Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 2 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2425679-2425773-2425776--1222-2427564- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 2 uns herüber seit wir die unerschrockene Hoffnung in eines von ihnen eingeschlossen wissen. Die Rußkaya Gastinitza hat auch auf uns ihren Zauber nicht verfehlt. Dorthin gehen wir, um die Menge zu beobachten, die aus den Theatern von Hauptmann's tragischer „Elga", von Gordin's ,,Kreutzersonate" bder von Tbomascbefsky's „Talmudstudent" kommt. Die beiden langen Säle wurden nun in eine viereckige Halle zusammengezogen und Klavier und Orchester in die Mitte plaziert, An einem Tische sitzen ein Journalist mit seiner Frau aus Kleinrußland (das Land, welches sich von Kiew bis zur Krim erstreckt) und ein Advokat, der mit dem Titel „Rat" angesprochen wird und über das Erlernen der italienischen Sprache durch phonographische Methode redet. „Wir Russen sind alle Linguisten" bemerkt er. „Ihr Amerikaner fühlt nicht die Notwendigkeit. Wo immer wir Verbannten eine Heimat finden, müssen wir eine neue Sprache erlernen. Zwang macht uns zu Linguisten wider Willen. Bei Euch ist es nur freie Wahl." Der Journalist ist Musi {-- und TbeaterkritiUer im Stabe einer führenden konservativen Tageszeitung, mit deren Redigierung seine kühnen sozialistischen Sympathien nur selten übereinstimmen. Seine Frau stammt aus einer bekannten Sozialistenfamilie und ein Bruder von ihr ist der Autor des jüngsten Buches über die Philosophie von Karl Marrx. Auf der anderen Seite des Saales ist die Gesellschaft des einzigen, jüdischen Repräsentanten in der Legislatur eines großen, westlichen Staates, des ersten Hebräers in den legislativen Hallen einer skandinavischen Vereinigung versammelt. Vielleicht ihm zu Ehren stimmt d^s Orchester einen Sousa=Marscb, „Unter dem Sternenbanner" an, der von der ganzen Gesellschaft mit Applaus aufgenommen wird. Obwohl er den Namen eines der Pilgerväter trägt, ist er in seiner Liebe zum Landleben ein echter Westländer. „Es ist ganz schön, nach New=York zurück zu kommen", sagte er; „aber es ist doch nirgends so wie im Westen." Piaton Brounoff und seine Familie sind heute Abend hier und sein Schüler erbebt sich um ein Lied Brounff's zu singen, das die heutigen Juden humoristisch unter den Namen „Kleine Salomons" und „Kleine Mosese" beschreibt. Das Lied ist im Ghetto außerordentlich populär, obwohl viele seinen Ton zu leicht und zu spottend finden. In der Nähe des Orchesters saß während der ganzen Zeit eine plumpe, dunkelhaarige Frau mit <?iner Strickarbeit in den Händen. Ihr gegenüber ihr Gatte. Sie ist ein anerkannter Liebling und als sie sich zum Singen erbebt, ertönt allgemeiner Applaus. „Es steht dafür, sie zu hören", wird rundum geflüstert. „Sie it>t Italienerin und sang in der Gesellschaft Caruso's in Italien, ehe er berühmt wurde. Der Kellner wartet auf unsere Befehle. Wir wählen Borscbt und Blinces, eine Art Topfen=Omelettes mit Creme-- Ueberguß, die als Spezialität des Hauses serviert werden. Noch einmal ertönt Musik. Diesmal aus Glinka's Oper „Nitalka Poltanka". die nach ihrer Heldin so betitelt ist. Durch und durch russisch, stimmungsvoll, traurig, ein» tönig, mit viel Süße und noch mehr Weh, mit Ausbrüchen fremdartiger Leidenschaft und Rückfällen in das gleichmäßige Tempo lastenden Verhängnisses bat Glinka den Geist seiner Nation in die Partitur seiner Oper gewoben. Das Geräusch des an die Fenster schlagenden Regens und das Tröpfeln von dem Oberlichte bereitet uns, während wir die Treppe hinabsteigen, auf nasse Trottoirs und über* schwemmte Straßen vor. Brounoff's Gesellschaft eilt um einen Wagen. Während wir im Hausflur auf einen zweiten warten, fluten die ersten, zarten Takte von Schubert's „Ständchen" aus dem offenen Fenster. Der große, russische Journalist schaut auf seine Frau hinab. „Ich muß dabe immer an einen Burschen denken, der sein Liebchen erwartet", sagt er. Nun beginnen die Worte des Ständchens — Heine's Verse in russisch — voll Scbeideweb und süßer Ungewiß* heit. Wo das verbannte Rußland sich gesellig zusammenfindet, muß immer Musik sein. t^£XS§^=3 Den Kindergarten in Beirut. (Subventioniert vom Berliner „Hillsverein der deutschen Juden" mit 2300 Frcs).