Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 2 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 „Neue National-Zeitung" Seite 3 gegen die fahnenflüchtigen Renegaten, welche nur eine Rettung für das große Judenproblem und die gewaltige Judennot kennen: Uebergang in das fremde Lager. Die große Frage, welche Dr. Joseph in seinem Buche mit dem Aufgebote einer eingehenden Kenntnis des Judentums, seiner geschichtlichen, philosophischen, nationalen, religiösen, kulturellen und sozialen Entwickelung behandelt, wurde von Moses Hes s bereits im Jahre 1862 zum Gegenstande einer gründlichen Untersuchung und geistvollen Arbeit gemacht. *) Hess widmet sein Buch „den hochherzigen Vorkämpfern aller nach nationaler Wiedergeburt ringenden Geschichtsvölker." Seit diesem Jahre hat das Judentum in West- und Osteuropa wieder ein Stück Geschichte durchlebt, und wir können nicht behaupten, daß man es als ein erfreuliches bezeichnen wird. Die Juden West-Europas, die sich ihres Liberalismus rühmen und sich als eine israelitische Religionsgemeinschaft" bezeichnen, haben den nationalmessianischen Glauben und alle nationalen Zukunftshoffnungen aufgegeben, und da man schon ein Ideal besitzen muß, um auf eine Existenzberechtigung hinweisen zu können, haben sie, oder besser gesagt ihre Rabbinen, sich mit einem solchen, und zwar dem einer nebelhaften M i s s i o n, ausgestattet. Diesem Judentum des Westens steht das ganz anders geartete des Ostens gegenüber, welches unter anderen Verhältnissen sich entwickelte und in dem der nationale Gedanke dnrch die Keulenschläge blutiger Pogroms zum Erstarken gebracht wurde. Ein weiter Weg führt von Hess zu Joseph. Und wenn wir die Werke der Beiden vergleichen, so werden wir sehen: er wurde von uns Juden zurückgelegt, nicht ohne, daß wir die Lehren der Gegenwart beherzigt und uns mit ihrem Inhalte ganz erfüllt haben. So zeichnet sieb das Werk Josephs durch einen festgefügten, systematischen Aufbau aus. Es spiegelt alle Ideen wieder, welche große Denker, Philosophen, Soziologen und Anthropologen unserer Zeit zum Ausdrucke brachten. Dr. Joseph ist ein wahrhaft religiöser Jude und doch erkennt er, wie lose das Gelüge des Judentums sein müßte, wenn dies nur auf Konfessionalismus beruhte. „Das Nationale kann von dem religiösen Judentum nicht nur nicht abgelöst werden: Das religiöse Judentum hat vielmehr umgekehrt seinen Ursprung und seine Voraussetzung ganz und gar im nationalen Leben, Bewußtsein und Daseinswillen Israels." Diesen Satz mit aller Schärfe zu beweisen, ist die Aufgabe, die sich sein Verfasser stellte und strenge, das werden auch seine Gegner zugeben müssen, durchführte. Und er hat dies, ausgerüstet mit allen Waffen, welche die neueste Wissenschaft in seltener Fülle darbietet, getan. Im ersten Abschnitte ebnet ersieh gleichsam den Boden für den Bau, den er errichten will. Er zeigt, wie unhaltbar ein „entnationaiisiertes Judentum" sei, unhaltbar in logischer und realer Beziehung. Alles im Judentum hat nationalen Ursprung, seine Dogmen, seine Feste, seine Gebete, wobei er unter Dogmen die Glaubenssätze im Gegensatze zu ihrer Betätigung im religiös-praktischen Leben versteht. Wer aber dem Judentum den nationalen Boden entziehen *) „Rom und Jerusalem, die letzte Nationalitätsfrage", Briefe und Noten, Leipzig, Eduard Wengler, 1862, vor einigen Jahren in neuer Auflage