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Neue Nationalzeitung · 1909-01-15 · Heft 2 (15.1.1909) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 2 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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,Neue National-Zeitung* Nr. 2 Was ist also geschehen? Die Brüskierung Mayersohns und seiner Gemeinde scheint der Dank an die polnischen Juden dafür zu sein, daß sie bei den Wahlen offiziell gewählt haben. Dr. Stern weiß, daß man mit diesen Leuten alles machen kann. Wo waren denn die polnischen Juden, Hofrat R a p p a p o r t und Baurat M armorek bei dieser ganzen Affelire? Herr Marmorek ist lediglich Bauführer. Kaum war der Beschluß angenommen, da beeilte er sich schon, vom Herrn Rabbiner Fürst Aufträge entgegenzunehmen. Die Schiffschul' selbst hat ihrerseits bewiesen, was man durch Energie, Zähigkeit und Opferwilligkeit — die Mitglieder waren bereits entschlossen, aus eigenen Mitteln eine separate Mikwah zu erbauen — erreichen kann. Uns handelt es sich in der ganzen Affaire auch nicht um die Mikwah, die als rituelle Frage außerhalb des Rahmens dieses Blattes steht, sondern um die Kopflosigkeit und Inkonsequenz, mit welchen auf Kosten der Steuerträger in der Seitenstettengasse gewirtschaftet wird. In obiger Sitzung des Vorstandes bringt der Sekretär ein Ansuchen der Frau Marie Himmelreich, Mutter des wegen Mordes zu lebenslänglichem Kerker verurteilten Leopold Hilsner, um Aufnahme in die Versorgungs-Anstalt der Wiener israelitischen Kultusgemeinde zur Verlesung. Hiezu bemerkt der Vorsitzende, daß das Organisationsstatut für die Versorgungsanstalt als Voraussetzung für die Aufnahme in das Versorgungshaus einen mindestens 10jährigen ununterbrochenen Aufenthalt in Wien und ein Mindestalter von 65 Jahren fordere. Beide Voraussetzungen treffen bei Frau Himmelreich nicht zu. Sie wohnt dermalen nicht in Wien und hat niemals in Wien gewohnt. Auch ist sie nach ihren Angaben erst 63 Jahre alt. Nichtsdestoweniger rechtfertige dieser Fall von seltener Tragik auch die weitestgehende Ausnahme. Das Vertreterkollegium stellt deshalb den Antrag, Frau Hilsner in das Versorgungshaus unter Nachsicht der statutarischen Erfordernisse aufzunehmen. Der Vorsitzende fügt dem hinzu, daß er es als eine Ehrenpflicht der größten jüdischen Gemeinde Oesterreichs brachte, der vom Schicksale so hart verfolgten, unglücklichen Mutter des Hilsner eine Versorgungsstätte zu bieten. Der Antrag des Vertreterkollegiums wird angenommen. Russisches Reich. Das Schicksal jüdischer Soldaten. Petersburg. Die jüdischen Soldaten, die ihren Dienst in Wladiwostok in diesem Jahre beendet haben, erhielten kürzlich den Befehl, unverzüglich in den Ansiedlungsrayon zurückzukehren. Ein Teil von ihnen wandte sich an die Behörden mit dem Ersuchen um die Erlaubnis, sich in der Amurgegend niederzulassen. Es wurde jedoch nur denjenigen gestattet, dort zu bleiben, die während des russisch-japanischen Krieges einen Verdienstorden für Tapferkeit erhalten haben. Die Juden dürfen also in den entferntesten Gegenden des weiten Russenreiches für Väterchen sich totschlagen lassen, aber nachdem sie vier Jahie oder länger dort Militärdienst getan und sich an das Land gewöhnt haben, dort zu wohnen und durch ihrer Hände Arbeit ihren Lebensunterhalt zu erwerben, bleibt ihnen verwehrt — so will es die Güte des weissen Zaren 1 GgMeiNbg=UN» VSRGiNSNGlfiRitlWW Wien. >Die Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler« veranstaltet am 27. Janner a. c. im Sophiensale eine Wohltätigkeitsakademie mit nachfolgendem Ball, deren Reinerträgnis zur Unterstützung anner jüdischer Hochschüler verwendet wird. Karten zu K 10.—, 8.—-, 7. — , 6.—, 4.—, 3.-, 1.50 zu haben in Guttmanns Hofmusikalienhandlung, I., Opernhaus und im Vereinslokale, IX., Grüne Torgasse 34. Wien. (Hebr. Konversationsklub »Iwriah«.) Bei der nächsten Zusammenkunft Samstag, den 16. Jänner, präz. 7 Uhr abends im Cafe Brammer (IX., Liechtensteinstraße 1) wird Dr. Chajim Tartakower einen Vortrag über das Thema: »Unser Verhalten gegenüber den religiösen Bräuchen« halten. Korreferent: phil. Arje Finkelstein. Gäste herzlichst willkommen. ALLEN WELHCiL0N Rabbiner Dr. Werner in München wurde vom bayerischen Prinz-Regenten durch Verleihung des Ordens vom heiligen Michael ausgezeichnet. Seit über vierzig Jahren hat kein bayerischer Rabbiner mehr eine Ordensauszeichnung erhalten; der letzte Ordensritter noch unter der Regierung Ludwig II. war Rabbiner Hirsch Aub in München, der ihn anläßlich des 70. Geburtstages und Rabbiner Dr. Lövvy in Fürth, der ihn bei Gelegenheit des Besuches des Königs in Fürth erhielt. Sigmund Frumlcin, Kultusvorsteher in Warschau, ist am letzten Freitag auf der Rückreise von Wiesbaden unterwegs plötzlich gestorben. Frumkin gehörte zu den reichsten und angesehensten Juden Warschaus. Er war ein Führer der „litauischen" Juden. Die Enthüllung des Mendeisohn-Denkmals, die am 4. d. M. in Berlin stattfinden sollte, wurde verschoben. Es hat sich nämlich die Notwendigkeit ergeben, dasselbe teilweise umzumodelieren, insbesonders werden die Reliefs durch neue ersetzt werden. Ein christlicher Feuerwerker (Fe'dwebel) ist in Lemberg zum Judentum übertreten. Die vorgesetzte Behörde erteilte hiezu die Bewilligung. Über die Motive dieses Übertrittes ist nichts bekannt. Ernesto Nathan und Merry de Val. Eine interessante Metdung kommt aus Rom, das jetzt natürlich noch mehr als alle Welt unter de"rrf Eindrucke der entsetzlichen Katastrophe in Sizilien steht. Der Bürgermeister von Rom, Ernesto Nathan, der bekanntlich auch Großmeister der italienischen Freimaurerloge ist, hatte die vati* kanische Verwaltung gebeten, das Santa Martba=Spital für die ankommenden Verwundeten freizumachen. Das war be* willigt worden, und bei dem ersten Besuch, den Nathan im Spital machte, traf er dort mit dem mächtigen Kardinal= Staatssekretär Merry de Val zusammen. Der etwas verlegenen Vorstelluug der beiden folgte ein längeres Gespräch, das mit einem gegenseitigen herzlichen Händedruck endete. Interessant ist dieses Zusammentreffen hauptsächlich, weil es sich um zwei so hatte und intransigente Vertreter weltverschiedener Anschauungen handelt wie den steifnackigen Juden Nathan und den gewandtesten vatikanischen Diplomaten Merry de Val. Bürgermeister Nathan hat noch immer stolz sein Judentum bekannt. flus flnlaß dieser Begegnung veröffentlichte das. Berliner Mittagsblatt „B. Z. am Mittag" folgendes Gedicht:

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