und denen doch noch letzte Spuren architektonischer Schönheit übrig geblieben sind, eine Schönheit, die sich in Linien und Formen, in einer Säule, die geblieben, in einem Relief, das noch nicht ganz verwischt ist, kundgibt. Und auch im Innern in ihren Arkaden, in ihren Höfen, die nun voll Unrat sind, in der Stille verfallener, von Disteln und Schlingpflanzen timwueherter (Wirten, in denen da und dort ein abgestorbener oder in seltsamer Fülle blühender Baum steht. Verlassenen und geschlossenen Friedhöfen gleichen diese Gärten, in denen im Frühjahr und im Sommer Vögel nisten, eine Nachtigall, die in einsamen Nächten schlägt, oder eine Schaf von Wildtauben. Blumen blühen dort nicht mehr. Wen sollten sie da auch erfreuen? Die Menschen, die in diesen Gassen und Häusern wohnen, sind innerlich verarmt, sind Dürftige und Ausgeschaltete. Es sind arme Juden, denen keine weitere Sehnsucht geblieben, kein anderer Trost als die Himmelsseligkeit, der sie entgegensiechen. Ihr Leben ist Schatten und Not. Da und dort sieht man sie durch die Gasse schleichen oder durch ein halberblindetes Fenster lugen. Ihre Lippen sind von Not, Hunger und niedergedrückten Lüsten welk und blaß. Und man sieht frühgeknickte Frauen mit dunklen, traurig-schönen Augen, aus denen die Hoffnungslosigkeit spricht. Tagsüber gehen all diese Menschen armseligen Berufen nach und es sind viele unter ihnen, die Abkömmlinge sind stolzer Geschlechter, von Gelehrten, weisen oder prachtliebenden Männern. Jetzt sind sie nun kleine Thoraschreibcr oder Lehrer, arme Kleinkrämer oder Handwerker für die * Im Verlag von Hermann Seemann Nachfolger in Berlin sind soeben die ersten vier Bände des von Dr. Julius Moses herausgegebeneu jüdischen Romin- und Novellenschatzes erschienen. Mit großer Sachkenntnis und einem anerkennenswerten Eifer hat es der Herausgeber verstanden, eine Novellensammlung zu schaffen, die, wenn auch zum Teile aus bereits gedruckten Arbeiten bestehend, einen Ueberblick über den gegenwartigen Stand der jüdischen Belletristik gestattet. Obige zum ersten Male gedruckte Novelle des Wiener Schriftstellers Hermann Menkes behandelt das Leben und Treiben in der Stadt Brody, als sie noch eine blühende freie Handelsstadt war. Mit freundlicher Autorisation des Herausgebers veröffentlichen wir diese Arbeit. Anm. d. Red. kleinen Bedürfnisse der Armen geworden. Nur zuweilen, in dämmerigen Sabbathstunden oder in einer schlaflosen Nacht, sinnen sie der Vergangenheit nach und dem verrauschten Leben der Gassen, die sie bewohnen. Es sind Legenden von verschwundenen Heiligen, Balladen schöner lockender Sünden, Erzählungen ihrer Väter, an denen ihre Erinnerung weiterspinnt. Einst wurden diese Häuser und verkommenen Paläste von reichen Handelsherren, von stolzen, unbeugsamen Aristokraten der Gelehrsamkeit, von fürstlichen Sündetinnen und keuschen Königinnen des Bürgertums, von Lebensmächtigen und Asketen bewohnt. Stolze Feste wurden iu diesen Räumen gefeiert und Kasteiungen in einem lodernden Wahn abgehalten. Es war die Zeit eines blühenden Handels und Verkehrs im Leben dieser Stadt, die ein altes Freihandelsprivilegium besatt. Reiche Handelsherren kamen von weither mit ihren Produkten aus Deutschland, Ruljland, aus den romanischen Landen und aus dem Orient. Sie füllten die Gassen und es gab ein Leuchten und Glänzen von Trachten und Farben, von Turbanen und Pelzen, von Diamanten und Korallen. Die Goldstücke rollten, es flott der köstlichste Wein und es war ein Feilschen und Lachen den ganzen Tag hindurch. Es kamen deutsche Komödianten mit ihren bunten Spielen. Die Edelleute veranstalteten Jagden in den Wäldern und Sümpfen, und diese glichen jedesmal einem blendenden farbenreichen Fest. Liebesabenteuer mit Gift und Dolch und Bacchanalien spielten sich ab. Wurde bei den reichen Juden eine Hochzeit gefeiert, so zog sich das Fest durch Wochen hin. Es gab Reichtum wohin man blickte und aus einem Ghetto hatte sich eine kleine heitere Märchenstadt entwickelt. Die Menschen waren voll Fröhlichkeit, aber in dieser Judengemeinde gab es auch asketische, lebensabgewandte, orthodoxe Gelehrte, die neue Gesetze schmiedeten und Kommentare anfertigten und die ob der Sünden, die um sie erstanden, nnster in die Zukunft blickten. Sie gaben sich dunklen Prophezeiungen hin. Denn die Sünde war gekommen mit schönen Frauen, die das rollende Gold hergelockt, dunkeläugigen Buhlerinnen aus dem Süden, aus dem Orient und aus dem übrigen Polen und sie drangen in die sittsamen Häuser und rissen die Gatten und Jünglinge in ihre Arme. Die Prophezeiung der Frommen ging nach und nach auch in Erfüllung. In der Zeit, in der die einfache Begebenheit, die hier erzählt werden soll, spielt, hatte sich bereits der Verfall eingestellt. Schon begann die Stadt zu veröden und immer seltener kamen von weither die Handelsherren. Schon gab es viele Arme und solche, die bittern Hunger litten, und es gab nur

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.