Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 2 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 2 Auch im folgenden Kapitel „Zur Philosophie der jüdischen Geschiche'', steht Dr. Joseph auf der Höhe der Aufgabe, die er sich gestellt. Insbesondere, was er über die Gefahren sagt, welche die Tätigkeit Mendelssohns, ohne daß dieser jene ahnte, für das Judentum heraufbeschwor, verdient mit Andacht gelesen und in unserer Zeit besonders beherzigt zu werden. In einem „Anhange'' wendet sich der Verfasser, der uns durch alle verschlungenen Pfade geführt, die das Judentum seit der Zerstörung des ersten Tempels gewandelt, mit starken Worter. „an die Anhänger einer restlosen Assimilation", an die Kathenau, Benedikt Levita und Elias Jacob Fromer, an diesen ,,sonderbaren Schwärmer*', der aus einer russischpolnischen Jeschibah ausging und beim „Untertauchen" endete, ein Radikalmittel, das er, ein zweiter Doktor Eisenbart, seinen Volksgenossen als Heilung für alle ,,Judennot" dringend in zwei fast schon vergessenen Schriften empfahl. Der reiche Inhalt des vorliegenden Buches konnte durch diese dürre Besprechung nicht einmal ganz angedeutet werden. Möge es fleißig gelesen werden! Gelehrte und Ungelehrte, Assimilanten, Nationale und Zionisten, aber auch diejenigen, welche uns schon halb den Rücken gekehrt haben und sich nur schämen, dies einzugestehen, mögen es fleißig studieren. Wir empfehlen aber auch die Lektüre den Fachkollegendes Verfassers. Ihnen besonders, auf daß sie in ihren belehrenden Vorträgen, die sie vor ihren mehr oder weniger „andächtigen Zuhörern" abhalten, sich auf den Boden stellen, auf dem allein die Zukunft des Judentums erblühen kann: auf den Boden der Nation. Weg mit dem leeren Gerede, und vorwärts auf das reale nationale Gebiet! — MABEL AGNES LORENZ: Cr^X3§^3 Das Raffeehausleben im Ilew-Horher Ghetto. (Schluß). Im Cafe Malbin's in Grand Street wird die Musik durch einen elektrischen Anschluß beigestellt und scheint ausgesprochen modern zu sein. Das Pathos von „Wenn du nur mein wärst, Liebchen" bat hier die stimmungsvollen Melodien von Groß= und Kleinrußland verdrängt. Wie gewohnlich ist die Speisekarte in englisch und weist ein Gemisch deutscher, ungarischer, französischer und russischer Gerichte auf. Will man mit etwas kaltem, sauerem beginnen, dann ist „Barszcz" zu empfehlen. Es ist eine rosafarbene rote Rübensuppe, die mit einem schäumigen Gerinnsel bedeckt und bei dem Volke des weißen Czaren besonders beliebt ist. Sie essen sie mit hölzernen Löffeln und oft sitzen zwei oder drei Bauern auf dem Boden, um eine Schale voll zu teilen. Köstliche Pumpernickel und Stückchen ungesalzener Butter sind die passenden Beilagen. Malbin's Gäste gehören den wohlhabenden Mitgliedern der Gemeinde an und sind zumeist Geschäfts- oder Gewerbsleute. Dieses war bisher das beliebteste russische Cafe, doch jetzt teilt es sich mit dem „Russischen Gasthaus" in die Ehren, denn der Grad der Beliebtheit wird immer von der Summe an Talenten und Gelehrsamkeit, die gleichzeitig an einem Orte versammelt werden können, bestimmt, fln einem Tische sitzt ein kleiner, intelligent aussehender Mann, der uns als „Präsident der russischen Revolutions=Gesell« sebaft in Amerika" bezeichnet wird. Er hat durchaus keine Aebnlicbkeit mit unserer Vorstellung von einem Träumer und Enthusiasten und wir sind