Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 2 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2425679-2425773-2425776--1227-2427569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10 „Neue Nationai-Zeitung" Nr. 2 eingehende Besprechung. Der Verfasser erinnert daran, daß in diesem Lande, wo jetzt durch ein Naturereiguis über 100.000 Menschenleben vernichtet wurden, vor 416 Jahren und zwar auch in den letzten Tagen Dezember ebenfalls 100.000 Menschen von der Scholle gerissen, verjagt, heimatslos gemacht wurden. Es war dies im Jahre 1491. Als die Weihuachts-l'roze?sion die Judengasse passierte, wurde von dem Dache irgendeines Hauses ein Stein hinuntergeworfen, der einen Arm des der Prozession vorangetragenen Kruzifixes abschlug. Sofort hieß es, daß der Stein aus einem Fenster des diuchelele Biton geworfen worden wäre. Zwei Brüder Crise drangen ins Haus und erschlugen den Rabbiner auf der Stelle. Natürlich wurde die Nachricht über das Mißgeschick der Prozession schnell verbreitet, die Brüder Crise wurden an den Hof Ferdinand des Katholischen gerufen, und nachdem sie der König für die Heldentat belobt hatte, fragte er sie, nach welcher Richtung hin er sie hierfür belohnen konnte. Die Heldenbrüder verlangten, ohne sich erst lange zu besinnen, die Vertreibung sämtlicher Juden aus Sizilien, was dem König überaus gefiel. Das erste Dekret der Verbannung der Juden aus Sizilien ist vom 31. Marz 1492 datiert. Nur durch die schwersten Geldopfer gelang es den Juden, dieses Dekret bis zum 9. Juni aufzuschieben, da sie sich mit der Absicht trugen, nach und nach unter Mitnahme der beweglichen Habe die Insel zu verlassen. Da l am eben am 9. Juni das Edikt, durch das das geheime Verlassen der Insel mit der Todesstrafe angedroht wurde, und zehn Tage später fand auf der ganzen Insel d i e öffentliche königliche Auktion aller jüdischen Habe statt, die bis August dauerte. Am 31. Dezember 1492 war Sizilien »judenrein«. Seitdem mieden die Juden Sizilien. Gegenwärtig hat es weder in Messina noch in Reggio-Kalabria eine Synagoge oder einen Rabbiner gegeben. Ueberhaupt existiert in Kalabrien und Sizilien keine einzige Gemeinde. Wohl aber mögen besonders iu Messina verschiedene jüdische Familien gelebt haben. Gheafer und Runsf. Dem hervorragenden Mater des jüdifcben Ghettos und der polnifch=jüdifcf>en Typen, Ifidor Kaufmann, widmet Hermann Menkes im „N. Wr. Journal" einen fehr fchönen Effay. Menkes fchildert uns zuerst den künftlerifchen Werde* gang des Meifters, bis er ficb dem fo wenig dankbaren Sujet der Judenmalerei zugewendet bat. „Aus der Wiener Schule hervorgegangen in einer Zeit der Anekdoten» und Genremalerei, wandte ficb Isidor Kauf» mann dem Leben feines Volkes zu. In einem ungarifchen Städteben geboren und emporgewaebfen in einem Elternheim voll treuer jüdifeber Tradition, malte er aus warmen und echten Empfindungen zuerft feine Judenbilder, heitere oder feierliche Idyllen, Alltagsmenfcben und Alltagspoefie. Er wollte vor allem wahr fein und blieb zuerft ein wenig nüchtern, dincfrftreiüe er jabrelang die entlegenften Judennefter in Galizien, Ungarn und der Bukowina, fuebre da in die Seelen der Einfacbften zu dringen, fahndete hier mitten unter Degenerierten nach SchÄnheitstypen, nach den feltenen Reften einer jüdifcben Kunft, alten Trachten, Kunftwerken des jüdischen Gewerbes, und mit den Menseben, nach denen feine Künstlersebnsucbt ging, fand er noch eine andere, verborgene Schönbeitswelt: wunderfame Gb e 11 o I n te ri eu rs in alten Syna* gogen voll von malerischem Reiz, voll