Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 50 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425772--1188-2427528- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 50. „Neue National-Zeitung" Seite 7. wirklicht werden. Erst vor einiger Zeit hatte ich Gelegenheit, einen hohen Würdenträger, der den Juden nicht sehr gut gesinnt ist, zu sprechen und auch er gab mir zu, Idas* der Ansiedlungsrayon verschwinden müsse. Er meinte jedoch, dass alle Einschränkungen, sofern sie das Erziehungswesen betreffen, aufrecht erhalten werden müssten. Schliesslich nahm er Gelegenheit, die jüdischen Studenten lieh nahm er Gelegenheit, die jüdischen Studenten für die l niversitäts - Unruhen verantworttestierte. Eine Juden-Organisation in Russland. Unsere Konversation wandte sich nun einem andern Thema zu: Der allgemeinen Judenorganisation in Russland. ,,Sie wissen," sagte Xisselowitsch, .,dass ich in meinem Berichte über meine parlamentarische Tätigkeit die Notwendigkeit einer [uden-Organisation betonte? Ich habe gehofft, dass die Repräsentanten der jüdischen Bevölkerung in Russland 'zusammentreten würden, um ihre Ansichten auszusprechen und ich hätte gerne gemeinsam mit 'der .Majorität gearbeitet. Beider hat eine solche »Konferenz bisher nicht stattgefunden. Ich folge daher nur meinem Gewisse,i und meiner Geberzeugung. Wir -ind jedoch auf dem besten Wege, eine solche Konferenz einzuberufen. Sie wird auch, wie ich glaube, stattfinden und uns, die jüdischen Abgeordneten, üi unserer Arbeit unterstützen." /ein Schlüsse erkundigte ich mich noch beim Abgeordneten um seine Ansicht übcr.die beiden'Kongresse in Berlin, an denen er teilgenommen hatte. ..Auf der interparlamentarischen Konferenz wurde die Frage der Behandlung der rumänischen Juden angeregt. 'Die russischen Deputierten vereinigten sich zu diesem Zwecke mit den österreichischen Abgeordneten : do da leider hat das Konferenz- Komitee es abgelehnt, die Sache \or die Konferenz zu bringen, und damit war die Sache erledigt. So kam es, dass viele Delegierte von dieser Anregung überhaupt nichts wussten. < Was die jüdische Notabel a-Konferenz in Berlin betrifft, so betrachte ich sie >als einen Fehler. Die Repräsentanten der Allianz und der I-G -A. sind überhaupt nicht erschienen. Es ist jedoch zu erwarten, dass Lord Rothschild die Präsidentschaft dieser neuen Organisation annehmen wird, wenigstens haben es die Londoner Delegierten so versichert." * Ein {nterfteft mit Rechtsanwalt Witiavfar. Der ehemalige Deputierte der erstem! Duma und Führer der Kadetten, eKchtsanwalt W j n a w e r, schilderte einem Mitarbeiter des hebräischen Tagblattes „Lied Hasmhüi" gegenüber die jetzige Lage der russischen Juden folgcndermassen; Die Ursache dafür, dass sich die Oktobristen int der letzten Zeit fester der Rechten anschlössen, ist hauptsächlich darauf zurückzuführen.., dass die Kadetten von ihnen abschwenkten, um den oppositionellen Charakter der Regierung gegenüber zu betonen. Die Juden selbst haben von der 3. Duma nicht das geringste zu erwarten. Die Dktobristen werden es nicht zulassen, dass dir Lage der Juden verbessert werde, ebenso wie sie sich auch bezüglich der Reformen im Interesse der übrigen Bevölkerung ablehnend verhalten. Die Lage habe >\r}\ nur insofern geändert, als die Kadetten nunmehr entschlossen sind, energischer für die Juden enizatreteu, falls die Rechte und die Oktobristen mtisemitische Feindseligkeiten eröffnen sollten. * Eine «Dudendebatfe in der Dmna. Peters b u r g. den i 2. Dezember. In dc>r Dumasitzung vom 10. d. M. ging es recht stürmisch zu. Es handelte sich um eine Interpellation, welche die „Echtein- Russen" auf Anregung ihres Gesinnungsgenossen, des berüchtigten Pogromhetzers Markow II. eingebracht haben. In dieser Interpellation beklagen sich die Pogromhelden, dass die Regierung mit Stolypin an der Spitze durchaus revolutionär und verjudet sei -- an ihren Handlungen ist es wohl kaum zu merken —- Und als Bestätigung hiefür ziehen, die Interpellanten die Tatsache herbei, dass die Kegieruing in einem Zirkulär die Gouverneure beauftragt hat, denjenigen Juden, welche sich bis zum i. August i<)on in den Gebieten ausserhalb des ,.Anisiedlungs-Ra\.ms" iaf gesetzlichem Wege angesiedelt hatten, das Wohnrecht bis auf Widerruf zu gestatten. Dieser E'Tiss macht nach der Meimung der ..Leinen Russen" das Gesetz des „Ansicdlungs-Rayons" zu Nichts und die Juden überströmen in grossen Massen die echt-russischen Städte, besonders aber die Vaterstadt des erwähnten Pogromhcldcin Markow II. Die Stadt Kursk, heisst es dort, ist infolge dieses Erlasses direkt verjudet worden, und unter der dortigen christlichen Bevölkerung herrscht grosse Erregung darüber. Li Betracht ziehend, heisst es weiter, dass derartiges Vorgehen der Regierung die Beruhigung des Landes unmöglich m icht. wollen sie. die „Erbten Russen", wissen, ob (hau Ministerium des Innern etwas über diesen Erlass bekannt sei, und wenn ja, ob die Regierung gewillt sei. diesen E.rlass zurückzuziehen und alle Ausnahmsgesetze für die luden au(di weiter mit derselben Strenge gelten zu lassen. Die ersten, die diese Interpellation unterschrieben, haben, sind eben Markow II. und sein Freund Purischkew itsch. Die „Echten Russen" verlangen die Dringlichkeit; ihnen schloss sich aus diametral entgegengesetzten Beweggründen die äussere Linkt" an. Als erster tritt für die Dringlichkeit der Interpellation der Sozialdemokrat Gegeczkori ein. Er sieht im dieser Interpellation euie schändliche Verhöhnung des jüdischen Volkes und er fordet die Duma auf, sie einstimmig zu verwerfen. Er wird von der Rechten mit „Jud" beschimpft. Gegen, die Dringlichkeit und für die Zuweisung an eine Kommission sprich der Oktobrist Fürst Tenischew. Darauf betrat Markow IL. der Verfasser der Interpellation, die Rednertribüne. Der Vorsitzende Ghomjakow, Böses ahnend, fordert den Redner schon im Vorhinein auf, zur Sache zu sprechen. Der „Echte Russe" ergeht sich in allerhand Schimpfereien. Er klagt die Regierung des Verbrechens an nicht etwa, weil sie an einem Tage 37 Todesurteile bestätigt, sondern weil sie angeblich 'den Juden zu grosses Entgegenkommen erweist. Der Vorsitzende ruft ihn w iederholt zur < )rd nung, aber Markow II. >etzt seine Angriffe mit erhöhtem Eifer fort; er bringt es so weit, dass sich die anwesenden Regierungsvertreter veranlasst sehen, dein Saal zu verlassen. Die Bemühungen der Pogromhelden blieben insoferne vergebens, als die Dum 1 die Dringlichkeit der Interpellation abgelehnt hat. Für die Ablehnung der Dringlichkeit stimmten die Oktobristen und die Kadetten. Wie der seit eini-