daher nicht überrascht, zu hören, daß die russische Revolutions=Gesellscbaft, wie die meisten Vereinigungen, hauptsächlich darin besteht, Geld von ihren Gönnern aufzubringen. „Aber es ist ja gar keine Revolution" protestieren wir. „Was geschiebt also mit dem Gelde? Schaff t man Bomben und Handgranaten dafür an?" Unser Scherz wird nur mit dem ironischen, russischen Lächeln beantwortet, das man ebenso als Zustimmung wie als stumme Versicherung, daß bei unserem vollständigen Mangel an Verständnis jede Antwort oder Erklärung müßig sei, auffassen kann. Verbannung wehrt selbst den Inpuls gegen die Diskretion ab. Wenn man wissen will, wie ein Dichter ein Restaurant führt, um Müsse zum Schreiben zu gewinnen, gebe man manchmal in ein besebeidens Cafe gegenüber der Educational Alliance und dort kann man den einzigen Dichter von Epigrammen, Wortspielen und Satiren, den dieses Volk bat, an der Arbeit sehen. Das Lokal ist klein, die Tapeten häßlich, die Tische spärlich, aber der Tee ist gut und ange* blich sind wir ja wegen des Tee's gekommen. Der Dichter, ein schlanker, ergrauter Fünfziger, sitzt mit dem Rücken an einem seiner eigenen Tische, lieber einen großen Bogen Propatriapapier gebeugt, schreibt er von rechts nach links die viereckigen, gleichmäßigen Buchstaben eines Epitaphs, wel» cbes er für einen hervorragenden, russischen Bankier in Boston komponiert. Der Poet erhebt sich mit einer Entschuldigung, um seinen Rock anzuziehen. Seine Frau bringt die Teegläser berein, während er wieder daran gebt, Wort gegen Wort abzuwägen. Doch manchmal beteiligt er sich ein Weilchen an der Konversation und zweimal klettert er zu dem hohen Fach hinter dem kleinen Zahltisch hinauf, wo er Manuskripte und Bücher aufbewahrt hat. Außer einer Sammlung amerikaniscb=patriotiscber Lieder, die er ins Hebräische übersetzte, hat er bereits zwei Bücher veröffentlicht. Sein „Massechet Amerika" (Abhandlung über Amerika) ist eine sprechende Satire auf die Ver* hältnisse, denen sein Volk in diesem Lande begegnet. Ein gleich verdienstvolles Werk, in einer lebenden Sprache geschrieben, würde seinen Autor weltberühmt gemacht haben; aber da es In modernem Hebräisch geschrieben ist, schneidet es ihn für immer von einem größeren Publikum ab. Doch auch in seinen Epigrammen ist Humor und Originalität. Fünfhundert dieser Gedichte bat er in einem Bande — dem ersten von zweien — gesammelt. Der Zweite wird nicht früher erscheinen, bis er nicht noch fünfhundertundfunf Lieder geschrieben, damit es gerade tausendund* fünf sind. Denn Rosenzweig muß immer auf etwas anspielen. Wie seine ganze Rasse, reicht sein Gedächtnis mehr als zwanzig Jahrhunderte zurück, bis auf Salomon, der „weiser war als alle Menschen, als Ethan der Ezrabite und Heman und Chalcol und Därda, die Söhne Mabol's und sein Ruhm war in allen Nationen rundum. Und er sprach dreitausend Sprüche; und seine Lieder waren tausendundfünf." Wir geben, kaum wagend, uns zu verabschieden, so vertieft ist der Poet wieder in seinen Bostoner Auftrag — eine Grabschrift mit Unterbrechungen. Die Rechnung ordnen wir mit seiner Frau. Seine Gedanken sind bei den Leben* den und Toten; er hat keinen Sinn für das Einwechseln von Silber. Wir durchschreiten den Seward Park, der einer gleichgiltigen Stadt so schwer abgerungen wurde und die vagen Lichter anderer, kleinen Cafe's btinken einladender zu