von Schätzen einer ungekannten Kunst. Das war ein Weg von der gemalten Anekdote zum Malerischen, vom Aeußerlicben zum Seelischen." Wir hören dann von den Erfahrungen, Abenteuern und Beobachtungen des Meisters auf seinen Streifungen durch das dunkelste Galizien. „Um das alles ganz in sieb aufzunehmen, bat er die entlegendsten Städtchen im Osten aufgesucht und sieb die größten leiblichen Entbehrungen auferlegt. Monatelang war er auf eine Kost von Brot, Milch oder Eiern gesetzt und lebte mitten unter primitivsten Verbältnissen, mitten unter Armut und herzergreifendem Elend. Er kam oft zu Leuten, die nie ein Bild gesehen, nie von der Kunst des Malers gehört oder sie wie etwas Unerlaubtes und Sündiges be* trachteten. Wie Geschichten von Forschungsreisen durch dunkles Europa klingen seine Erzählungen. In einer galizischen Stadt fiel ihm die wunderbare Gestalt eines armen jüngeren Juden auf mit einem Christuskopf, dem auf Tizians „Zinsgroschen" ähnlich, nur noch von größerer Schönheit. Es war dies ein „Melamed", ein armer Lehrer, der für wenige Heller Unterricht im Hebräischen erteilt. Das war ein Modell, das Kaufmann lange gesucht. .Auch wenn mir das Bild ganz mißlungen wäre, der Erfolg hätte durch die Schönheit des Dargestellten ein großer werden müssen* versichert der Künstler. Der Mann entzog sich ihm jedoch hartnäckig, obgleich Kaufmann ihm die beste Entlohnung versprach. „Man tor nisebt" (Es ist nicht gestattet!) war auf alle Bitten die hartnäckige Antwort. Die Intervention des Rabbiners wurde angerufen, aber auch das fruchtete nicht. Endlich machte der „Melamed" seine Bereitwilligkeit, sich als Modell herzugeben, von der Erlaubnis eines in einem fernen Städtchen lebenden Verwandten, eines gelehrten, frommen Mannes, abhängig. Der Greis kam, dachte lange nach, endlich sagte er mit unerbittlicher Stimme: „Man tor nisebt". Und dabei blieb es. Der „Melamed" flüchtete vor dem Maler als einem Verführer. So oft er ihn erblickte, verbarg er sieb im Betbause, dessen Tür er verrammelte, und stieß die fürchterlichsten Verwünschungen aus. Ein anderes Mal war der Maler Gast eines steinalten reichen Juden in einem kleinen Städtchen Ungarns und wurde da in außerordentlich herzlicher Weise aufgenommen und bewirtet. Zum Abschied dankte der Greis dem Künstler voll Rührung für die Erfüllung einer langen Sehnsucht. Er wollte mal in seinem Leben noch einen „Deutschen" sehen . . ." Godesnachrichfen. In Wien starb der allgemein geachtete und um das Bethauswesen im III. Bezirke verdiente Arzt Dr. Ludwig Strasser, Mitglied der Bezirks-Kommission und ehemaliger Obmann des »Beth-Hachneseth«- Der Verstorbene stammte aus Preßburg und war streng konservativer Gesinnung. Bei den letzten Kultuswahlen war er Mitglied einer Wahlkommission; trotzdem äußerte er in unverhohlener Weise seiue Entrüstung über die offizielle Kandidatur des »Kirchenvaters« Hofrat Rappaport. * * Nach langem schweren Leiden starb in Wien, fern von der Heimat, Schülern Melzer aus Rohatyn. Dieser Name war seit Jahren jedem Nationaljuden und Zionisten in Galizien geläufig. Denn Melzer war einer der alten Garde, der noch vor Dr. HerzI die Palästinabewegung mit Wort und Tat förderte. Speziell in den orthodoxen Kreisen, denen Melzer angehörte, agitierte er lebhaft für die Kolonisation Palästinas und die hebräische Sprache. )O0O0O0O0OCCCOCOCO0O0OCO0O0OCO0C0CXC0C<XDC Das Abonnement beträgt: Für Oesterreich-Ungarn vierteljährig......K 2.— „ Ausland „ ......„ 2.50 Näheres in der Abonnement-Einladung auf Seite 2 des Umschlages. XXX^CCSOCOCOCCOCCC^