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Neue Nationalzeitung · 1909-01-01 · Heft 1 (1.1.1909) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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Seite'6 und an der Decke ist ein Oval elektrischer Kugeln, die von goldenen Wasserlilien überschattet werden, während jeder Tisch seine elektrische Lampe mit rotem Schirm und granatfarbenen Perlfransen hat. Ein Säulengang aus durchbrochener Holzarbeit teilt die Länge des Raumes. Wir nehmen an einem kleinen Tischeben Platz, von welchem man bequem die anderen Gäste beobachten und der aus Klavier, Violine und Kontrabaß bestehenden Musik lauschen kann. Eine breite Treppe führt zu einem großen, grün dekorierten Räume, der nur an Feiertagen benützt wird u. zw. sowohl an jüdi» sehen wie an christlichen, denn die Russen in Amerika halten ihre eigenen Feiertage, wann es ihnen beliebt und die des neuen Landes, wann sie müssen. Ueberall wird englisch gesprochen, ohne starken flecent. Die Wirte sind Russen und Oesterreicher; sie sind durchschnittlich fünfzehn Jahre im Lande. „Alle durch und durch amerikanisiert", sagt man uns. Wir bemerken die netten Kostüme der Frauen, die gelben Schuhe der Männer, den Ausdruck allgemeiner Zufriedenheit, und Wohlhabenheit, der den Ort erfüllt und indem wir den Wandel feststellen, den diese fünfzehn Jahre hervorgebracht, können wir der Behauptung ihrer Mitbürger, sie seien amerikanisiert, bei* stimmen. Die Gleichheit, die Rußland verlangte und nicht erreichen konnte, ist in der neuen Welt spontan gekommen. Litbauen, Russiscb»Polen, Galizien und Klein-Rußland hielten diese Leute einst als ein Mittelding zwischen Leibeigenen und Bürgern; es blieb dem Lande ihrer Verbannung vorbehalten, ihnen uneingeschränktes Menschentum zu geben. Der verstohlene Blick ist verschwunden; das gelegentliche Protzen kann man verzeihen. — Um einen Tisch ist eine echte Familie der alten Welt versammelt, obgleich sie in Kleidung und Sprache die neue Welt repräsentiert. Betagte Großeitern, ein Jüngling und ein Mädchen, auch der verheiratete Sohn mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern, die noch zu jung sind, um bei Tische zu sitzen und die Nahrung der Erwachsenen zu essen, sondern nur hie da ein Schlückchen aus Vaters Teescbale oder von Onkels schäumendem Bier bekommen. Lorber geht selbst durch das Lokal, bleibt stehen und begrüßt eine befreundete Gesellschaft. Er ist ein geborener Galizianer und war noch vor ein paar Jahren Kellner in einem East Side-Restaurant. Aber er ersparte Geld und besitzt dieses Cafe, das er musterhaft führt. Alles ist sauber und appetitlich, Der Kellner wischt den Tisch ab, während wir die Speisen-Karte studieren: Table d' böte Diner 40 Cents; mit Geflügel 50 Cents. Als Suppe wählen wir „Kaltes Saueres", das uns als das typischeste, russische Gericht des Menü's empfohlen wird. Es verdient wohl seinen Namen — eine ziemlich klare, in einer Schale servierte, weiße Suppe, voll Petersilien-Zweiglein, in der ein birnenförmiger, fester Körper schwimmt, welcher der scharfen Seite des Löffels lange widersteht und sich später als Kartoffel entpuppt. Man muß gerade nicht dazu geboren sein, „Kaltes Saueres" als Beginn der Mahlzeit zu goutieren, aber es entspringt öfter ererbtem als erworbenem Geschmack, dieses Gericht Abend für Abend zu bestellen und keine Spur von Kartoffel in den Tiefen der Schale zurück zu lassen. Mit der Suppe kommen gedünstete Aprikosen, aber da wir im Zweifel sind, wann wir sie essen sollen, lassen wir das Obst bis zum Fleiscbgange, für den es voraussiebt« lieh bestimmt ist, unversucht. Beim Entre schwanken wir zwischen gebackenen Porgies (eine Art Seefische), welche wir kennen und Kalbsgutasch, das uns ganz unbekannt ist, sich jedoch als gedünstetes Kalbfleisch, mit einem deutschungarischen Namen maskiert, herausstellt. Gebratene Gans, von Radieschen und eingelegten Gurken flankiert — die Gurken sind unvermeidlich — gebackene Bohnen und Kar* toffel, Salat und Dessert folgen aufeinander und zum Schluß Tee — dem amerikanischen Gaumen zuliebe, eisgekühlte Wer aber russischen Tee in echt russischer Atmospbäre trinken will, der gebe in die Grand Street zurück und wer die russischen Buchstaben auf dem Schilde lesen kann, der suche die Moskovski Traktir auf. In der Nachbar* schaff der Grand und Allen streets sagt man vielleicht nur einfach Rußkaya Gastinitza, was in der Uebersetzung ungefähr „Russischer Wirtshausgast" bedeutet. Dieses ist das neueste Restaurant und bat viele Gäste der anderen angezogen. Von einem Korridor mit roten Wänden gelangt man über mehrere ungleiche Treppenabsätze in den palmenge* schmückten Vorraum eines großen Restaurant's im zweiten Stock. An den spiegelpanellierten Wänden sind Trauben in Herbstfarben aufgehängt und von Pfeiler zu Pfeiler sind Weinlaub-Festons gezogen, die ebenfalls mit Trauben be* bangen sind. Von unserem Platze sieht man durch ein drehbares Schiebfenster, das den Zug abhält, auf die Stiaße. Wir bemerken die Verkaufskarren, welche längs des Rinnsteins in geschlossenen Reihen aufgestellt sind und die alles Mögliche von Tokaier Trauben pro \_, Pfund angefangen bis zu goldenen Hemdknöpfen das Paar zu fünf Dollar und unechten Brochen um einen Vierteldollar, feilhalten. Schauen wir herum, so sehen wir den Oberkellner zwischen den Tischen herumsteigen — lang, schwarz und melancholisch wie eine große Reproduktion der jüngeren Aufnahmen des Dichters Morris Rosenfeld. Die Wirte sind meist Leute, die noch nicht lange herüben sind und nicht Anspruch erbeben, als „amerikanisiert" zu gelten. Jeder einzelne, den wir sehen, ist ausgesprochen russisch. Erst später am Abend kommt eine Gesellschaft von Teutonen, an Wuchs und Gesichtsfarbe wie die Schweden, doch mit der Grazie der blondhaarigen Lombardei. Viele Handels* und Gewerbsleute sind im Lokale anwesend, denn dieses ist das russische Cafe de commerce. An einem Tische, in der Ecke, sitzt ein kräftiger Mann von 45 Jahren mit jungem Gesichte und einer Fülle wallenden, blonden Haares, der von Zeit zu Zeit zu der Musik des Orchesters singt. Das ist Piaton Brounoff, der Pianist und Komponist, ein Graduierter des kaiserlichen Konservatoriums in St. Petersburg unter Rubinstein und Rimsky- Korsakoff. Er ist in Amerika der einzige Vertreter der modernen, russischen Kompositionsscbule und ist der Komponist von „Das russische Dorf" und der russischen Marseillaise. Gerade bevor er in die Vereinigten Staaten kam, wurde seine große Ouvertüre „Rußland" von einem Orchester, das Rubinstein dirigierte, vor demCzaren aufgeführt. Dem Tische Brounoff's gegenüber sitzt ein hochgewachsener, junger Mann mit langem, dunklem Haar und weißer Halsbinde einer seiner Schüler, der des Abends hier singt. Das aus Mädchen und Männern bestehende Orchester hört zu spielen auf und Brounoff's Schüler schlendert durch das Lokal, um ein italienisches Lied zu singen, das mit Applaus aufgenommen wird. Dann spielt das Orchester eine beliebte russische Melodie, eine fremdartige Mollweise mit der ganzen Monotonie der Steppen im Rbytmus, die von Ausbrüchen wilder Heiterkeit unterbrochen, beweist, daß der Russe Stimmungsmensch ist. Immer wieder zu der feierlichen Eintönigkeit der Anfangstakte zurückkehrend, erstirbt sie schließlich in einem Säuseln, das uns ungewiß läßt, ob wir noch Musik oder nur den eigenen Pulsschlag vernehmen. Es ist das Lied „Geboren sein", welches wie Shakespeare's sieben Alter des Menschen, das Leben von der Wiege bis zum Grabe beschreibt. Es scheint dem Herzen manches dieser Russen teuer zu sein, denn mit der Musik treten, die Worte unbewußt auf ihre Lippen und als die letzten Noten verklungen sind, ist der Enthusiasmus so herzlich, daß die Moll- Passage in ihrer ganzen, trauervollen Schönheit wiederholt werden muß.

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