Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 2 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 noch einen, der als mächtiger und gebietender Repräsentant des Handels galt and auch er entstammte nicht den alten Handelspatriziern, sondern hatte durch Ausdauer und die Kraft seines Wesens alles an sich gerissen und herrschte so in seiner Gemeinde. (Fortsetzung foly;t). Eine Komiteesitzung. Von Dr. Moses Ahronsohn. (Schluß). Der Beirat (mit der Würde des Kahalsmannes). „Wie ich sehe, sind wir von unserem Thema ziemlich weit abgekommen. Hier handelt es sich nicht um National oder International, nicht um Jüdisch oder Nichtjüdisch, sondern einzig und allein um Wohltätigkeit. Wir wollen diese auch nicht zur Schau stellen. Aber die Beteilungen sind einmal eine Einrichtung unserer Zeit und warum sollten wir uns gegen sie sträuben? Ich schließe mich demnach der Meinung an, daß wir, wenn Sie auf meinen Vorschlag nicht eingehen und von der Vorlesung einer Hofschauspielerin absehen, die Kinder versammeln, ihnen die Größe der Wohltat, die wir ihnen erweisen, vor Augen führen, sie über die Pflicht der Dankbarkeit belehren und mit dieser Beteilung auch einen pädagogischen Zweck verfolgen. Die junge Welt tanze dann in Gottesnamen und jeder vergnüge sich nach seiner Art." Der ältere Herr. „Gegen Ihre Veranstaltungen habe ich weiter gar nichts. Tun Sie, was Sie wollen; nur gegen Eines möchte ich mich verwahren: daß Sie von pädagogischen Zwecken, Dankbarkeit und ähnlichen Dingen sprechen, wo es sich doch nur darum sandelt, für einige Leute eine Art Reklame zu machen. Es wurde in dieser Sitzung viel von Jüdisch oder Nichtjüdisch gesprochen. Eines kann ich den verehrten Herrschaften sagen: Ihr ganzes Vorgehen ist kein jüdisches. Man muß aber nicht gerade die Rede Ihres Herrn Oberrabbiners angehört haben, um jüdisch zu fühlen .... Was sollen uns Vorlesungen von Hof- oder anderen Schauspielerinnen, von Wohltätigkeit triefende Reden, Gedichtlein und Deklamationen, wenn wir in Wahrheit den Armen doch nicht damit helfen? Ich beantrage demnach, von jeder Schaustellung der Armut, warmen Stritzeln, wollenen Socken, süßem Nasch werk und bunten Unterröcken abzusehen, vielmehr das für diese Nichtigkeiten notwendige Geld für die notleidenden Kinder in die Sparkasse zu legen. Und dann wollen wir uns um ihre Existenz und ihr weiteres Fortkommen kümmern. Gegen Musik, Unterhaltung, Tanz, meinetwegen auch Vorträge, wenn sich schon gewisse Personen hören lassen müssen, habe ich weiter gar nichts. Meine Tarockpartie entgeht mir ja doch nicht." Stille ist eingetreten. Droht ein Unwetter? Der Beirat, der gewiegte Kahal - Beschwichtigungsrat, will es beschwören. Er beginnt demnach: .,Die Worte meines sehr geeinten Herrn Vorredners linde ich, wie soll ich nun sagen, etwas egoistisch. Beteilen sollen wir die Armen nicht, aber tanzen wollen wir." Die Präsidentin winkt ihm wohlwollend zu. Die jungen Leute hören längst nicht mehr zu. Sie stehen beim Fenster und unterhalten sich vortrefflich. Ihr Thema hat mit der Wohltätigkeit gar nichts zu tun. Es betrifft mehr: „Bub' oder Mädel" .... Die ältere Dame: „Und ich bin wieder gegen eine Schaustellung der Wohltätigkeit, wie man dies in gewissen Kreisen noch mehr liebt. Die Kinder sollen in einem hell erleuchteten Saale erscheinen, wir mit ihnen, und wir, die wir uns in besseren Verhältnissen befinden, wollen den Ärmsten feierlich verkünden: „Sehet, so hat es der liebe Gott eingerichtet, Ihr seid arm und wir sind reich. Wir haben aber ein gutes Herz, wissen, daß Hunger weh tut und die Kälte ein unangenehmes Gefühl bereitet. Darum geben wir euch resche Stritzeln und warme Socken, süßes Backwerk und wollenene L'nterröcke. Dann könnt ihr, liebe Kinder, gehen. Ihr könnt in eure kalten Stuben zurückkehren, weiter hungern und frieren, wir aber werden tanzen." Der ältere Herr nickt beifällig. Die Präsidentin wird ungeduldig. Der Student und das Mitglied des Mädchenkomitees unterhalten, sich ziemlich eingehend. Das Letztere summt dann ein Liedchen aus „Bub oder Mädel" für sich hin. Der ältere Herr: „Sie haben mich nicht verstanden, Herr Vorsteher." Der fühlt die Ironie nicht, desto mehr die Würde, die in dieser Anrede liegt. — Der Redner fährt fort: »Beteilen können Sie die Armen mit Stritzeln, Socken, Backwerk, Unterhosen, warmen Würsteln usw., ohne der Wohltätigkeit Schranken zu setzen. Nur tun Sie es nicht bei elektrischem Lichte, nur lassen Sie es nicht tun von Damen in Empireroben und mit strahlenden Brillanten . . . Diesen Flitter verträgt die Armut nicht . . . Demütigen Sie nicht die Armut. Und keine Reden wünsche ich von Tugendhaftigkeit und Dankbarkeit . . . Jetzt muß ich aber gehen. Ein Wort nur noch, das mir aus meiner Bibellektüre, die ich leider jetzt nicht mehr eifrig betreiben kann, haften geblieben ist. Es lautet: ,Gabe im Geheimen beugt den Zorn' . . . Adieu, meine Herrschaften. Und tun Sie, was Sie nicht lassen können ..." Und sie taten es. Im strahlenden Lichterglanze wurden die armen Kinder beteilt. Dann deklamierten Schauspielerinnen moderne Lyrik, ein Festredner lobte das gute Herz der Israeliten, Volkssänger sangen verfängliche Lieder, und der deutsch-freiheitliche Student eröffnete den Tanz mit dem Mitgliede des Mädchenkomitees in der Cleo de Merode-Frisur. Am nächsten Tage stand ein Bericht über das „gelungene" Fest in der „Neuen Freien Presse".