erschienen. will, der nimmt ihm seine Daseinsberechtigung und seine ganze Zukunft. Sehr gut zeigt dies der Verfasser an einigen konkreten Beispielen, so am Sabathgebote. Es wird bewiesen, wie ein Judentum, das nur Religionsjudentum sein will, auf Schritt und Tritt, Lehre und Leben im Widerspruch bringt und geradezu entsittlichend wirkt. Nach unserer Ansicht rennt hier der Verfasser offene Türen ein, in dem er etwas haarscharf nachzuweisen trachtet, was für jedermann, der sehende Augen hat, offen zutage liegt und das nur von denjenigen geleugnet werden kann, welche, ganz erfüllt von assimilatorischen Anschauungen, das Betonen des nationalen Elements, wie einen leibhaftigen Beelzebub, scheuen. Gerade wir Juden sollten stolz darauf sein, daß unser ureigenstes nationales Produkt die Religion ist, daß unsere Propheten, Lehrer, Männer der Wissenschaft ihre wahre Größe dann zeigen, wenn sie aus dem Boden der Nation emporsteigen. Das nationale Moment müssen wir in einer Zeit betonen, in der man von einem Panbabylonismus spricht, und was jüdischnationales Eigentum ist, aus der ziemlich nebelhaften babylonischen Kultur ableiten möchte.*) Auch das Christentum ist ursprünglich ein nationales Produkt des Judentums, wie sich dies aus mehreren Stellen, namentlich des Matthäus-Evangeliums**) deutlich ergibt. Die künftige nationale Wiedergeburt, s i e bildet das messianistische Ideal des Judentums. Ohne die Hoffnung auf diese Wiedergeburt wäre das Judentum aufgesogen worden, wie manch' anderes Volk des Altertums, dessen politische Kraft stärker und mächtiger war, als die der Juden. Diese Hoffnung auf eine nationale Auferstehung hat mit dem Missions- Ideal nichts zu tun. Dieses ist ein leeres Hirngespinst, gut genug, mag es auch von Kanzeln verkündet werden und gedankenträge Querköpfe in einen süßen Schlummer einwiegen. Mit den stark und kräftig verkündeten Worten von dem nationalen Wiederaufleben des jüdischen Volkes, wie wir sie von unseren Propheten hören, hat das Gefasel von einer „Mission", welche das Judentum auch heute noch angeblich zu erfüllen habe, nichts gemein. Geschwätz können wir es nennen, da wir den Ausdruck „Geschwefel" nicht gebrauchen wollen. Im zweiten Abschnitte führt der Verfasser aus, wie das Judentum nur einen nationalen Charakter aufweist, seine Religion eine Schöpfung des „nationalen Lebenswillens" ist und Israels Stolz darin zu suchen sei, daß es „das Volk der Religion ist". Im 4. Kapitel dieses Abschnittes betrachtet der Verfasser den „Zionismus als Lösung des jüdischen Problems". Es bildet dieses Kapitel, in welchem die Begeisterung des Verfassers uns förmlich fortreißt, so daß wir ihm fast atemlos folgen, den Höhepunkt seiner Darstellung. Die feinen Ausführungen über Kultur- und politischen Zionismus gehören sicherlich zu dem Bedeutendsten, was über diesen Gegenstand geschrieben wurde, der, wir können es unumwunden sagen, alle Intellektuellen im Judentum jetzt mächtig bewegt. Der Zionismus ist und bleibt der Ausdruck des starken Lebenswillens des jüdischen Volkes, der nie erstarb und nie vergehen wird. *) Delitzsch, Babel und Bibel l. Man vergleiche auch Max Werner: Das Christentum und der Monismus, Verlag von Karl Curtius, Berlin, 1908, Kap. 7. Israel und Babylonien. ••) Matth. Ev. I. Kap. Geschlechtsregister Jesu VII. 6, VI. 32, wo Israel in Gegensatz zu den „Heiden" gebracht wird; u. a, m.