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Neue Nationalzeitung · 1909-01-15 · Heft 2 (15.1.1909) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 2 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 2 Bei E. ITi. Lilien. Nicht blos als Künstler, als jüdischer Künstler, der sein hervorragendes Talent in den Dienst der Volksideale gestellt hat, sondern auch als Mensch und Jude verdient Efraim Moses Lilien unsere besondere Aufmerksamkeit. Was Lilien als Künstler bedeutet, wurde bereits von anderer Seite hier geschildert. Wiewohl Schwarz- Weiß-Zeichner, der auf den Farbeneffekt verzichten muß, versteht er es dennoch, durch die Symbolik seiner Komposition, durch die Feinheit seiner Zeichnungen und die Ausdrucksfähigkeit seiner Gestalten, Wirkungen auf unser Gemüt hervorzurufen, wie sie sonst nur meisterhaften Oelbildern gelingen. Die Zeichnungen Liliens repräsentieren immer eine Idee des Künstlers, eine ganz neue Art der Auffassung eines bestimmten Sujets. In der vorigen Nummer haben wir gesehen, wie anders der Künstler die Opferung Isaaks darzustellen weiß: nicht mit dem gezückten Messer, wie es traditionell ist, sondern als liebevoller zärtlicher Vater tritt uns Abraham entgegen. Und so viele andere Gestalten, wie sie im ersten Bande der neuen Bibel uns entgegen treten, Moses, Aron, Josua, Pinchas, Pharao und Jethro, sie sind alle das Produkt langen Nachdenkens, das von der Schablone abweicht und künstlerische Individualitäten prägt. Lilien hat lange, mühsam, gestützt auf seine eigene Kraft, gekämpft, bis er sich seine jetzige Stellung errungen hat. Sein Erfolg ist wohl der höchste, der einem Künstler beschieden sein kann: er arbeitet wie er will und nicht wie er muß. Die Illustration der Bibel die ihn für fünf Jahre beschäftigt und die ihm 32.000 Mark einträgt, eröffnet ihm ein unermeßliches Gebiet zu wahrhaft jüdisch-künstlerischer Betätigung. Sie wird auch Zeugnis dafür ablegen wie ein nationaler Jude die Bibel aufgefaßt hat. Cr=§©<3§=r3 Efraim Moses Lilien. Aber Lilien ist nicht blos national, er ist auch Zionist. Mit allen Fasern seines Herzens hängt er an Palästina, dem Lande unserer Väter, aus dem er unlängst nach achtmonatlichem Aufenthalte zurückgekehrt ist und das er jetzt in einem eigenen Kunstwerk „Palästina" behandelt. Man möge diesen feinen Künstler nicht in einen Topf mit der Zionisten-Partei werfen. Lilien gehört nicht zur Partei, wenn er auch jährlich Schekel zahlt. Er hat sich zurückgezogen, seitdem er am eigenen Leibe erfahren hat, daß Offenheit und Selbstständigkeit mit der Parteizugehörigkeit nicht vereinbar sind. Durch die Gründung des „Bezalel", die er gemeinsam mit Professor Schatz unternommen hat und durch seine achtmonatliche Lehrtätigkeit an dieser Anstalt, hat er praktisch weit mehr geleistet, als durch sonstige „Partei"-Akte. Im Atelier Liliens in Charlottenburg sah ich den kleinen hölzernen Arbeitstisch, an dem die Herausgabe des Werkes „Juda", die Publikation der Monatsschrift „Ost und West" und schließlich die Gründung des „Bezalel" beschlossen wurde. Jedes für sich war unter den gegebenen Verhältnissen eine Tat, eine markante Aeußerung" des jüdischen Geistes: ein Beweis welche organisatorische Kraft in diesem jüdischen Künstler steckt. Lilien übersiedelt demnächst nach Italien, um sich ganz seiner künstlerischen Tätigkeit zu widmen. Als ich von ihm Abschied nahm, da tat es mir weh, daß sich ein Mann in die Einsamkeit zurückzieht, der wie kaum Einer dazu geschaffen ist, das durch Abfall und Selbstverleugnung zerrüttete und durch die extremsten Parteien unterwühlte Judentum durch seine Ideen neu zu beleben und zu einer geistigen Harmonie zu erheben. n © » j Dr. S. R. Landau. Ein Rabbiner-fiongress in Warschau. (Vtn unserem Korrespondenten). Warschau, den 10. Jänner. Übermorgen findet endlich die Eröffnung des seit Monaten angekündigten Kongresses der Rabbiner von Polen statt, wozu der General-Gouverneur die Erlaubnis erteilt hat. Der Kongreß wird im Londoner Saal abgehalten und sechs Tage dauern. Eigentlich ist es kein Kongreß der Rabbiner von Polen, sondern von Wunderrabbis und deren rabbinischen Anhängern aus allen Ländern, darunter auch aus Rußland und Galizien. Aus dem letzten Lande ist die Ankunft des Beizer Wunderrabbis avisiert. Es ergehen seitens des veranstaltenden Komitees nur an bestimmte „verläßliche" Personen Einladungen. So wurden von den gewählten fünf Delegierten des Kielzer Gouvernements zwei nicht eingeladen, weswegen auch die anderen nicht erscheinen werden. Von verschiedenen Rabbinern gelangen an die jüdischen Blätter Proteste, daß der Kongreß nicht berechtigt sei, sich Rabbiner-Kongreß zu nennen, da nur Wunderrabis dabei beteiligt sind.

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