Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 „Neue National-Zeitung" Seite 5 schon Vieles geschrieben worden, (Stefan Zweig: E. M. Lilien. Sein Werk; Alfred Gold „Jüdische Künstler" u. v. a.), eine Unzahl Essays in englischen, polnischen, deutschen Revuen nicht mitgerechnet. Hier sollte bloß eine neue Epoche seines regen Schaffens in kurzen Umrissen gezeigt werden, eine Epoche, die MABEL Der Jude ist der inkurabelste Intellektuelle der ganzen Menschheit. Er mag an Leib und Seele darben; der Hunger vermag die seiner Rasse eigentümliche Lernbegier nicht zu erdrücken. Ohne eine Scholle sein eigen zu nennen, beansprucht er die weiten Gefilde der Seele als sein Erbteil und vergrößert seine Domäne Jahr um Jahr. Die Kunst war ihm einst durch eine irrige Auslegung der zehn Gebote verschlössen und die Tradition verbot ihm lange Zeit die Bühne. Aber er hat die Bande abgeworfen, die ihn gefesselt haben und er fühlt sich nun als bewußten Meister seiner Kräfte. In seinem Gbetto*Kaffee diskutiert er über Religion und Politik, über Reformen, Literatur, Moral, Musik und manchmal Wissenschaft. Der Gast, derein Diner mit mehreren Gängen bestellt, ist hier ebenso willkommen als jener, der sich mit russischem Tee begnügt. Alle namhaften Persönlichkeiten des New«Yorker»Gbetto's kann man früher oder später hier finden. Man muß nur ruhig sitzen und den Strom vorüberziehen lassen, denn diese Lokale auf der East Side sind ebensolche Klubs, wie es die Konversations« Räume von Boar's Head und Belle Sauvage in Marlowe's und Shakespeare's Tagen, die Cbocolade* und Kaffeehäuser, die Addison und Swift so gern beehrten oder der Cbeshire Cheese, wo Dr. Johnson das Gesetz niederlegte, waren. in der Geschichte moderner, jüdischer Kunst die inhaltreichste bleiben wird. Denn dieses wird Ephraim Moses Liliens unvergängliches Verdienst bleiben: er hat der neujüdischen Kunst zum Enstehen verholfen und hat sie wie kein zweiter vor ihm bereichert. Wir wenden uns vom Bowery in die Grand Street, kaufen von der gebeugten Alten, die am Fuße der Hochbabntreppe kauert, eine Zeitung, die in hebräischen Lettern gedruckt ist, und gehen dann langsam das breite Trottoir entlang, wobei wir den kleinen Jungen, die zu unseren Füßen spielen, ausweichen und vor den Männern zur Seite treten, die geradenwegs weitergehen, ohne unserer, als eines möglichen Hindernisses auf ihrem Pfade des Fort» Schrittes, zu achten. Gewöhnlich gehen sie zu zweit, immer, immer redend; entweder von dem neuen Stück im Jakob Adler«Theater oder vom letzten Pogrom in Rußland oder von dem Telegrapbisten-Strike, den die Union zu gewinnen hofft. Bei allen Ereignissen sind sie ernst und eifrig, ganz versunken in ihr Gespräch. Trotz unserer Abneigung, unter den nebligen Tropfen, die vom Hochbabngeleise herunter« rieseln, herum zu streifen, verschwindet unsere Unlust und wir müssen uns unwillkürlich mit Tennyson's „Fly upon tbe window pane" (Fliege an der Fensterscheibe) vergleichen. Nächst der Forsytb Street treten wir in ein Kaffee ein, vor dessen Tür aus einem Gefäß steifes, schütteres Buschwerk wächst und wir befinden uns in einem langen Räume, dessen Grundfarbe rot ist — die russische Lieblingsfarbe. Die Wände sind rot mit einem rot-goldenen Fries