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Neue Nationalzeitung · 1909-01-01 · Heft 1 (1.1.1909) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 11 (sequence 13)
Language
German
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Eine Komiteesitzung. Von Dr. Moses Ahronsohn. Szene: Ein mit allerfeinstem Luxus ausgestattetes Boudoir der Präsidentin des „Vereins für Unterstützung und Beköstigung von Kindern weiblichen Geschlechtes." Draußen schneit's und herrscht grimmige Kälte. Das Boudoir ist wohl durchwärmt. Der berauschende Duft eines geheimnisvollen Parfüms durchweht es. Personen: Die Präsidentin. Ein Beirat. Ein Mitglied des Mädchenkomitees. Ein Student. Eine ältere Dame. Ein älterer Herr. Die Präsidentin: (Dame in den Vierzigern. Trägt die großen Hüte mit den großen Straußledern. Sehr elegante Toilette. Der Gatte stellt ihr große Geldmittel zur Verfügung und nichts in den Weg. Da sie viel Zeit hat, kann sie sich auch viel der „Wohltätigkeit" widmen. Ihre Kinder bereiten ihr keine Sorge, denn von diesem Segen besitzt sie nichts. Sie liest nur das Allermodernste. „Das hohe Lied" liegt auf ihrem „Arbeitstische", aber nicht das von Salomo, sondern von Sudermann.) „Meine Damen und Herren, ich habe Sie einberufen, um eine Beratung darüber zu pflegen, in welcher Form wir ein Wohltätigkeitsfest für „unsere Kinder" veranstalten wollen. Die Zeit ist jetzt günstig und die Leute sind zum Geben mehr denn sonst bereit . . . „Man räuspert sich mit hörbarem Geräusche. Das geniert die Rednerin aber nicht, welche mit erhobener Stimme fortfährt: „Die schöne Weihnachtszeit ist nun einmal die Gebezeit. Daran läßt sich nicht zweifeln. Kommen Sie mir nur nicht wieder mit beschränkten Anschauungen und führen Sie unseren Karren nicht auf das nationale oder religiöse Gebiet. Die Wohltätigkeit ist nun einmal international und kosmopolitisch". (Diese Ausdrücke entnimmt unsere Präsidentin der jj Zeitungslektüre, die sie in ihrem Kaifeehause eifrig betreibt. Auch ist sie wirkliche Ahonnentin des „Simpli^issimus" und überflüßig dies anzumerken, der „Neuen freien Presse". In dieser sind oft „Eingesendet" von ihr zu lesen.) Der ältere Herr: (Sechziger, Hornkneifer, Patriarchenbart, wohl gepflegt, sorgfältige Toilette, ehrwürdige Glatze, spöttischer Gesichtsausdruck, kluge Augen.) „Ist die Wohltätigkeit, wie unsere geehrte Präsidentin, ebenso schön, wie herzergreifend bemerkt, international und kosmopolitisch, so habe ich nichts dagegen, wenn auch unsere nichtjüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in unseren Verein eintreten und uns ihr Scherflein beitragen. Sie werden sich aber überlegen, dies zu tun. International und kosmopolitisch sind wir, indem wir für alle Kirchenbauzwecke, St. Josefs- und andere Vereine mit heiligen Namen beitragen, die verschiedenartigsten Weihnachtsbäume schmücken, w i r bekommen allerdings von den Anderen nichts. Bleiben wir also „beschränkt" und auf unserem nationalem Gebiet. Vor der Religion will ich lieber gar nichts reden, denn der Artikel scheint heute wirklich ein überwundener Standpunkt zu sein. (Ironisch). Veranstalten wir demnach eine Art Chanukkafeier. Vorträge, Musik, meinetwegen auch Tanz. Ich ziehe mich, während die Leutchen walzen auf meine Tarock- Partie zurück." Der Beirat: (Mitglied des Kultus-Gemeinde- Ausschusses. Natürlich Millionär. Macht viel in Kahal- Angelenheiten. In seinen Mußestunden Börseaner. Gefürchteter Baissier. „Weiß etwas vom Judentume." Trägt nur modernen Zylinder und eleganten Pelz. In der Wohltätigkeit zurückhaltend.) „Mein sehr verehrter Herr Vorredner scheint vergessen zu haben — und ich verüble ihm dies nicht, daß wir mit einer Chanukkafeier post festum kämen, denn Chanukka ist vorüber. Die Herrschaften sind eben mit dem Synagogen]ahre auf nicht sehr vertrautem Fuße und kommen wenig in die Synagoge. Und dcch war grade heuer am Chanukka die Predigt Sr. Ehrwürden des Herrn Oberrabbiners so schön, wirklich zu Herzen gehend. Wir vom Kultus-Ausschusse haben die Pflicht, in die Synagoge zu gehen und tun es auch hie und da . . . Doch kehren wir zu unserem Thema zurück. Ich beantrage eine Vorlesung einer Hofschauspielerin zu veranstalten. Für Geld und gute Worte wird sich schon Eine finden, die dies tut. Natürlich müssen wir für einen wohlgefüllten Saal sorgen. Das Thema der Vorlesung überlassen wir der Vorleserin. Am liebsten wäre es mir, wenn sie die modernsten Dichtungen wählte. Das zieht noch am allermeisten." Die ältere Dame: (Sehr feines, kluges Gesicht, üppiges weißes Haar, geschmackvolle Toilette, überlegener Gesichtsausdruck.) „Ich verstehe eure Welt nicht mehr. Der Herr Vorredner prunkt mit der Rede des Oberabbiners, geht in die Synagoge, ist Mitglied des Gemeinde-Ausschusses und wünscht, daß zum Zwecke unserer Wohltätigkeit, eine Schauspielerin moderne Gedichte lese. Meine Damen und Herren, entschuldigen Sie, aber Sie bewegen sich in lauter Widersprüchen. Da kann ich nicht mittun." (Hörbares Kopfschütteln. Die Präsidentin wird nervös. Der ältere Herr lächelt sehr sarkastisch. Dem Beirate wird die Situation unbehaglich. Der Student, man merkt's — rüstet zu längerer Rede.) Der Stüde nt. (Bleicher Jüngling, Jurist in vorgerückten Semestern, hat zwei Staatsprüfungen unter vielen Schmerzen glücklich überwunden. Sohn reicher Leute hat sonst weniger in Büchern, als in den Geheimnissen der Residenz studiert; sehr modern, dem

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