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Neue Nationalzeitung · 1909-01-01 · Heft 1 (1.1.1909) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 7 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 1 „Neue National-Zeitung" Seite 7 Beim Fortgeben blicken wir noch in einen anstoßenden, längeren Raum. Dorthinein geben nur Männer; die Preise sind billiger und viele behalten ihre Hüte auf steife Hüte im August. Die Kellner tragen russische Blousen aus rotgetupftem Kalikot. Einer von ihnen, der mit dem rotbraunen Haar, gleicht eher einem Burschen aus Irland als einem Stiefsohn des Czarenreiches. Einige der Männer tragen Röcke, einige sind in Hemdärmeln und so lungern sie an den kleinen Tischen, haben die flachen, weißen Teekannen mit den großen, schwarzen Initialen vor sich und über dem Ganzen hängt eine dichte Rauchwolke. Je weiter die Zeit vorrückt, desto mehr Gäste kommen, denn der Russe bat einen langen Arbeitstag und sein Abend beginnt erst um neun Uhr. Schlafen muß er. (Schluß folgt.) Östeiweicb-Ungarn. Das Budget der Kultusgemeinde. Wien, 27. Dezember. (Orig.-Korr.) In der öffentlichen Sitzung des Kultusvorstandes würde heute das Budget für das Jahr 1909 dem Plenum unterbreitet. Vorstandsmitglied Max Frank erstattete hierüber ein sehr instruktives Referat, in welchem sämtliche Detaiis eingehend beleuchtet wurden. Wir entnehmen diesem Referat die wichtigsten Daten: Das Referat. „Sehr geehrte Herren! Ich beehre mich, Ihnen hiermit den Voranschlag der Finanzgebahrung unserer Gemeinde für das Jahr 1909 zu unterbreiten, wonach sich die Ausgaben mit K 3,035,236.12, die Einnahmen mit K 2,954.062.79 stellen, so daß sich ein rechnungsmäßiger Fehlbetrag von K 8t.173.33 ergibt. Bevor ich auf die so naheliegende Vergleichung mit dem letzten Budget und die Aussichten ».les kommenden Finanzjahres eingehe, will ich die einzelnen Abschnitte, wenn auch ohne allzusehr ins Detail zu gehen, hier erörtern. Abschnitt A, Bethäuser, Kultus und rituelle Angelegenheiten weist eine Erhöhung der Ausgaben von zirka K 20.000.— gegen das letzte Budget auf, welche durch die Einbeziehung von Floridsdorf und die daraus unserer Gemeinde neu erwachsenden, fast K 20.000.— betragenden Kosten, begründet ist. Abschnitt B, Unterrrichtsangelegenheiten, hat ein Mehrerfordernis von zirka K 7000.—, welches hauptsächlich durch die im Vorjahre aus der Reserve entnommenen und heuer neu eingestellten K 8000.— Teuerungszulage an Religionslehrer, Seite 43. Post 54, erwachsen ist. Abschnitt C, Friedhofs- und Beerdigungsangelegenheiten, weist eine Mehr ein nähme von K 75.000.— gegen das letzte Budget aus. Abschnitt D, Israelitisches Spital hat einen Minderbedarf von K 8600.— gegen den letzten Voranschlag, weil die Einnahmen aus den Verpflegsgebühren, Seite 78, Posten 60 bis 62, unter Zugrundelegung des Ergebnisses im Jahre 1907 und des neunmonatlichen Ergebnisses in diesem Jahre um K 5000.— höher angenommen sind. Abschnitt E, Versorgungsanstalt und Siechenhaus, hat ein M e h r e r f o r d e r n i s von K 2000.— infolge der Gehaltsregulierung. Die Armenpflege. Abschnitt F, Armen- und Wohltätigkeitsangelegenheiten. Hier ist ein .Mehrer fordernis von zirka K 25.000.--- angenommen. Die wirtschaftliche Notlage, unter der in allererster Linie wir Juden am meisten mitzuleiden haben, kann keine bessere Illustration linden, als eben in der alljährlichen Steigerung dieses Kapitels, und trotzdem bin ich der Ansicht, daß unter allen Umsiänden gerade dieser Abschnitt noch in ausgiebiger Weise wird ausgestaltet werden müssen. Denn ich kann ohne jede Einleitung und Begründung wohl die bedauerliche Tatsache feststellen, daß die Armenpflege bei uns sehr im Argen ligt, und daß eine moderne Reform derselben zweifellos nicht gut mehr aufgeschoben werden darf. Wir verausgaben jährlich eine viertel Million Kronen für dieses Kapitel und weitere 40.000 Kronen als Subvention an solche Vereine, die sich mit Armenpflege befassen, zusammen 300.000 Kronen, also immerhin ein beachtenswerter Betrag. Welch ungeheurer Fortschritt wäre es, wenn man diese große Summe, anstatt wie bisher ungeregelt, von einer Zentralstelle aus verteilen oder mindestens kontrollieren ließe, und welche Summe von dauerndem Nutzen könnten wir dadurch schaffen. Auch ist es meines Erachtens eine der obersten Pflichten einer jüdischen Gemeinde für die verlassenen Kinder zu sorgen und ich kann uns den Vorwurf nicht ersparen, daß dies bisher nicht in entsprechendem Maße geschah. Die Gefahr, die von dieser Seite droht, wird nämlich vielfach verkannt und auch unterschätzt. Ich habe zu der Lebenskraft des Judentums viel zu viel Vertrauen, um es bedroht zu sehen, wenn etwa einzelne Kinder, was ja leider in der Tat vorkommt, dem Judentum abwendig gemacht werden, die weit größere Gefahr sehe ich vielmehr darin, daß solche Kinder, die zwar dem Namen nach dem Judentum angehören, aber nicht in jüdischem Geiste erzogen werden, auf Abwege geratend, der Judenschaft Schaden und Schande bereiten. Wir haben für diese Post in Anbetracht des schlechten Standes unserer Finanzen nur K 20.000.— eingesetzt, doch bin ich mir nicht einen Moment darüber im unklaren, daß dieser Betrag wird wesentlich erhöht werden müssen, wenn wir auf dem so überaus wichtigen Gebiete der Kinderfürsorge halbwegs erfolgreich wirken wollen." Es folgen noch die Kapitel „Finanzielle und administrative Angelegenheiten", Matrikelamt, Gebäudeinspektion und Technisches Amt u. s. w. Dann setzt Referent fort: „Wenn Sie nun, meine verehrten Herren, all diese einzelnen Posten zusammennehmen, so ergibt sich, wie bereits erwähnt, ein Fehlbetrag von K 81.173.33, also eine scheinbare Besserung gegen das letzte Budget, welches diesen Fehlbetrag von K 196.779.51 angenommen hat. Der Referent wird pessimistisch. Wie groß das Defizit des laufenden Jahres 1908 sein wird, werden wir erst nach erfolgtem definitiven Rechnungsabschluß bestimmen können, daß aber ein solches, wenngleich kein übermäßig hohes, vorhanden ist, steht leider bereits heute außer Frage, Und dieses ist umso bedauerlicher, da für absehbare Zeit an eine Reduzierung des Ausgabenbudgets nicht nur nicht zu denken ist, sondern wir vielmehr im Gegenteil mit Steigerungen zu rechnen haben, einer-

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