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Neue Nationalzeitung · 1909-01-15 · Heft 2 (15.1.1909) · p. Seite 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 2 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite L' auch Legionen von kleinen Beamten, die bei den Propinationen angestellt sind. Sie alle verlieren im Jahre 191U ihre Existenz. Die Propinationen werden aufgelöst, und ihre Bediensten, durchwegs Juden, Familienväter, zumeist mit Wochengehalt von 1«) bis 20 Kronen, müssen sich nach einem anderen Erwerb umschauen. Sie werden ihn nicht, finden, denn sie haben nichts unseres gelernt; auch ihre Väter und Großväter waren bereits bei den Vorfahren ihrer Chefs in Dienst. Der Brantweinschänker, der sein Geschäft aufgeben muß, kann nichts anderes anfangen, denn er hat ebenfalls nichts gelernt und er hat auch gar kein Kapital. Der Brantwein-Ausschank war bisher die Domäne der Allerännsten. Ihr ganzes „Betriebskapital" besteht oft in einem Lit.r Schnaps. Kür diesen zahlen sie an den Propinator K l'ÖO bis K 2 und haben sie den Schnaps mit einem Profit von K 1 bis 2 verkauft, dann kaufen sie wieder einen Kiter. Die Zahl der Brantweinschänker innerhalb des Propinations-Rayons war unbeschränkt; der Propinator durfte soviel einsetzen, wie er nur wollte. So linden Sie in der kleinen Ortschaft Weldzierz, einem Fabrikszentrum, bis zwanzig Schänken. Im nächsten Jahre soll es anders werden. Die Propinationen hören auf; die Zahl der Brantweinschänker wird bedeutend herabgesetzt, sie werden „konzessioniert". Die Konzession erteilt der Bezirkshauptmann nach freiem Ermessen, unter Rücksichtnahme auf den Lokalbedarf. Der Obmann der polnischen Volkspartei, Abg. Stapinski, hat bereits im Polenklub erklärt, Juden dürfen keine Konzessionen bekommen, man müsse die Juden chikanieren..... Was soll nun mit den 20.000 Juden, die jetzt vom Brantwein-Ausschank leben, geschehen? Im Lande ist für sie keine Arbeit. Sollen sie auswandern? Wohin? Nach Wien, Deutschland, London, Amerika? Diese 20.000 Juden, wenn sie ins Wandern können, können zu einer eminenten Gefahr werden, für die Juden Europas und Amerikas! Jetzt will das Niemand sehen, weder die Assimilanten noch die Zionisten, und beide behaupten, die Beglückung der Juden monopolisiert zu haben. Wo bleiben die anderen patentierten Beglücker des Judentums: „Der Hilfsverein für Galizien", die „Wiener Allianz", die „Union"? .... Sie alle warten; bis die Lawine ins Rollen kommt, und nicht mehr aufzuhalten ist. Ich habe b!os einen Fall herausgegriffen, um Ihnen zu zeigen, wie segensreich Ihr Blatt wirken kann, wenn Sie wieder dort anknüpfen, wo Sie . . . . . . . vor zehn Jahren begonnen haben: „Unter jüdischen Proletariern". Ich lebe im Volke und so sage ich Ihnen: Das Volk ist müde der Phrasen aller bisherigen „Parteien". Die Mehrzahl der Million galizischer Juden hungert und darbt. Es herrscht eine politische Apathie. Haben Sie den Muth, das Phrasengewäsch über Bord zu werfen und wirtschaftliche Reformen zu propagieren, dann haben Sie der galizischen Judenschaft den größten Dienst geleistet. Prof. Dr. M. Grünfeld: „Das 3udenfum am Scheidewege." Die großen Fragen über das Wesen des Judentums und seine Zukunft beschäftigen heute mehr denn je alle Denkenden und Fühlenden in unserer Mitte. Religionsjudentum und Nationaljudentum stehen in den schweren Kämpfen dieser Tage einander fast feindlich gegenüber. Und die große Schicksalsfrage tritt, wie schon in früheren Epochen unserer mehr als tausendjährigen Geschichte an uns heran: Wird dieses so oft schon totgesagte Israel auch die schwere Krise, welche es jetzt zu bestehen hat, überwinden können? Sagen wir es gleich: Der Verfasser des uns vorliegenden Buches: „ D a s J u d e n t u m am Scheidewege, " *) D r. M a x Joseph (R a b b i n e r i n Stolp i. P.), bejaht diese Frage in kräftigen, lebenswarmen Tönen, welche jeden jüdischen Leser aufzurichten und zu stärken vermögen. Er nennt sein Buch, das eine charakteristische und bedeutsame literarische Erscheinung unserer, von Kämpfen aller Art wiederhallenden Zeit genannt werden muß: „Ein Wort zur Schicksalsfrage an die Starken und Edlen des jüdischen V o 1 k e s," und schon aus dieser Bezeichnung wird man zu erkennen vermögen, daß der Verfasser ganz erfüllt ist vom modernen Geiste des Lebens-Willens, der Lebensbejahung, welche besagt: „Leben und Tod hat das Schicksal in euere Hand gegeben! Wählet das Leben!" Zwei moderne Ideen stellt der Verfasser des vorliegenden Werkes gleichsam als die Rettungsanker des Judentums inmitten der vernichtenden Wogen der Assimilation und des Kosmopolitismus hin. National i t ä t s b e w u ß ts e i n und Rassen e rken n tnis. Nur als Nation, indem es erkennt, daß seine Religion ein nationales Produkt ist, kann das Judentum auf eine Zukunft rechnen, nur wenn wir einsehen, daß wir eine Rasse bilden und „vielleicht die stärkste, zäh est e, ausgeprägteste in ganz Europa.'" Das Judentum nur als eine Religionsgemeinschaft hinstellen, heißt es entmannen; das Judentum „entnationalisieren", seinen Selbstmord predigen. Wie man sieht, sind es gar starke Töne, die der Verfasser anschlägt, aber jeder, der sein Buch liest, wird es nicht ohne die Ueberzeugung aus der Hand legen: Hier spricht ein Mann der Wahrheit, der nichts zu verhüllen und zu bemänteln hat, der nicht den Orthodoxen gegenüber den Liberalen, und diesen gegenüber den Reaktionären spielt. Und ein solcher Mann, welcher den Mut der Wahrheit besitzt, fehlt uns heute gar sehr. Aus jedem Worte des vorliegenden Buches spricht eine Persönlichkeit, die nicht gewillt ist, sich vor den Schlagworten unserer Zeit zu beugen, sondern kühn den Fehdehandschuh aufnimmt und das streitbare Schwert schwingt gegen die Heuchler, welche Lehren verkündigen, an die sie längst nicht mehr glauben, und *) Berlin 19US, Verlag von M. Poppelauer,

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