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Neue Nationalzeitung · 1909-01-01 · Heft 1 (1.1.1909) · p. Seite 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 Neue National-Zeitung" Nr. 1 an dem er nicht mit voller Hingabe mitgearbeitet hätte. Lilien stammt aus jenem Milieu, dessen Menschen uns „überlegenen" Westjuden zur Zielscheibe des Spottes dienen, über deren Gehaben wir uns „mokieren". Er ist zu Drohobycz in Galizien geboren. Nur schwer entgeht man der Versuchung jene anzuführen, die nicht aus Galizien, aus dem Osten stammen, wenn man von einer Regeneration jüdischen Volkstums spricht, Der Leidensweg des Künstlers blieb Lilien nicht erspart, es war ein Weg voll Leiden und Entbehrungen. Doppelt schwer mußte er sich durchbringen, denn seine Kunst meidet das Althergebrachte; er brachte seine ganze, wunderbare Eigenart und stand traditionären Kunstbegriffen gegenüber. So mußte seine Kunst nicht nur Schönheit bieten, der Künstler wurde gleichzeitig zum erklärenden Künder jenes neuen, frischen Lebens, das uns aus seinen Gestalten entgegengrüßt. . . Eine Zeit rastloser Arbeit, steter Fortentwicklung, liegt zwischen Liliens ersten Arbeiten und seinem eben abgeschlossenen Bibelwerk. Ein großes deutsches Verlagsinstitut (Westermann in Braunschweig), läßt eine Neuausgabe der Bibel erscheinen, die aber in einer Hinsicht sich von allen bisherigen Bibelausgaben unterscheiden wird: zum erstenmale wird das „Buch der Bücher" nicht bloß ein religiöses Erbauungsbuch, sondern eine Historie des Volkslebens sein. Als das unvergängliche Dichterwerk aller Zeiten wird es sich zeigen, als das „liebe und gute Buch*-, wie es Heine genannt. . . E. M. Lilien wurde berufen, um dieser Klassikerausgabe der Bibel die feine Kunst seines Stiftes zu leihen. Ein glücklicher Zufall ließ mich diese Arbeiten in ihren Anfängen sehen, einen lohnenden Blick in die „Werkstatt" tun. . . Wohl kein zweiter moderner Künstler erscheint zur Darstellung der biblischen Welt mehr berufen, als Lilien. Er wurzelt mit seinem ganzen Wesen in jener Welt, die sich uns in seinen Bibelzeichnungen erschließt. Gerade weil diese neue Bibel kein religiöses Wetk ist, vermag Lilien ihr den bildlichen Text zu geben. So sehr er sich auch scheut, an geheiligte Tradition zu rühren, dringt doch auch hier der ganze Reichtum seiner Phantasie hervor und läßt Bilder von durchaus origineller Auffassung entstehen. Denn der wahre Künstler bildet seine Welt, und nicht jene, wie sie in unserer Vorstellung entsteht. Lilien, der mit peinlicher Genauigkeit auf die historische Treue seiner Darstellungen achtet, war längere Zeit in Palästina. Ich möchte behaupten, daß keiner unserer Landschafter unseres Künstlers „Jerusalem vom Ölberg aus gesehen" treffen könnte. Der Zauber wie er über der Stadt der Väter liegt, der goldene Glanz, den Millionen sehnsuchtsvoller Judenherzen hinzuträumen, die blaue Romantik alles Vielzufernen — dieses Alles birgt Liliens Kunst und weiß sie zu zeigen. Und diese dunkle, tränenreiche Stimmung liegt in dem berühmten „An d« Klagemauer", und diese hoffensbange Sehnsucht in dem verzückten Gesichte des Juden, der zu ihr emporblickf. . . . Judenschmerz und Judenfreude klingen in diesem Künstler nach, wie er es in Morris Rosenfelds „Lieder des Ghetto" gezeigt: Da sind die zwei russischen Juden im Zwischendeck des Ozeansdampfers, in ihren Gesichtern die Verzweiflung und den Daseinshunger, die Resignation und die Durchgeistigung des russischen Judentypus. . Die gedämpfte, innige Feiertagsfreude lebt in den Bildern zum „Sabbath", zum „jüdischen Mai". Aber die „Lieder der Arbeit" verkörpern in trauriger Wahrheit das Stöhnen der ewig- Besiegten, zeitlos Ringenden. . . . Alle diese Verschiedenheiten weiß der Künstler zu meistern, nichts .Menschliches, nichts Jüdisches ist ihm fremd. . . . Auch in der Bibelillustrierung zeigt sich das. Da sah ich „Die Vertreibung aus dem Paradiese": Als wären sie sich des Jammers kommender Jahrtausende bewußt, so schleicht das erste Menschenpaar aus dem Eden . . . Oder das unsagbar feine „Die Opferung Isaaks"! Mit geradezu kindlicher Phantasie ist das dargestellt: dieser fromme Blick des Kindes, das suchende Auge des Erzvaters, ausspähend nach dem göttlichen Zeichen . . . Manchem mag es wie ein figürlicher Schnörkel erscheinen, wenn Abraham die Hand des gottgeweihten Opfers an seine Lippen führt. Ich aber glaube, daß sich uns an diesem Bilde ein herrlicher Dichter offenbart, der zu seinem Poem eine eigene, und doch so vertraute Melodie singt . . . Was erzählt doch nicht alles dieses, lebende Bild: „Moses zerbricht die Gesetzestafeln"! Der Messias, verzweifelnd an seiner Sendung, an sein Volk. Und seitwärts schreitet einer verhüllten Hauptes .. . So ist Blatt für Blatt dieser Zeichnungen wie eine Auferstehung verklungener, verrauschter Zeiten, wie die Neugeburt alter Helden. Unwillkürlich überkommt einen das Gefühl, als hätte man bisher an die bloße Sage geglaubt, und sähe nun Träume und Gedanken zur Wahrheit werden ... In den Zeichnungen zu dieser Bibel wird man erneut ihren Text lesen. Was Lilien für die moderne Buchschmuckkunst bedeutet, zeigt sich auch hier wieder. Aus den einfachsten Formen spricht ein hochkultiviertes Stilgefühl, eine frappierende Verschlingung der einfachsten Linien zu einem feinstilisierten Ornament. Da weiß er oft historischen Vorwurf mit moderner Ornamentik zu. verbinden, wie es die unten reproduzierte Vignette zeigt Sie ist in ihrem oberen Teile eine Wiedergabe aus dem berühmten ägyptischen Papyrus, das im Londoner Museum Hegt. Berühmt für die Historiker dadurch, weil dieses Dokument den einzigen historischen Bewreis für die Existenz der Juden in Ägypten bildet. In der ägyptischen Schrift bilden diese Figuren das Wort „Israel". Es erübrigt sich wohl zu sagen, daß/diese Skizzierung von Liliens Kunst und ..Schaffen keinen Anspruch auf ein Dokument eingehender . Würdigung erhebt. Ueber Lilien, den Künstler und Menschen, ist

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